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Ägypten: Teja Fiedler

Er ist der längste Strom der Welt und prägt das Land, durch das er fließt. Kultur, Geschichte und Landschaft Ägyptens lassen sich bei einer Studienkreuzfahrt auf dem Nil besonders gut erleben.

Die Sonne geht unter wie auf einer Kitschpostkarte. Ein halbes Dutzend Holzboote mit weißen Dreiecksegeln kreuzt auf dem Nil, der hier nicht blau oder weiß, sondern rostbraun ist und breit wie ein See. Vom Ufer schallt der Ruf des Muezzin zum Gebet. Die Neonstäbe am Minarett seiner Moschee leuchten vielfarbig gegen das Gold der tiefen Abendsonne an, buntes Neonlicht scheint die moderne Zierde der Gebetshäuser an Ägyptens großem Strom zu sein.

Schnell wird es dunkel. So dunkel, dass die Lehmhäuser am Ufer im Nichts verschwinden und nur ein paar zitternde Lichtpunkte übrig bleiben. Und die hell erleuchtete Fassade des Horustempels von Edfu, der über uns auf dem Hochufer steht wie eine Verheißung. Morgen bei Tag werden wir ihn besichtigen. Unser Kreuzfahrtschiff, die "Nile Intrepid", legt direkt unterhalb des über 2000 Jahre alten Bauwerks an - und prompt fällt einem Napoleons berühmter Satz ein, den er 1798 auf seinem Ägyptenfeldzug angesichts der Pyramiden sprach: "Soldaten, 40 Jahrhunderte schauen auf euch herab."

Geschichte satt haben wir schon zu Beginn unserer Reise gelöffelt: mit den überwältigenden Tempeln von Luxor und Karnak, der Gräberlandschaft im Tal der Könige und dem Toten-Palast der Königin Hatschepsut. Wir haben gestaunt über die Eleganz und Akribie, mit der die Steinmetze des Alten, des Mittleren, des Neuen Reiches vor 4000, 3000, 2000 Jahren ihre Götter, Pharaonen und Mitmenschen auf Reliefs oder als Kolossalstatuen verewigten. Und wie das trockene Wüstenklima diese Werke bis heute konservierte, zum Teil noch mit der Originalbemalung.

Dann sind wir auf die "Nile Intrepid" umgestiegen. Schließlich hatten wir unsere Bildungsreise durchs Land der Pharaonen als "Nilkreuzfahrt" gebucht. Die "Nile Intrepid", zu Deutsch die "Furchtlose auf dem Nil", ist unter den mehr als 200 Kreuzfahrtschiffen auf dem weltweit längsten Strom eines der kleinsten und schnuckeligsten. Vorteil: Man bleibt unter sich, kennt nach einem Tag die Mannschaft vom Kapitän bis zur Küchenhilfe und wird von der Besatzung als Person und nicht nur als Kunde wahrgenommen. Nachteil: Man kann an Bord nicht entrinnen. Ist den unvermeidlichen Langweilern in der Gruppe ausgeliefert, die einen mit endlosen Geschichten ohne Pointen plagen, den Besserwissern mit dem Baedeker unterm Arm, den Nörglern, die stets ein Haar in der ägyptischen Kürbissuppe finden.

Eine Studienfahrt nilaufwärts

ist kein müßiges Sich-Treiben-Lassen. Kein fortwährendes Gammeln auf dem Sonnendeck, nur unterbrochen durch drei üppige Mahlzeiten und einen gelegentlichen Landausflug. Wer hier teilnimmt, will lernen. So viel wie möglich über Land, Leute, Kunst, Geschichte. Länger als einen halben Tag sind wir nie durchgehend an Bord. Denn der Nil ist recht dicht von antiken Tempeln und Gräbern gesäumt, und so gibt es viele Gelegenheiten etwas zu lernen. Unser Reiseleiter Tarek, Muslim (gemäßigt), Ägyptologe (glühend), Germanist (studiert), brachte uns die ehrwürdigen Bauwerke nicht nur näher, sondern so nah wie eine Großaufnahme.

