David Lama am Cerro Torre Leben am Limit


Im dritten Anlauf glückte die Gipfelbesteigung: Dem Kletterer David Lama gelang als erster die freie Begehung des Cerro Torre, einem der schwierigsten Berge Patagoniens. Wir haben mit ihm gesprochen.

Der erst 23-jährige Österreicher gehört zu den besten Kletterern der Welt. Im südlichsten Zipfel Südamerikas hatte sich David Lama etwas vorgenommen: Die 3128 Meter hohe Granitnadel Cerro Torre im sturmumtosten Patagonien über eine besondere Route ohne technische Hilfsmittel im Freistil zu besteigen. Die sogenannte Kompressor-Route gilt in alpinen Kreisen als höchst umstritten, weil die Erstbegeher 1970 mehr als 300 Bohrhaken nicht nur zur Sicherung, sondern auch als Fortbewegungshilfe nutzten.

Im Januar 2012 konnten David Lama und Peter Ortner die Südwestwand durchsteigen - in einer Rekordzeit von nur 24 Stunden. Über ihr Kletterenabenteuer ist jetzt eine Dokumentation in den Kinos angelaufen: "Cerro Torre - Nicht den Hauch einer Chance", lautet der Filmtitel. stern.de hat mit David Lama gesprochen.

Sie haben den Cerro Torre über eine Route bezwungen, die als unkletterbar galt. Was hat sie da hoch getrieben?

David Lama: Ich bin ein Extrembergsteiger. Ich probiere die extremen Wände aus, klettere leicht und schnell. Das Unmögliche reizt mich.

Was ist das Besondere an diesem Berg?

Er ist wunderschön und unglaublich schwierig. Er sticht aus der Welt heraus. Es fetzt 1500 Meter nach allen Seiten runter. Die Wände sind extrem glatt. Das Wetter wechselt ständig. Mich hat auch die Geschichte angezogen: Viele Kletterer haben sich an ihm versucht. Bislang aber ist die Route nur mit Bohrhaken bezwungen worden. Ich wollte es ohne sie schaffen.

Ihr Stil nennt sich Freiklettern. Was bedeutet das?

Ich greife nur auf das zurück, was mir der Berg gibt: Risse, Kanten, Vorsprünge. Ich füge ihm nichts hinzu. Die Haken, die ich setze, sind provisorisch, sie gelten der Sicherung. Manchmal sollen sie nur ein wenig Hoffnung spenden.

Sie sind 23, reden über das Klettern aber mitunter wie ein alter Hase. Wie lange schon probieren Sie sich an steilen Wänden aus?

Mit fünf Jahren habe ich mit dem Klettern angefangen. Alles andere hat mich kaum interessiert. Beim Fußball stand ich immer im Tor, weil ich da am wenigsten machen musste. Die Klettergene sind mir wohl von meinem Großvater in die Wiege gelegt worden. Er war ein tibetischer Mönch, der nach Nepal geflüchtet ist, sein Mönchsamt niedergelegt und eine Familie gegründet hat. Mein Vater war Wanderguide in Nepal; dort hat er meine Mutter, eine Tirolerin, kennengelernt und ist mit ihr nach Innsbruck gegangen.

Sie erreichten den Gipfel des Cerro Torre erst im dritten Anlauf. Welche Gedanken gingen Ihnen dort oben durch den Kopf?

Ich kann mich gar nicht mehr genau an den Sonnenuntergang erinnern. Meine Gedanken waren schon beim Abstieg: Abseilen in der Dunkelheit, keine Fehler machen, den Partner sichern, es ist kalt, wann bekomme ich etwas zu essen und zu trinken? Ich habe die Schönheit des Sonnenuntergangs erst auf den Bildern, die wir gemacht haben, genießen können.

Das, was Sie machen, ist lebensgefährlich. Wie viele Freunde von Ihnen sind bislang am Berg verunglückt?

Davon bin ich verschont geblieben. Ich habe mich mit dem Thema noch nicht so sehr beschäftigt.

Gehören Schicksalsschläge zu einem Bergsteigerdasein?

Ich hoffe, sie bleiben mir erspart, aber durch sie bekäme alles eine andere Dimension. Ich würde auch anders über mich selbst nachdenken. Ich glaube nicht an die Wiedergeburt, auch nicht an Himmel und Hölle. Meine Eltern haben mich buddhistisch erzogen. Ich habe Respekt vor der Natur, aber ich glaube nicht, dass es nach dem Tod noch etwas gibt.

Der Kletterer Stefan Glowacz hat über Sie gesagt: "Entweder wird David der neue Reinhold Messner, oder er stirbt."

Ja, das ist wohl so.

Interview: Oliver Creutz

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