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Bhutan: Im Land des Donnerdrachen

In Bhutan kümmern sich die Frauen ums Geld, die Männer sind für das seelische Wohl der Familie verantwortlich. stern.de-Autorin Gesine Unverzagt machte sich auf die Reise durch eine ferne, fremde Welt.

Schon der Flug mit der Druk Air von Delhi nach Paro ist ein Erlebnis. An den mächtigen, schneebedeckten Achttausendern des Himalaja entlang schwebt der Flieger in bedrohlichen Kurven vorbei an dicht bewaldeten Hängen und steilen Bergkämmen, bevor er im engen Paro-Tal zur Landung ansetzt in einer fremden, fernen Welt.

Von der Außenwelt abgeschnitten

Das zwischen Indien und China eingezwängte Königreich Bhutan war Jahrhunderte lang von der Außenwelt abgeschnitten. Bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts gab es keine Straßen, Schulen, Krankenhäuser und keinen Strom. Auch heute noch ist ein Großteil des Landes unerschlossen. Durch die Abgeschiedenheit und die Möglichkeit der Selbstversorgung blieb Bhutan aber auch von den negativen Effekten einer schlecht geplanten und sprunghaften Entwicklung bisher verschont. Erst seit wenigen Jahren gibt es Straßen, Fernsehen und Internet, wodurch das Leben sich völlig veränderte. Und auch der Tourismus wurde als Einnahmequelle entdeckt, wenn sich der Himalajastaat auch nur zögerlich öffnet. In dem kleinen Land, das mit 47.000 Quadratkilometern etwas größer ist als die Schweiz, leben 810.000 Einwohner, die zum Teil noch Nomaden sind. Hauptstadt ist Thimphu mit 50.000 Einwohnern. Der Buddhismus ist Staatsreligion, die Sprache heißt Dzongkha, in den Schulen wird in Englisch unterrichtet. Nach bewährter buddhistischer Philosophie sucht Bhutan heute nach einer Balance zwischen Erhaltung einer einmaligen Kultur und Tradition und kontrolliertem Fortschritt. Im Land des Donnerdrachen, "Druk Yul", so lautet der Name Bhutans in der Landessprache, ist alles Religion und nie weit vom Aberglauben entfernt. Überall flattern Gebetsfahnen im Wind, Gebetmühlen, Reliquienschreine - hier Chörten genannt - sind allgegenwärtig.

Auf dem Esel ins Tigernest

Ein wahres Highlight des Landes ist das "Tigernest". In 3050 Meter Höhe klebt der Komplex von Taksang an einem schwarzen Felsen, 800 Meter über dem Tal. Das wichtige Pilgerziel verdankt seinen Namen einer Legende, wonach Guru Rinpoche, der Gründer des Buddhismus im Bhutan, auf dem Rücken einer Tigerin auf diesen Felsvorsprung flog. Während die Pilger zu Fuß hoch kraxeln, werden Touristen, denen die Luft in der Höhe zu knapp wird, von Eseln bis zum Teehaus getragen, dem Aussichtspunkt auf dem "Tigernest". Thimpu, die Hauptstadt des Landes, erreicht man über die Lungten-Zampa-Brücke, die mit zahlreichen Gebetsfahnen geschmückt ist. Ein königlicher Erlass schreibt für alle Gebäude den bhutanesischen Stil vor, so dass auch neuere Städte den unverwechselbaren architektonischen Charakter aufweisen. Heute ist viel los, denn es ist Samstagsmarkt. Von weither kommen die Bauern, um ihre Produkte zu verkaufen. Es sind freundliche Menschen mit verwitterten Gesichtern, oft Betel kauend, die neben Obst und Gemüse auch Schnitzereien anbieten.

Schreine und Internetcafés

In der Hauptstraße von Thimpu, in der Norzim Lam, reihen sich die Geschäfte aneinander, dazwischen auch Internetcafés und einige recht komfortable Hotels. Hier gibt es keine Ampeln, Polizisten in drachenverzierten Häuschen regeln mit eleganten Bewegungen den Verkehr an den Kreuzungen. Mitten an einer Kreuzung gelegen steht der Erinnerungs-Chörte für den verstorbenen König Jigme Dorje Wangchuck. Es ist ein eindrucksvoller Bau mit in der Sonne glänzenden goldenen Spitzen. Unter riesigen Gebetsmühlen hocken Greise, die unermüdlich klingende Mühlen drehen, um das Karma der Menschen zu verbessern. Gleich hinter Thimpu beginnt die Straße nach Punaka in zahlreichen Serpentinen rasch anzusteigen. In 3050 Metern Höhe befindet sich die Passhöhe des Dochu-La. Ein großer Chörte und 108 kleine, zu Ehren der Königsmutter errichtet, werden umflattert von zahlreichen bunten Gebetsfahnen. Bei klarer Sicht von hier oben der Blick auf die Berge des östlichen Himalaja großartig.

