Angriff auf Hamas Was Israel im Gaza-Streifen macht


Die Operation "Gegossenes Blei" ist die massivste Attacke Israels auf den Gaza-Streifen seit mehr als 40 Jahren. Warum flammt der Nahost-Konflikt plötzlich so heftig wieder auf? Wer sind die Hauptgegner? Und welche Rolle spielt Ägypten in dem Konflikt? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Bei ihren Angriffen auf den Gaza-Streifen hat die israelische Luftwaffe wichtige Gebäude der Hamas zerstört. Ziele waren die Islamische Universität, ein Haus neben der Residenz des Ministerpräsidenten und ein Gebäude der Sicherheitskräfte in Gaza. Im Morgengrauen waren große schwarze Rauchwolken über Gaza zu sehen, überall war das Dröhnen der Triebwerke pilotloser israelischer Drohnen zu hören. Dazu gab es ständig Explosionen neuer Einschläge von Bomben und Raketen. Außerdem wurde das Gebäude neben dem Haus von Ministerpräsident Ismail Hanija in einem Flüchtlingslager nahe Gaza bombardiert. Hanija hielt sich zum Zeitpunkt des Angriffs nicht dort auf. Trotz der Offensive feuerte die Hamas wieder Raketen auf Israel ab. Ein Geschoss schlug in der Stadt Aschkelon ein und tötete einen Arbeiter. Es war das erste Mal, dass es dort ein Todesopfer infolge von Raketenbeschuss gab.

Warum flammt der Konflikt plötzlich wieder so heftig auf? Wer kämpft gegen wen? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen des Konflikts.

nik, mcp mit Agenturen

Was ist der Gaza-Streifen?

Der Gaza-Streifen ist rund 40 Kilometer lang und fünf bis zehn Kilometer breit - von der Fläche her ungefähr so groß wie Bremen. Er liegt südlich von Israel an der Mittelmeerküste. Zusammen mit dem Westjordanland gehört es seit 1994 zu den Palästinensischen Autonomiegebieten. Rund 1,5 Millionen Menschen leben dort unter zum Teil erbärmlichen Bedingungen. Große Teile von ihnen sind auf internationale Hilfe angewiesen. Obwohl der Landstrich vor allem von Sand und Dünen eingenommen wird, ist er mit den Städten Gaza, Khan Yunis und Rafah eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt. Der Gaza-Streifen ist in der Energie- und Wasserversorgung vollständig von Israel abhängig.
Bis 1967 stand das ehemalige britische Mandatsgebiet unter ägyptischer Verwaltung, ehe es im Sechs-Tage-Krieg von Israel besetzt wurde. Im September 2005 hatte Israel seine Truppen aus dem Gaza-Streifen abgezogen sowie die Häuser der 8500 jüdischen Siedler geräumt. Israel behält jedoch die Kontrolle über den Luftraum, die Küstengewässer und die Grenzübergänge.
Seitdem die Hamas 2005 die Herrschaft über den Gaza-Streifen übernommen hat, werden von hier aus immer wieder israelische Städte wie Sderot und Aschkelon mit Raketen beschossen.

Warum bombardiert Israel den Gaza-Streifen?

Die israelische Operation "Gegossenes Blei" richtet sich gegen Stellungen der Hamas und deren Infrastruktur im Gaza-Streifen. Mit der Offensive versucht Israel die ständigen Raketenangriffe militanter Palästinenser auf das israelische Grenzgebiet zu unterbinden. Seitdem sich Israel 2005 aus der Küstenregion zurückgezogen hatte, werden vor allem die Orte Sderot und Aschkelon regelmäßig mit Kassamraketen beschossen. 7000 sind in dieser Zeit auf israelischem Gebiet eingeschlagen. Noch während des Waffenstillstands zwischen Hamas und Israel, der Mitte Dezember zu Ende ging, waren es rund 70. Auch die Israelis hatten den halbjährigen Waffenstillstand gebrochen, als sie im November einen Tunnel zerstört hatten, durch den angeblich israelische Soldaten in Richtung Gaza-Streifen hätten entführt werden können. Das weit verzweigte Tunnelsystem zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten ist ebenfalls Ziel israelischer Angriffe. Durch diese unterirdischen Wege schmuggeln Palästinenser Lebensmittel, Waren und Waffen in den abgeriegelten Gaza-Streifen.
Offiziell verübt die Hamas zwar keine Anschläge oder Angriffe auf Israel, unterstützt aber militante Gruppen, die das tun. Die hohe Zahl ziviler Opfer bei der Operation "Gegossenes Blei" erklärt sich auch dadurch, dass viele "Stellungen" militanter Palästinenser in privaten Häusern, in Kindergärten, Schulen und anderen zivilen Gebäuden liegen.

Wer ist die Hamas?