Spätestens in Abu Simbel wusste jeder aus der Gruppe, was ein Pylon ist (Eingangstor zum Tempel), und konnte fachmännisch über die mindere Qualität der Steinmetzarbeiten unter Ramses II. diskutieren. Dieser bekannteste der Pharaonen ließ seine Kolossalstatuen nach dem Grundsatz "Masse statt Klasse" meißeln. Die verwirrende altägyptische Götterwelt mit dem Sonnengott Ra an der Spitze stand uns falken-, widder-, krokodilköpfig oder auch kuhohrig nach Tareks Erläuterungen an zahlreichen Meisterreliefs zumindest verbal zu Gebote. Was einen Mitreisenden an der Reling angesichts eines prächtigen Sonnenuntergangs zu dem Ausruf trieb: "Ich schau mal, wie der Ra hinter dem Berg versinkt."

Auf dem Weg hinauf zum Horustempel müssen wir am nächsten Morgen, wie vor jedem Monument, erst die "Todesmeile" überwinden, diese Strecke des ungebremsten Kommerzes. Kinder bieten Postkarten "gaaanz billig" an oder rufen nach Gratiskugelschreibern. Männer in Beduinenkluft wollen arabische Streichinstrumente verhökern, die völlig unbespielbar aussehen. Oder einen Satz Mini-Pyramiden aus Alabaster, Plastik oder Sandstein. Auch Kamelritte werden angepriesen, Wasserpfeifen, Götterstatuen und Beduinenpüppchen. Ein paar freundliche Herren wie aus einem Karl-May-Schmöker scheinen nur rumzustehen. Doch wenn jemand die Kamera zückt, machen sie eindeutig und hartnäckig die Bakschisch-Geste.

Kaum hört die Händlerschar, dass die Besucher deutsch sprechen, geht sie sprachlich punktgenau vor. "Bis später", krähen zwei kleine Jungs, "Eile mit Weile." Nicht zum Abschied, zum Einstieg. "Maschendrahtzaun", schleudert ein Beduine froh grinsend den Touristen als Kaufargument entgegen. "Mutti, hoppe, hoppe Reiter", lockt ein Kamelvermieter.

Ein Verkäufer der Araber-Fiedel quält seinem Instrument den berüchtigten Ententanz ab. Als das nichts fruchtet, singt er treudeutsch: "Fidiralala, fidiralala, fidiralalalala." Wie schrieb schon der Baedeker von 1906? "Der gewöhnliche Orientale hält den europäischen Reisenden für einen Menschen von unangemessenem Reichtum und teilweise auch, da ihm Zweck und Lust des Reisens unverständlich sind, für einen Narren."

Europäische Narren haben in Ägypten eine lange Tradition. Das zeigen die vielen Inschriften, die Besucher oft ohne Rücksicht neben oder sogar in 3000 Jahre alte Reliefs kratzten. Im wunderschönen Isis-Tempel von Philae auf einer Nilinsel bei Assuan haben sich gleich zwei berühmte Männer im Sandstein verewigt. Napoleon und Lord Kitchener, bevor er von Ägypten aus den Sudan für die britische Krone eroberte. Doch die beiden Militärs waren bei weitem nicht die ersten Neugierigen. Schon in der Antike existierte ein reger Ägyptentourismus, wie Inschriften auf Altgriechisch bezeugen.

In Assuan steigen wir vom Schiff auf den Bus um. Zu den Felsentempeln knapp vor der sudanesischen Grenze darf man aus Sicherheitsgründen nur im Konvoi fahren. Und so gehen wir um vier Uhr morgens nicht allein auf die Drei-Stunden-Fahrt durch die Wüste. Eskortiert von Militärfahrzeugen brechen etwa 50 Busse in langer Reihe nach Süden auf. Wir werden in Abu Simbel nicht einsam sein.

Touristenballungen muss man,

das ist uns inzwischen klar, den Nil entlang in Kauf nehmen. Fast alle Reisegruppen besuchen die gleichen herausragenden Bauwerke und das auch noch häufig zur selben Zeit. Daher ankern auf den Reeden von Luxor oder Assuan die Kreuzfahrtschiffe auf Kilometerlänge in Dreier- oder Viererreihen. Beim Besuch eines "typischen Nubierdorfes" nahe Assuan zählen wir am Anleger 31 Barkassen, die jeweils 20 bis 30 Personen ins unverfälschte Nubierleben entführen, das hier primär dem Bakschisch-Gedanken verpflichtet scheint.