Nur Frauen sind rechtmäßige Erben

Mitten in dieser Bergwelt lebt die Familie des Bauern Gyeltzen. Voller Stolz präsentiert er seinen Hausaltar, an dem er jeden Tag mit einem Gebet beginnt. Die Besucher dürfen Platz nehmen auf ausgebreiteten Decken in einem niedrigen, dunklen Besucherzimmer. In kleinen Schälchen verteilt er großzügig Ara, einen etwas muffig schmeckenden Getreideschnaps. Der 61-jährige Hausherr stellt seine Familie vor: seine Frau, deren Schwester, drei Töchter und fünf Enkelkinder. Seine beiden Söhne hat er im Alter von fünf Jahren ins Kloster geschickt, dort werden sie ein Leben lang bleiben. Es kommt häufig vor, dass die Söhne ins Kloster müssen, denn es verbessert das Karma der Familie. Im Kloster lernen sie die drei Grundübel zu besiegen: Hass, Unwissenheit und Begierde. Nur so kann der Kreislauf des Lebens unterbrochen werden. Das hat oberste Priorität, denn alles Leben bedeutet Leid, weiß der Buddhist. Um weltliche Dinge müssen sich die Frauen kümmern, denn sie sind im Bhutan die rechtmäßigen Erben. Männer sind lediglich Namensgeber.

Die Fremdheit und Unberührtheit Bhutans lockt immer mehr Touristen in dieses abgelegene Land. Noch kontrolliert das Königreich seine Besucherzahl dadurch, dass Reisen hierher nur über registrierte Veranstalter gebucht werden können. Pro Tag werden 200 Dollar berechnet, die gleichzeitig Unterkunft, Verpflegung, Transport und einen Guide beinhalten. Im vergangenen Jahr wurden 9000 Besucher registriert, für das kommende Jahr werden 12.000 erwartet. Eine Touristenschwemme wollen die Bhutaner unbedingt verhindern, notfalls mit erhöhten Tagesgebühren.

Informationen:Veranstalter: Gruppenreisen nach Bhutan sind bei Studiosus buchbar. Mit Linienflug kostet eine 15-tägige Studienreise inklusive Unterkunft, Eintrittsgelder und Rundreiseprogramm mit Guide ab 4.370 Euro. www.studiosus.de
Organisierte Bhutanreisen ab zwei Personen bietet der Indienspezilist Comtour an. 9 Tage ab/ bis Dehli kosten ab 2170 Euro. www.comtour.de
Eine 19-tägige Kombinationsreise durch Sikkim nach Bhutan kostet bei Marco Polo ab 3749 Euro. www.marco-polo-reisen.comEinreise: Besucher benötigen ein Visum, das vom Veranstalter besorgt wird. Die Visumgebühr in Höhe von 20 US-Dollar muss bei der Ankunft gezahlt werden, bei der Ausreise eine Flughafensteuer von 15 US-DollarReisezeit: Beste Reisezeit sind die Monate März bis Mitte Mai und September bis Mitte November. Strom: Es wird ein Adapter mit englischem Stecke benötigt. Da die Stromversorgung oft instabil ist, wird die Mitnahme einer Taschenlampe empfohlen.Sport: Der Nationalsport ist das Bogenschießen, bei jedem Tempelfest finden Wettbewerbe statt.Verhaltensweise: Beim Besuch von Tempeln und Heiligtümern müssen die Schuhe ausgezogen werden, daher ist es ratsam, warme Socken dabei zu haben.Essen: Das Essen im Bhutan ist von der indischen, chinesischen und tibetischen Küche beeinflusst. Aus religiösen Gründen wird auf Schweinefleisch und Rindfleisch verzichtet.
Überall gibt es frischen Tee, Mineralwasser und das einheimische Bier,Chang. Bei besonderen Gelegenheiten wird
Gesine Unverzagt
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