Design-Hotel in Singapur Künstlerträume ködern Kunden


Singapur hat sein erstes Design-Hotel: Künstler aus dem Stadtstaat durften das "New Majestic" nach ihren Ideen gestalten. Die Zimmer überraschen mit Goldfischen, Unkraut und Badewannen in Glaskästen.
Von Helge Bendl

Die Rezeptionistin ist freundlich, wird sowieso gerade abgelöst, und nimmt sich Zeit für eine Stadtführung. Das Hotel will sie aber nicht verlassen. Denn das Motto ihrer Tour lautet: Wie sehen neun aufstrebende Künstler und fünf prominente Designer ihre Heimat Singapur, und wozu lassen sie sich von der eigenwilligen Mischung aus Ost und West inspirieren?

Die Schlüsselkarte ist für möglichst viele der nur 30 Zimmer des gerade erst ein paar Monate alten "New Majestic" programmiert. Vorbei am edlen chinesischen Restaurant und dem Pool im Atrium - durch Gucklöcher können Schwimmer die Tafelnden und die Tafelnden die Schwimmer beobachten - geht es nach oben in die Schlafetage von Singapurs erstem Design-Hotel.

Badewannen in Glaskästen

Vier Zimmerkategorien stehen im New Majestic zur Auswahl. "Sehen und gesehen werden" lautet das Motto in den "Mirror Rooms", in denen vom Boden, entlang der Wände bis hin zur Decke eine Kette von mal kleinen, mal großen Spiegeln das Zimmer durchzieht.

In den "Hanging Bed Rooms" tanzen Malereien rund um das Bett herum, das mit seinen vier Pfosten nicht nur am Boden, sondern auch an der Decke festgeschraubt ist. In den "Aquarium Rooms" lassen die Designer das zum Mittelpunkt werden, was normalerweise in einer Ecke des Zimmers versteckt wird: Die in einem Glaskasten präsentierte Badewanne zieht alle Blicke auf sich.

Die "Loft Rooms" schließlich nutzen die hohen Räume der klassischen chinesischen "Shophouses" in Singapur und teilen sie in zwei Ebenen auf. Während man unten arbeiten kann, schwebt die Schlafkammer auf vier Pfosten in der Höhe - dort fühlt man sich wie in einer kuscheligen Dachkammer.

Geschwungene Rampe zum versenkten Bett

Als Highlight im Design-Hotel gelten die fünf Zimmer, die von bekannten Kreativen des Stadtstaats gestaltet worden sind. Wykidd Song, Modedesigner der Marke Song+Kelly21, hat anscheinend eine Abneigung gegen gerade Linien, gegen zu viele Ecken und Kanten. Im Zimmer namens "Fluid" versinkt man tief im beigen Teppichboden, eine leicht geschwungene Rampe führt zum versenkten Bett und rechte Winkel gibt es nur wenige.

Ganz im Gegensatz zu seinem alternativen Guerilla-Laden des Labels Comme des Garçons, kreierte Designer Theseus Chan dieses Mal in dem Zimmer "Work" mit vielen Holzarmaturen eine klassisch-solide Atmosphäre - hier lebt man im hölzernen Kasten.

Französische Kronleuchter mit Neonlichtern arrangiert

Ein paar Meter weiter hat Filmregisseur Glen Goei mit "Wayang" einen Raum geschaffen, der einen dank roter Lampen und überdimensionaler Schriftzeichen an den Wänden in die goldenen Jahre des chinesischen Bürgertums zurück versetzt. Patrick Chia von Squeeze Design (für das britische Magazin "Wallpaper" einer der aufstrebenden Top-10-Designer) hat seinem Zimmer keinen Namen gegeben, und so steril wirkt es auch: kühl, ganz in weiß, reduziert auf wenige Details.

Opulent dagegen der Raum von Modenschauproduzent Daniel Boey: Im "Pussy Parlour" hat er französische Kronleuchter mit Neonlichtern arrangiert - nicht nur Dandys dürften sich in dem schmiedeeisernes Bett mit der flauschigen, pinkfarbigen Decke wohl fühlen.

