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Amzonas in Brasilien: Auf dem Fluss durch einen Ozean von Bäumen

Einmal ausbrechen und im Regenwald verschwinden. Nur noch müde, schmutzig und durstig sein - wie Indiana Jones. Eine abenteuerliche Reise zu Goldsuchern und Indianern.

Von Amrai Coen

Letzte Nacht war Karneval. Ich hasse Karneval, erst recht an diesem Morgen, an dem ich mit einem Kater aufwache. Ich schaue auf die Uhr, sehe, dass in zehn Minuten der Pick-up fährt, der Wagen, der mich meinem Ziel ein Stück näher bringen soll. Mein Ziel heißt Eldorado Juma, das Goldland, aber keiner kann mir genau sagen, wo es liegt. Zwei Tage mit dem Boot fahren, sagt einer. Drei Tage mit dem Bus fahren, ein anderer. Drei Stunden fliegen, der Dritte.

Ich knülle Unterhosen und stinkende T-Shirts in meinen Rucksack, schlucke eine Ibuprofen gegen die Kopfschmerzen. Noch vier Minuten. Ich laufe zu der Kreuzung, an der der Truck warten soll. Nichts. Niemand. Wo in der Nacht noch eine Bühne aufgebaut war, wo Tausende Brasilianer tranken und brüllten, sich in Ekstase tanzten, liegen an diesem Morgen nur ein paar benutzte Kondome.

Worauf ich warte, fragt ein heruntergekommener Typ. "Es ist Karneval, Mädchen, Karneval! Wir lieben den Karneval, wir hassen die Arbeit, deshalb feiern wir und arbeiten nicht. Vor Samstag fährt kein Truck ins Goldland!"

Festhängen in Novo Aripuanã

Ich stelle mich an den Straßenrand und hoffe, dass ein Viehtransporter, ein Motorrad, irgendwas vorbeikommt. Die Sonnenstrahlen fressen sich in meine Haut, die Mücken in mein Fleisch. Niemand stoppt, niemand kommt. Nur ein Fahrer will sich auf die Straße trauen. Aber erst in drei Tagen. Einen Monat lang werde ich am Amazonas unterwegs sein. Ich will mich treiben lassen, will müde, schmutzig, durstig sein, will wilde Tiere sehen, Indianer treffen, will Indiana Jones sein, eine Auszeit nehmen von der Zivilisation.

Abenteuer gibt es bei den Goldsuchern, hat man mir in Manaus gesagt, der Dschungel-Hauptstadt. Das ist drei Tage her. Also habe ich mich auf den Weg gemacht. Bin 40 Stunden lang mit einem Bananendampfer über den Rio Madeira gefahren, immer nach Süden. Schlief zusammen mit 170 Leuten an Deck, Hängematte an Hängematte, hielt 34 Stunden brasilianischen Schlager in Discolautstärke aus. Tags schrien die Kinder, nachts schnarchten die Männer, immer brüllte der Motor, immer roch es nach Klo. All das, um jetzt hier am Straßenrand zu stehen?

Novo Aripuanã heißt das Kaff, in dem ich festhänge. Es liegt 220 Kilometer südlich von Manaus und findet sich auf kaum einer Karte. 1000 Einwohner, eine Tankstelle, ein Friedhof. Eine Sackgasse.

Tag 6: Die schlimmste Straße der Welt

Zu acht quetschen wir uns auf die fünf Sitze des Pick-ups, zwei Motorräder auf der Ladefläche, dazu Dutzende Kilo Nudeln, Bohnen, Reis. Der Fahrer, ein schwabbeliger Fleischberg ohne Schneide zähne, startet den Wagen mit einem Kurzschluss. Gibt Gas. Wir rutschen, wir schlingern über ein Band aus rotem Schlamm, das sich durch Täler, durch Flüsse, über Berge zieht. Der Fahrer pfeift, die Frauen kreischen, ein Mann kotzt aus dem Fenster.

Die Bela Estrada, die "schöne Straße", ist die schlimmste Piste der Welt. Knapp 300 Kilometer lang, an manchen Stellen nur einen Baumstamm breit, führt sie durch den Amazonas-Regenwald. Motorsägen knattern; rechts und links ist weithin alles abgeholzt. Baumstümpfe, Asche, am Horizont Rauchschwaden. Die grüne Lunge: eine Raucherlunge. Rinderzüchter roden das Land für ihre Weiden, überall steht diese Rasse, die man eigentlich nur aus Indien kennt, sie kommt besser klar mit der Hitze als die europäischen Rinder. Rund ein Fünftel des Regenwaldes wurde in den vergangenen 40 Jahren meist gesetzwidrig vernichtet; 80 Prozent dieser Fläche werden für Viehzucht genutzt.

Mit im Auto: eine Rinderzüchterin. Als der Fotograf, der vor mir sitzt, Bilder machen will, schreit sie ihn an: "Bist du verrückt? Du darfst hier nicht knipsen! Du willst nur zeigen, was wir falsch machen. Ihr Ausländer habt kein Recht uns zu sagen, was richtig ist! Bei euch ist der Wald doch längst zerstört, und nun zeigt ihr auf uns, weil wir tun, was ihr getan habt. Um den Wald zu retten, braucht man Geld. Wir haben kein Geld."

Das durchschnittliche Monatseinkommen eines Brasilianers liegt bei umgerechnet 670 Euro, die Rinderzüchterin sagt, sie verdiene mit ihren 72 Rindern ein Dreißigstel davon, 22 Euro. In ihrer eigenen Hauptstadt könnte sie sich davon zwei Kinokarten kaufen. "Ihr Europäer esst doch unser Fleisch!", brüllt sie. Brasilien ist der größte Fleischlieferant für Europa, mehr als zwölf Tonnen gehen jeden Tag nach Deutschland. "Wie soll ich an morgen denken, wenn ich heute nicht überleben kann?"

