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Etoscha-Nationalpark: Wo die wilden Tiere wohnen

Landschaft und Artenvielfalt machen Namibia zum idealen Safari-Ziel. Besonders während der Trockenzeit. Dann ist im Etoscha-Nationalpark großer Treff an den Wasserstellen

Von Mirco Lomoth

Touristen, da ist Matthew Muhama sich sicher, kennen keine Angst. Eben noch hat er eine Gruppe von Italienern gebeten, doch bitte die Schiebetür ihres Kleinbusses zu schließen, wenigstens hier am Wasserloch. Jetzt beobachtet er durch seine eckige Sonnenbrille hindurch, wie sie sich weit aus den Fenstern lehnen, um Fotos von badenden Zebras zu schießen. Er kennt sie gut, die Touristen. In 20 Dienstjahren als Ranger erlebt man so einiges. Manchmal, erzählt er und schüttelt verständnislos den Kopf, da steigen sie sogar aus, wenn sie einen Elefanten unter einem Baum liegen sehen. Gar nicht gut.

Wer im Etoscha-Nationalpark an eine Wasserstelle kommt, kann schon mal vor Begeisterung jegliche Gefahr vergessen. In der Trockenzeit, wenn das letzte Regenwasser im Busch verdunstet ist, treten die Tiere hier scharenweise auf. Elefanten lassen sich mit ihren runzeligen Rüsseln eimerweise Wasser ins Maul laufen, Giraffen schauen lange umher, bevor sie sich breitbeinig hinstellen und umständlich hinunterbeugen. Es kommen Strauße, Springböcke, Zebras, Antilopen, Warzenschweine. Ein Gewusel, wie man es noch in keinem Zoo gesehen hat.

Die Krönung aller Selbstfahrer-Erlebnisse

Neben dem Krüger-Nationalpark in Südafrika oder dem Serengeti-Nationalpark in Tansania ist der Etoscha-Nationalpark in Namibia eines der herausragenden Safari-Ziele. Wer ein paar Tage hier verbringt, sieht fast alles, was die Tierwelt im südlichen Afrika zu bieten hat. Forscher sprechen von 107 verschiedenen Säugetierarten, 112 Reptilien-, 16 Amphibien- und 412 Vogelarten. Doch es ist vor allem die offene Landschaft, die Etoscha einzigartig macht. Die sich bis zum Horizont erstreckende Grassavanne und die riesige Etoschapfanne: in der Dürreperiode meist eine ausgetrocknete Pfütze mit aufgesprungener Salzkruste, an die 5000 Quadratkilometer groß - in der Regenzeit in manchen Jahren eine flache Lagune mit Tausenden von Wasservögeln.

Am besten reist es sich in Namibia mit dem Auto. Und Etoscha ist die Krönung aller Selbstfahrer-Erlebnisse. Man stellt sich die eigene Safari zusammen und fährt einfach drauflos. Über Asphaltstraßen und Schotterpisten. Hält an, wo immer man möchte. Nur aussteigen sollte man eben nicht. Auch nicht, um mal kurz hinterm Busch zu verschwinden. Dafür gibt es umzäunte Toiletten. Und zum Sonnenuntergang muss man den Park verlassen haben oder in einem der Rest Camps untergekommen sein - in Okaukuejo, Halali oder Namutoni. So sind die Regeln, die Tore im Nationalpark schließen pünktlich.

Nervenkitzel pur

Sunday Nelenge sitzt auf einer Holzbank am Wasserloch von Okaukuejo und spricht von den Veränderungen, davon, wie man endlich auf internationalem Niveau mithalten will. Er gehört zur neuen Management-Riege des Camp-Betreibers National Wildlife Resorts. Er erzählt von alten Zeiten, als hier noch der Staat die Touristen abfertigte. "Alles war heruntergekommen, die Betten waren aus Beton. Über eine Weinkarte hätte sich niemand Gedanken gemacht." Seither ist viel passiert. Vergangenes Jahr wurden alle drei Camps saniert, die weiß getünchten Mauern des alten Namutoni-Forts leuchten nun bis weit in die Savanne hinein. Man hat Fachkräfte engagiert und die Zimmer auf den neuesten Stand gebracht. Doch immer noch spürt der Gast die alte Schwerfälligkeit, beim Service in den Restaurants oder beim Warten an der Rezeption. Man muss Formulare ausfüllen, Unterschriften leisten, Kautionen hinterlegen. Dennoch lohnt es sich zu bleiben.

Zum Beispiel um vor Sonnenaufgang mitten im Park zu sein und zu beobachten, wie sich eine Tüpfelhyäne über die Reste eines nächtlichen Löwenopfers hermacht. Um bei einer Nachtsafari im offenen Geländewagen einen Leoparden im roten Lichtkegel des Suchscheinwerfers zu sehen oder mitten in ein Rudel Löwen hineinzugeraten. Nervenkitzel pur. Oder um einfach nur am Abend im Resort am Wasserloch zu sitzen, zu schweigen und die Natur zu erleben. Die Tiere kommen von allein. Vorsichtig nähert sich eine Giraffe, immer auf der Hut vor einem Feind. Das Wasserloch ist wie eine Eckkneipe, die rund um die Uhr geöffnet bleibt. Wenn die Elefanten zum Saufen und Baden kommen, haben sie den ganzen Laden für sich allein. Es ist eine Herde von 27 Tieren - ein wildes Durcheinander.

Halb so groß wie die Schweiz

Zwei Halbstarke rangeln und wühlen Staub auf. Die Kleinen verstecken sich zwischen den Beinen ihrer Mütter. Eine Oryx-Antilope wartet, bis die Riesen verschwunden sind. Später schaut ein Trupp Schakale vorbei und ein Spitzmaulnashorn, gefolgt von seinem Jungen. Diese Nashornart war im Etoscha-Nationalpark beinahe ausgestorben, inzwischen gibt es hier die größte Population weltweit. Und auch der Park wird weiter wachsen. Durch nachhaltig bewirtschaftetes Farmland sollen Pufferzonen und Ökokorridore entstehen, die dann den an der Küste gelegenen Skeleton Coast Park mit Etoscha verbinden. Kimberly Marx steuert ihren Geländewagen im Halbdunkel der Morgendämmerung zum Hangar. "Wir hatten sogar schon Geparden auf dem Rollfeld", sagt die ehemalige Stunt-Pilotin aus Österreich. Doch heute hoppelt nur ein Kaphase durchs Gebüsch. Startbahn klar. Minuten später hängt die sechssitzige Cessna 206 in der Luft. Erst hier oben in 900 Meter Höhe begreift man das Ausmaß von Etoscha - mit rund 22.000 Quadratkilometern ist er halb so groß wie die Schweiz.

Linker Hand liegt Okaukuejo, das Flutlicht am Wasserloch leuchtet noch in den Morgen. Unter uns zerschneiden Tierpfade die Savanne, sternförmig laufen sie auf die Wasserlöcher zu. Die Etoschapfanne liegt da wie ein Blatt weißes Papier, das am Horizont in Wolken überzugehen scheint. An manchen Stellen steht noch das Wasser, es spült bei heftigen Regenfällen über die Flüsse Ekuma und Oshigambo von Norden her in die Ebene. "So viel wie dieses Jahr gab es schon lange nicht mehr", erzählt Marx mit abgehackter Stimme über den Kopfhörer. "Vor einigen Wochen haben wir hier noch Tausende Flamingos gesehen." Für Sekunden brechen aus der Wolkenwand die glutroten Strahlen der aufgehenden Sonne hervor.