"Keine Sorge", sagt Tarek, als im frühen Morgenlicht aus allen angekommenen Bussen Menschenschwärme in Richtung der beiden Felsentempel strömen, "die meisten haben höchstens eine Stunde Zeit und fahren dann wieder zurück. Dann gehört uns Abu Simbel fast allein." Denn wir bleiben den ganzen Tag und machen uns erst am nächsten Morgen per Schiff auf den Rückweg über den 480 Kilometer langen Stausee, der sich hinter dem Assuan-Damm gebildet hat.

Tatsächlich, bis etwa zehn Uhr wimmelt es vor den gigantischen Tempelfassaden wie zu Zeiten des Ramses, als tausendköpfige Arbeiterscharen die Riesenstatuen von ihm und seiner Lieblingsfrau Nofretete errichteten. Um wenigstens im Inneren der Tempel etwas Andacht und Ruhe einkehren zu lassen, haben die ägyptischen Behörden hier - und auch bei herausragenden Gebäuden andernorts - den Fremdenführern untersagt, mit ihrer Gruppe nach drinnen zu gehen. "Da war es früher furchtbar laut, ein Guide hat den anderen überschrien", gibt Tarek zu. Heute müssen die Führer draußen im Voraus erklären und dann ihre Schäflein mit besten Wünschen hineinschicken.

Gegen Mittag liegt Abu Simbel tatsächlich still, verlassen und eindrucksvoll da. Die Wächter haben Zeit, jeden Besucher einzeln zu begrüßen und sich mit dem riesigen Messingschlüssel in der Form des altägyptischen Lebenszeichens am Eingangstor fotografieren zu lassen. Abends bringt eine Ton-und-Licht-Schau den verbliebenen Touristen die Rettung Abu Simbels vor den Fluten des Nasser-Stausees in den 60er Jahren nahe. Die Musik schluchzt wie im Hollywood-Kolossalfilm, doch die Bilder, auf die Tempelfassaden projiziert, sind bewegend.

Die nächsten zwei Tage fahren wir mit der "Nubian Sea" auf dem Nassersee zurück nach Assuan. Das Boot ist doppelt so groß wie die "Nile Intrepid" und halb so persönlich. Der Nassersee ist verglichen mit dem nicht aufgestauten Unterlauf des Nils ziemlich leer. Nur sechs Kreuzfahrtschiffe haben eine Lizenz dafür, und auch am Ufer regt sich wenig. Denn das Land an der Küste ist nichts als Wüste. Die lebt, wo Tempel stehen. Denn dort warten auch geschäftstüchtige Beduinen. Sie sind der Auffassung, wesentlich fotogener zu sein als die Pylone und Tempelreliefs und bedienen sich ungewöhnlicher Hilfsmittel, um ihre Attraktivität noch zu steigern.

Der erste Wüstensohn am Tempel des Tutmosis III. lässt einen gelben Skorpion über seinen Handrücken krabbeln und setzt ihn gegen geringes Entgelt und Protestgeschrei kichernden Touristinnen auf die Schulter. "Ungefährlich", grinst Tarek, "den Giftstachel hat er vorher abgeknipst." Der zweite Beduine macht sich mit einer Schlange interessant. Tödlich, doch ungefährlich, da sicher in einer Mineralwasserflasche weggesperrt. Was nur kann der Dritte noch bieten? Ein Krokodil! Einen Meter lang und wegen der trockenen Hitze schon ziemlich komatös. Man kann es wie einen Teddybär an die Brust drücken und darf das auch - natürlich gegen einen kleinen Obolus.

Nach einem abschließenden Tempel in Assuan - Ramses nuckelt hier auf einem Relief an der Brust einer Göttin, um seine übernatürliche Abstammung zu bekräftigen - bewältigen wir die letzte Etappe unserer Nilkreuzfahrt nach Kairo mit dem Flugzeug. Dort erwarten uns noch zwei Tage lang die Wunder der Pyramiden, des Sphinx - nicht der Sphinx, um Ammons willen, wir reisten mit Studiosus! - und des Altägyptischen Museums. Höchst sehenswert, doch das steht auf einem anderen Papyrusblatt als unsere Fahrt "Furchtlos auf dem Nil".

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