Tag 8: Gott ist Gold

Aus der Erde blubbert roter Schlamm. Als blute der Wald. Überall Krater, eine Landschaft wie auf einem fremden Planeten. "Weg vom Rand", schreit ein Mann, als ich an eine 20 Meter tiefe Grube trete. An ihrem Grund stehen Goldgräber im Schlamm: Ameisen, klein und hilflos. Plötzlich donnert es. Ein Erdrutsch. Die umliegenden Goldgruben krachen und grollen, die Arbeiter reißen die Erde ein, immer größer sollen die Krater werden. "Dabei geht immer mal wieder einer hops", erzählt der Mann. "Zuletzt . . . das muss vor zwei Wochen gewesen sein."

Tibúrcio, 47, war in seinem ersten Leben Holzfäller, sägte sich irgendwann drei Finger an der linken Hand ab und lernte, wie man mit zwei Fingern Gitarre spielt. 2006 fanden vier Landstreicher eini- ge Nuggets am Rio Juma, einer verplapperte sich in der nächsten Dorfbar, er sagte: "Ich schwimme in Gold." Der Satz hallte durch Zeitungen, durch Radio und Fernsehen, weckte Hoffnung und Gier. An die 10.000 Glücksritter hetzten an den Rio Juma, erfasst vom "Amazonian Dream": vom Goldwäscher zum Millionär. Unter ihnen war Tibúrcio.

Es war der größte Goldrausch seit den 1980er Jahren, als 80.000 Garimpeiros in die Serra Pelada strömten. Und auch am Rio Juma verwandelten die Hoffnungsvollen den Regenwald in eine Fieberhölle. Tausende erkrankten an Malaria und Durchfall, Geld verdienten allein die Buschpiloten, die Händler und die Huren. Ein halbes Jahr später war die Goldmine erschöpft. Jene, die es sich leisten konnten, verschwanden. Die anderen hängen fest, bis heute, in Eldorado Juma: 30 Kinder, 60 Frauen, 400 Goldsucher. Eine Kirche.

Täglich predigen die Schürfer die Mythen von damals: vom Bauern, der 36 Kilo in einer Woche gefunden haben soll, vom Bettler, der heute eine Villa besitzt, vom Pfarrer, der einen dicken Klumpen unter seinem Bett versteckt hält.

Tibúrcio schürft. Gemeinsam mit vier anderen spült er mit Wasserschläuchen die Erde auf, filtert den Schlamm, schwenkt das Matsch-Destillat in einer Pfanne, gibt ein paar Tropfen Quecksilber dazu, einige Körner färben sich silbrig. Über einem Feuer wird das Quecksilber verdampft, die Körner schimmern. "Oro", sagt Tibúrcio, Gold! Und hält doch nur eine Prise Staub in der Hand. All die Krater für diese paar Krümel?

Abends verteilt Tibúrcio die Brösel, jeder aus seiner Mannschaft erhält zwei Gramm im Wert von umgerechnet 56 Euro. "Im Goldrausch kostete eine Frau für eine Nacht bis zu 120 Gramm", sagt Tibúrcio. Heute nur noch vier bis fünf.

Abends sitzen wir mit den anderen Garimpeiros vor seiner Hütte, er spielt mit zwei Fingern Gitarre, wir trinken Schnaps. Ob der Wald die Mondlandschaft eines Tages zurückerobern wird? "Hier wird nie wieder eine Kartoffel wachsen", sagt Tibúrcio. Aber eigentlich ist ihm auch egal, was passieren wird. "A vida é agora", sagt er. Das Leben ist jetzt.

Tag 13: Gläubig am Amazonas

Das Motorboot rast über den braunen Fluss. Tukane am Himmel, Faultiere in den Bäumen, neben uns schwimmen Delfine. Eine Bootsfahrt am Amazonas ist wie eine Beichte; wer nicht gläubig ist, der wird es hier. Der Himmel, ein gigantisches Deckenfresko, ist gewaltiger als ein normaler Himmel. Die Sonne zerschmilzt im Fluss, am Horizont Durchzucken Blitze die Malerei.

Dann ist es Nacht, ich sehe Sternschnuppen und mehr Sterne, als es geben kann. Plötzlich rumst es. "Nicht schlimm", sagt der Bootsmann. "Nur ein Baumstamm oder ein Krokodil."

Die Reserva Mamirauá, ein Naturschutzgebiet gut 500 Kilometer westlich von Manaus, ist ein Mekka für Ökotouristen. In meiner Reisegruppe sind zwei Brasilianer, zwei Amerikaner, drei Russen. Indianer führen uns durch den Wald und zeigen uns Termitennester, Brüllaffen und Faultiere. Der Wald sei eine Apotheke, sagt einer: Anakondafett heilt Knochenbrüche, eine Baumrinde wirkt wie Viagra.

Mittags ist es so heiß, dass ich gelähmt in der Hängematte vor meinem schwimmenden Bungalow liege und dem Atmen der Pirarucu-Fische lausche, zwei Meter große Tiere, die zum Luftholen an die Wasseroberfläche tauchen. Schlupp. Abends zeigen mir die Russen, wie man auch am Amazonas richtig trinkt: Man bestelle seinen Caipirinha mit Wodka, nicht mit Cachaça, dem hiesigen Zuckerrohrschnaps.

Das ausführliche Logbuch der abenteuerlichen Reise auf dem Amazonas finden Sie im neuen Geo Special "Brasilien"

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