Mitten in der Wildnis Namibias

Kimberly Marx fliegt nicht nur Rundflüge über den Etoscha-Nationalpark, sie kocht auch für die Gäste der Naua Naua Lodge. Heute Abend gibt es hausgemachte Kudu-Leberpastete und Antilopenfleisch vom Grill, aus eigener Jagd. Auf dem 6000 Hektar großen Gelände der von Deutschen geführten Lodge leben Giraffen, Bergzebras, Gnus, Warzenschweine, Antilopen und - Geparden. Immer mehr Touristen steigen in privaten Lodges ab, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Aber auch im Park tut sich etwas. Im September eröffnete das exklusive Onkoshi Camp im Nordosten, die Pfahl-Bungalows sind direkt an den Rand des Salzes gebaut. Die Gäste können mit bewaffneten Wildführern durch den Busch laufen und nachts im Mondschein auf der Etoschapfanne spazierengehen. Fünf weitere Lodges sind in Planung. Es sollen kleine, luxuriöse Öko-Lodges werden. Wie das Onguma Treetop Camp im Osten, wo man schon jetzt mitten in der Natur, gut zwei Meter über dem Boden, in frei stehenden Bungalows schläft. Über Holzstege sind sie miteinander verbunden. Beim Duschen unterm Sternenhimmel sieht man den Schakal am Wasserloch und fragt sich, wer hier eigentlich wen beobachtet. Anschließend im Bett rollt man die Zeltwände hoch, knipst das Licht aus, und die afrikanische Natur präsentiert sich wie ein Dokumentarfilm auf übergroßer Leinwand. Frösche quaken im angestrahlten Schilf, Blutschnabelweber zwitschern laut - es müssen Hunderte sein. Direkt am Fußende des Bettes beginnt die Wildnis Namibias.

Anreise

Air Namibia fliegt von Frankfurt nach Windhoek ab 855 Euro, Air Berlin u. a. von München ab 740 Euro. Der Flughafen liegt 45 km außerhalb. Transfer nach Windhoek: rund 20 Euro.

Reisezeit

Ganzjährig. In der Trockenzeit (Mai bis November) kann man die meisten Tiere beobachten.

Mietwagen

Caprivi Car Hire vermietet Allrad- Fahrzeuge mit Dachzelt und Campingausstattung für 2 oder 4 Personen für ca. 100 Euro pro Tag (www.caprivicarhire.de). Internationaler Führerschein ist Pflicht. Vorsicht, Linksverkehr!

Windhoek

Gemütliche Unterkunft für die erste Nacht in Namibia ist das Guesthouse Terra Africa in Windhoek. DZ 65 Euro, Tel.: 00264/61 25 21 00 (www.terra-africa.com.na).

Nationalpark

Um genügend Zeit zur Tierbeobachtung zu haben, sollte man mindestens drei Tage einplanen. Parkgebühren zahlt man an der Rezeption der Resorts, 7 Euro/Tag.

Übernachten im Park

Die drei Resorts des Parks sind 2007 renoviert worden, der Preis ist gemessen an Qualität und Service jedoch hoch. Trotzdem empfiehlt sich mindestens eine Übernachtung im Park, nur dann kann man an einer Nachtsafari teilnehmen und schon kurz nach Sonnenaufgang unterwegs sein. Okaukuejo ist von den drei Resorts die beste Wahl, DZ 110 Euro.

Übernachten ausserhalb des Parks

Rund 50 Kilometer südwestlich vom Anderson Gate im Westen liegt die sympathische Naua Naua Lodge, hervorragendes Essen, deutschsprachig, DZ 150 Euro, Flug über den Park für circa 85 Euro möglich, Tel.: 00264/67 68 71 00 (www.nauanaua.com). Günstige Alternative im Süden ist das Etosha Safari Camp, DZ 70 Euro, Zeltplatz, Tel.: 00264/61 23 00 66 (www.gondwana-collection.com).

Weitere Infos

Namibia Tourism, Schillerstraße 42-44, 60313 Frankfurt, Tel.: 069/133 73 60 (www.namibia-tourism.com). Eine gute Namibia-Karte für Selbstfahrer, in der Tankstellen und Campingplätze verzeichnet sind, bietet der Verlag Reise Know-How, 8,90 Euro. Eine Etoscha-Karte mit Straßen und wichtigen Wasserlöchern kann man in den Rest Camps kaufen, 3 Euro.

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