Der Name Hamas steht übersetzt für "Islamische Widerstandsbewegung". Die islamistische Bewegung entstand im Zuge der ersten Intifada (1987 bis 1993), dem Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung. Der Gründer, Scheich Ahmad Yasin, starb 2004 bei einem israelischen Raketenangriff. Einer ihrer wichtigsten Führer, Chaled Maschaal, lebt in Syrien. Ihre Wurzeln hat die Bewegung in der ägyptischen Muslimbruderschaft. Ziel ist die Errichtung eines islamischen Gottestaates, der das gesamte ehemalige britische Mandatsgebiet Palästina umfasst. Die Hamas erkennt daher den Staat Israel nicht an und ruft zu seiner Zerstörung auf. Bei der letzten Wahl in den palästinensischen Autonomiegebieten 2006 erreichte die Hamas die Mehrheit der Stimmen und regiert nach blutigen Auseinandersetzungen mit der Fatah, dem innerpalästinensischen Erzfeind, seit 2007 alleine.
Der militärische Flügel der Hamas hat Dutzende von Selbstmordanschlägen verübt, verzichtet seit einigen Jahren aber offiziell auf diese Form der Gewalt. Allerdings unterstützt sie Attentate sowie den Beschuss Israels vom Gaza-Streifen aus durch Terrororganisationen wie den Islamischen Dschihad. Die USA, die EU und Israel stufen die Hamas deshalb als terroristische Organisation ein. Die Hamas wird, wie auch die Hisbollah im Libanon, vor allem von Iran unterstützt. Zugute gehalten wird der Hamas, dass sie die Lage im Gaza-Streifen stabilisiert, sowie ein Netz von Einrichtungen für Gesundheitsversorgung, Bildung und Sozialhilfe eingerichtet hat.

Was unterscheidet Hamas und Fatah?

Die Fatah ist Teil der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO, die 1965 von Jassir Arafat gegründet wurde, sowie deren größte Bewegung. Aktuell wird sie vom palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas geführt. Die PLO und vor allem die Fatah ist der Hamas in tiefer Feindschaft verbunden. Während die Fatah die Macht im Westjordanland hat, regiert die radikalislamische Hamas seit Juni 2007 im Gaza-Streifen. Die Fatah bemüht sich seit Jahren um Verhandlungen mit Israel. Ziel ist es, einen unabhängigen palästinensischen Staat zu errichten. Im Gegensatz zur Hamas setzt die Fatah bei ihren Bemühungen allerdings weitgehend auf moderate Forderungen an Israel. Sie wird deshalb auch von westlichen Staaten - mit Einschränkungen - als Gesprächspartner akzeptiert. Allerdings ist die Fatah bei großen Teilen der palästinensischen Bevölkerung wenig populär, was nicht nur daran liegt, dass ihr Vetternwirtschaft und Korruption vorgeworfen wird. Hauptvorwurf vor allem vieler Flüchtlinge und Bewohner des Gaza-Streifens ist, dass die Fatah sich nicht konsequent genug für die Interessen der Palästinenser einsetze. Die Hamas ihrerseits nutzt die katastrophale wirtschaftliche, politische und soziale Lage der Palästinenser geschickt für ihre radikalen Ziele gegen Israel aus. Mit Sozialeinrichtungen für Bedürftige, Unterstützung für die Familien gefallener Kämpfer und Bildungseinrichtungen baut sie ihre Sympathien bei der palästinensischen Bevölkerung aus.

Welche Rolle spielt Ägypten?

Der Gaza-Streifen gehörte bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967 zu Ägypten. Während des Krieges eroberte Israel das Gebiet. Im Rahmen des Camp-David-Abkommens von 1978 verhandelten beide Staaten über die Verwaltung Gazas. Der damalige ägyptische Präsident Sadat weigerte sich, Verantwortung für das Gebiet zu übernehmen. Stattdessen wollte er im Gaza-Streifen ein Verbindungsbüro unterhalten. Das wiederum lehnte Israel ab. Israel und Ägypten haben den Gaza-Streifen nach der Machtübernahme der Hamas im Juni 2007 von der Außenwelt abgeriegelt, was zu einer katastrophalen wirtschaftlichen und sozialen Lage im Gaza-Streifen führte. Im Januar hatten Bewohner des Gaza-Streifens Löcher in die Grenzabsperrungen gesprengt und Hunderttausende Palästinenser strömten tagelang nach Ägypten, um sich dort mit Lebensmitteln und Waren des täglichen Gebrauchs einzudecken. Seit dem Vorfall haben die ägyptischen Grenzwachen die Anlagen verstärkt.
Nach Beginn der israelischen Angriffe haben Hunderte Palästinenser die Grenze nach Ägypten erneut an mehreren Stellen durchbrochen, um vor den Attacken zu flüchten. Ägyptische Sicherheitskräfte eröffneten daraufhin das Feuer und durchkämmten das Gebiet auf der Suche nach schätzungsweise 200 palästinensischen Eindringlingen.
Israel seinerseits bombardierte Tunnelanlagen, die unterhalb der Grenze nach Ägypten. Schmuggler haben in den vergangenen Jahren dutzende Tunnel in dem Gebiet gegraben, durch die Waffen und Versorgungsgüter in den Gaza-Streifen gelangen. Die ägyptische Weigerung, die Grenze zu öffnen, wurde in der arabischen Welt heftig kritisiert. Der Chef der libanesischen Hibollah-Miliz, Hassan Nasrallah, rief dazu auf, den Druck auf Ägypten zu erhöhen.

Wird Israel die Angriffe ausweiten?

Nach Auskunft der israelischen Regierung wird die Operation "Gegossenes Blei" noch einige Zeit andauern. Das Land führe gegen die Hamas einen "Krieg bis zum bitteren Ende", sagte Verteidigungsminister Ehud Barak. Die Organisation solle gezwungen werden, ihre "feindlichen Aktionen" gegen die israelische Zivilbevölkerung einzustellen. Damit sind die regelmäßigen Raketenattacken auf Aschkelon und Sderot gemeint.
An der Grenze zum Gaza-Streifen wurden zudem Panzer stationiert, das Grenzgebiet selbst wurde zur militärischen Speerzone erklärt - Anzeichen für eine sich abzeichende Bodenoffensive. In Israel selbst wurden mehrere tausend Reservisten eingezogen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker