Bahrain 1001 Nacht im Übermorgenland

Formel-1-Rennen? Dieses Spektakel gibt's hiernur einmal im Jahr. Doch in Bahrain, dem Inselchen im Übermorgenland, sind die Nächte auch ohne das Rennspektakel lang. Denn trotz Tradition ist es das Nightlife-Mekka Arabiens.
Von Helge Bendl

Sie steht mitten im Nirgendwo der Dünen, um sie herum viele Kilometer weit nur mal goldgelbe, mal erdbraune Schattierungen aus Sand. Grün leuchtet die einsame Akazie unter dem blauen Himmel, spendet viel Schatten mit ihren ausladenden Ästen, schützt die an den Stamm gelehnten Kameltreiber vor der grellen Wüstensonne. Sie ist berühmt im ganzen Land, man kennt die Akazie als "Baum des Lebens". Woher sie ihre Kraft schöpft, weiß aber niemand - das Wasser muss sehr, sehr tief liegen.

In Dubai hätte man dieses Naturwunder schon längst vermarktet. Man hätte eine Autobahn dorthin gebaut, ein Museum über die Wunderwelt Wüste errichtet, autorisierte Gastarbeiter als Guides für Touristen angestellt und dann noch eine Restaurantwelt errichtet. In Bahrain gibt es nur den Baum. Bahrain ist etwas anders als das sich so reißerisch vermarktende Dubai und deswegen glücklicherweise kein auf beziehungsweise in den Sand gebauter, riesengroßer Disney-Vergnügungspark (ohne die Maus). Vom furchtbaren Italo-Asien-Arabien-Kitsch Dubais bleibt man in Bahrain verschont. Wer will, findet hier noch das Echte, Ursprüngliche. Doch erstaunlicherweise ist man trotzdem liberaler als bei den bekannteren Nachbarn.

Tagsüber orientalische Märkte, nachts Party

Auch Bahrain boomt, wie so ziemlich jeder Staat in der Region. Hier bohrte man als Erstes in der Region nach Öl und scheffelte viele Jahrzehnte lang Petro-Dollars - doch hier versiegen die Ölquellen nun auch zuerst. Der Zwergstaat, kaum größer als Hamburg oder Frankfurt und mit nur 700.000 (im Gegensatz zu Dubai meist auch arbeitenden) Einwohnern, will sich andere Einnahmequellen erschließen. Die Zeichen stehen auf Öffnung à la Arabien: Die Macht bleibt zwar noch beim Herrscherhaus, Frauen haben aber das aktive und passive Wahlrecht. Bahrain wird zum Bankenzentrum, und dank der Formel-1-Rennstrecke wird die ganze Welt auf das Inselchen aufmerksam. Touristen aus Europa gibt es trotzdem erst wenige. Diejenigen, die kommen, können alt und neu verbinden - tagsüber orientalische Märkte, nachts orientalische Party.

Während sich der Boom des Landes an der Ostküste Saudi-Arabiens zwar in immer höheren Wolkenkratzern widerspiegelt, kann man trotzdem noch mit traditionellen Dhaus auf die benachbarten Inseln segeln, wo einst die Perlentaucher nach Neptuns Murmeln suchten. Und anders als in Dubai, wo man die Souks inzwischen in klimatisierten Shopping-Malls nachbaut, gibt es im Herzen von Bahrains Hauptstadt Manama noch einen echten Markt, belebt vor allem am Abend, wenn sich die Kühle der Nacht über die Häuser mit ihren meterhohen Windtürmen senkt, die ganz ohne Strom für einen erfrischenden Hauch in den oft mehr als hundert Jahre alten Gebäuden sorgen.

Frauen an der Macht

Im Souk haben die Frauen die Macht. Heerscharen von schwarz gewandeten Gestalten beugen sich über die Auslagen der Juweliere, um Brautschmuck für ihre Töchter oder eine Kleinigkeit für sich selbst zu erstehen. Ringe für Ohren, Finger, Nase und Zehen, Ketten, Anhänger, Broschen, Armreife, Amulette, traditionell oder trendy: Hier gibt es alles (oder man lässt es eben anfertigen). Bezahlt wird nach energischem Handeln bar und nach Gewicht - es hilft also, sich vorher nach dem aktuellen Goldpreis zu erkundigen. Ein paar Meter weiter, im Laden des Parfumeurs, mischen kundige Nasen den passenden orientalischen Duft zum schweren Geschmeide, und beim Gewürzhändler warten Safran, Weihrauch und Henna-Puder. Hier könnten Märchen aus 1001 Nacht beginnen, doch sie spielen inzwischen im Übermorgenland.

Das merkt man in den Nächten des arabischen Wochenendes, am Donnerstag und Freitag. Auf der Landbrücke nach Saudi-Arabien staut sich der Verkehr, weil alle zum Feiern nach Manama kommen - in Bars und Lounges und Clubs, wie es sie auch in Europa gibt. Hier dürfen auch die Männer, die in Saudi-Arabien als strenge Anti-Alkoholiker auftreten, ihren Whiskey trinken. Die Königinnen der Nacht haben lange schwarze Haare und nicht beim Make-Up gespart, sie haben in den USA studiert und parlieren auf Französisch, und selbstverständlich sagen sie auch zu einem Cocktail nicht nein. In dieser offenen Atmosphäre fühlte sich im vergangenen Jahr auch der "King of Pop" sichtlich wohl - Michael Jackson hatte sich nach seinem Freispruch im Missbrauchsprozess auf Einladung der Herrscherfamilie auf die Insel zurückgezogen. Man sah ihn immer mal wieder mit seinen Kindern beim Bummeln im Einkaufszentrum, und auch nachts war der exzentrische Star unterwegs. Weil Jackson sich aber wie konservative Frauen komplett mit einer Abaja verhüllte, hatte er schnell einen neuen Spitznamen: Aus "King of Pop" wurde "Queen of Arabia".

Das ist die Geschichte, die einem am nächsten Tag von einer Gruppe junger Leute in einem der Shisha-Cafés der Altstadt erzählt wird. Das ruhige Schmauchen einer Wasserpfeife ist eine Tradition, die auch sie schätzen - nach einer langen Party-Nacht mit stampfendem House-Beat ein angenehmer Kontrast. Nur in Sachen Kaffee haben Neuerungen aus dem Westen wenig Chancen. Latte Macchiato? Nie im Leben. Wer einmal in Manama frisch gerösteten Kaffee getrunken hat, gewürzt mit Ingwer und ein wenig Kardamom, verfeinert mit Rosenwasser, der weiß, warum.


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