Unkraut wuchert an der Wand

Die meisten dieser Zimmer wurden indes nicht von den fünf etablierten Kreativen gestaltet, sondern von neun aufstrebenden Künstlern der Stadt - und die haben sich mächtig ins Zeug gelegt. Tay Bee Aye nimmt die Public-Relations-Slogans von Singapur als "Garden City" auf - doch wachsen die Pflanzen in Zimmer Nummer 26 nicht konform in Reih und Glied wie im Botanischen Garten, sondern sie wuchern wie Unkraut an der Wand und an der rosafarbenen Decke.

Sandra Lee setzt dagegen im Loft Nummer 24 dem Tembusu-Baum, den es nur in Singapur geben soll, ein Denkmal. Im Erdgeschoss ist ihre Wandmalerei noch im Sonnenlicht zu sehen, an den Ästen hängen wie im alten Chinatown die Vogelkäfige. Wenn man sich dann die Treppe hinauf zum Schlafen begibt, begrüßen einen nicht nur die Baumkrone, sondern auch Eule und Mond.

"One day I slowly floated away"

Safaruddin Abdul Hamid (der sich, weil der Name wirklich lang ist, auch einfach Dyn rufen lässt), hat sich Katzen für seine Kunst zum Vorbild genommen, die den ganzen Tag nichts anderes machen als schlafen und faulenzen. "One day I slowly floated away" heißt seine Installation in Zimmer Acht, bei der hinter dem Bett eine Katze scheinbar auf Sonnenstrahlen spaziert - hier kann man das Träumen auch am Tag fortsetzen.

Andre Tan dagegen lässt in Zimmer Zwölf in Pop-Art-Manier eine asiatische Schönheit von der Wand lächeln, während Lee Meiling in der Bliss Suite in Zimmer 31 aus allerlei Stoffen, Holz und Metall eine Frühlingslandschaft an die Wand zaubert.

Ins Bett legen, um den Sinn zu begreifen

Heleston Chow verlegt sich dagegen auf die Schrift: Den Slogan "You define me" in Zimmer 27 kann nur lesen, wer ihn im Spiegel entdeckt. Und bei "I am upside down because of you" in Zimmer Elf muss man sich ins Bett legen und an die Decke schauen, um den Sinn des Ganzen zu begreifen.

Miguel Chew lässt sexy High-Heels an der Wand entlangtanzen, Kng Mian Tze bemalt gleich drei Zimmer mit romantischen Naturmotiven und zwei Zimmern mit riesigen Goldfischen. Wer in ihrem Zimmer "Squint 7am" aufwacht, muss sich indes erst einmal die Augen reiben und blinzeln: Die an die Wand gemalten Fensterläden sind nicht nur mit Schlaf in den Augen verwaschen und verpixelt.

Mona Lisa im Talar

Justin Lee zelebriert den Mix aus Ost und West, der Singapur ausmacht: In "Oriental Girls Go West" dürfen chinesische Mädchen in traditionellen Gewändern Badminton spielen und Handys bewundern (und, sollten sie von den Wänden steigen, sich in der Freiluftbadewanne amüsieren). In einem anderen seiner Zimmer, der "Samsui Suite", lächelt eine ältere Chinesin wie Mona Lisa und trägt einen Talar - schließlich herrscht in Singapur ja Recht und Ordnung.

Vor vier Jahren bekam der Künstler indes Probleme mit den Gerichten, die seine Interpretation der Flagge des Stadtstaates verboten und das entsprechende Gemälde aus seiner Ausstellung verbannten. Nationale Symbole dürfen schließlich nicht so ohne weiteres verfremdet werden. In der "Samsui Suite" blickt die verantwortliche Richterin nun als grimmiges Gemälde von der Wand gegenüber auf genau jenes Motiv: das rote Banner der Löwenstadt, gemustert mit einer weißen Skyline von Hochhäusern und abstrakten chinesischen Grafiken. Es ziert die Wand über dem Telefon und dem Wasserkocher.


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