Drei Wochen Mekong Von einem Fluss, der süchtig macht


Drei Wochen auf dem Mekong: Wie lange braucht man, um auch nur die wichtigsten Eindrücke einer dreiwöchigen Fahrt auf dem Mekong aufzulisten?
Von Helge Bendl

Die erfrischende Kühle am Morgen nach der Übernachtung auf dem Boot. Die feuchte Hitze am Mittag, wenn der Motor repariert werden muss. Der fulminante Sonnenuntergang. Das Quäken der Geckos und dann die Stille der Nacht, der Sternenhimmel. Das gewaltige Brausen der Wasserfälle. Das verschmitzte Lächeln der Akha-Mutter. Das charmante Flirten der Thailänderinnen auf der Fähre in Mukdahan. Das ungläubige Boot-Betätscheln der Kinder in Laos. Buntan, der zum Freund gewordene Officer der Touristenpolizei. Die Buchstaben des Artikels, die nachts um vier Uhr auf dem Notebook-Bildschirm zu tanzen beginnen und man trotzdem immer noch keinen guten Schlusssatz gefunden hat. Das lebenslustige Spektakel beim Wasserfest in Pnom Penh. Der still am Flussufer meditierende Mönch in Luang Prabang. Die Goldsucher im Schlamm. Die Speedbootfahrt. Das mal schäumende, mal ruhig fließende, mal satt braune, mal leicht bläuliche Wasser. Viel Wasser.Soll ich aufhören?

Vielleicht sogar eine Art Droge

Der Mekong ist das Delta, wo der Strom so breit wird, dass die Fischer sein Ende kaum sehen können. Der Mekong ist das wilde Wasser an der Grenze zu China, wo die Fischer ihre Netze zwischen sprudelnden Stromschnellen spannen. Der Mekong ist nicht ein Fluss, sondern viele Flüsse, die wir nur unter einem einzigen Namen kennen. Und deshalb etwas ganz Besonderes. Vielleicht sogar eine Droge, denn man wird süchtig nach ihm oder vielmehr dem, was man auf ihm oder an ihm erleben kann.Es war alles andere als ein Urlaub oder eine Abenteuerreise mit klarem Ausgang, es war tatsächlich eine Expedition. Weil immer etwas nicht so klappte wie geplant. Weil man sich im Team erst einmal kennen lernen musste und es, als die ersten Probleme auftauchten, auch Animositäten und Konflikte gab. Weil am Ende das große Ziel nicht erreicht wurde, mit den in Saigon ins Wasser gehobenen Schlauchbooten bis nach China zu gelangen. Doch am Ende steht fest: So weit wie Andy Leemann und sein Team hat es bislang noch niemand geschafft.

Das wohl wichtigste Thema

Doch jenseits von Abenteuer, Reise und Lifestyle und all den großen Heldentaten gibt es noch das wohl wichtigste Thema im Zusammenhang mit diesem Fluss, über das viel diskutiert wird, obwohl die meisten Diskutierenden am Ende viel zu wenig darüber wissen. Zerstören die Chinesen mit den bestehenden und geplanten Dämmen am Mekong die Lebensader Südostasiens, diesen so vielfältigen Strom? Dass es Dämme gibt, ist klar - doch sie zu sehen ist schwierig und zu fotografieren verboten, haben unsere Ansprechpartner in China herausgefunden. Wäre das anders, dann wären wir weiter den Fluss hochgefahren. Und es soll noch zusätzliche Dämme geben, die derzeit gebaut werden. Und Dämme geben, die bislang nur geplant sind. Doch ob China, Vietnam, Thailand: Alle Länder brauchen Energie, Energie, Energie. Und der Fluss ist da, mit all seiner bis heute kaum gezähmten Kraft. Vielleicht lässt sich aber doch eine Lösung finden, die den Mekong so erhält, wie wir ihn erlebt haben.Mehr als 3000 Kilometer auf dem Fluss unterwegs zu sein, von Vietnam bis ins Goldene Dreieck mit einem Boot zu fahren: Das wird Andy Leemann und Armin Schoch so schnell niemand nachmachen können - zu schwierig die Logistik, zu kompliziert das Genehmigungsprozedere der Behörden, zu anspruchsvoll die Technik. Doch nicht nur in den Ländern entlang des Mekong herrscht Aufbruchsstimmung, der Fluss selbst ist inzwischen zur Attraktion geworden. Ob im Delta, wo es gemächlich zugeht, oder im Oberlauf, wo der Mekong seine Wildheit beweist; ob in Laos, wo er am ursprünglichsten ist, oder in Kambodscha, wo ohne ihn die Khmer-Kultur nie Schätze wie Angkor hervorgebracht hätte: Es lohnt sich, ihn zu erleben, und sei es nur auf einem Teilstück und für kurze Zeit. Ob in einer Gruppenreise oder individuell, ob als Backpacker oder im schönen Hotel. Nur nahe am Fluss sollte man sein. So lange der Mekong noch so ursprünglich zu erleben ist wie heute.

Post Scriptum

P.S.: 3000 Kilometer sind für einen Fluss ziemlich lang. Doch der Mekong ist noch etwas länger. Von der chinesisch-laotischen Grenze sind es noch gut 1500 weitere Kilometer bis zu Quelle, hoch oben in den Gletschern des Himalaya. Dorthin kommt man nur im Frühsommer und Herbst, sonst liegt zu viel Schnee oder es fließt zu viel Wasser. Schlauchboote kann man keine mehr verwenden - auf dem Wasser geht es im Kayak, auf dem Land per Allrad, mit Hilfe von Yaks und am Ende nur noch zu Fuß voran. Doch das ist eine andere Expedition...


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