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Flucht auf die Insel - die geheimsten Plätze von New York City

Sie wollen in New York nicht ständig auf andere Touristen treffen? Kein Problem! Schließlich hat die Stadt viele kleine Inseln mehr als Manhattan. Governors oder City Island etwa. Es gibt dort keine Autos, kaum Lärm und jede Menge Platz.

Governors Island

Blick über Governors Island mit Liggett Hall, ehemals Basis der US Army. Im Hintergrund die Südspitze Manhattans.

Manchmal vergisst man ja, dass Manhattan eine Insel ist, und zwar nur eine von ganz vielen. Nein, wir meinen jetzt nicht diese eigenen Welten, Chinatown, Little Italy oder die Insel der Ukrainer im East Village. Manchmal vergisst man ja in den dunklen Häuserschluchten, in denen im Sommer die Luft steht und nicht weiß, wohin, dass nicht am Wasser liegt. Sondern im Wasser.

New York City hat mehr Inseln als die . Mehr Häfen, mehr Strände, mehr Möwen. 30, 40 Inseln und Inselchen lungern um die vier großen herum wie Beiboote um das Mutterschiff. Wie viele genau? Hängt vom Wasserstand ab, manche verschwinden bei Hochwasser. Auf den meisten Landkarten sind diese kleinen Flächen nicht einmal namentlich ausgezeichnet. Manche sind unbewohnt, auf manchen leben nur Vögel. Auf manchen wird gefeiert, auf anderen gebüßt, manche gehören allen, andere sind privat.

Aber alles, was die Sehnsuchtsstadt New York ist und jemals sein wollte, im Guten wie im Schlechten, findet sich auf diesen Inseln wieder wie in einem Spiegelkabinett: der Traum vom Ankommen, der Traum von Freiheit, der Traum vom Aufstieg, die Hoffnung, das Scheitern und sogar der namenlose .

Ausflug für einen US-Dollar nach Governors Island

Man nehme also zum Beispiel einen Dollar. Nicht viel Geld im New York von heute. So wenig kostet eine Fährfahrt nach Governors Island, und nur sieben Minuten dauert die Reise – in eine andere Welt, in eine andere Zeit. Die kleine Insel vor der Südspitze Manhattans war einst der Sitz holländischer Händler, die das Eiland von Lenape-Indianern gekauft hatten. Später wurde sie von den Engländern eingenommen und New York genannt. New York wurde später aus Platzgründen nach Manhattan verlegt, damals umstritten, heute sehr einleuchtend. Die Briten wurden verjagt, die Amerikaner kamen. Auf Governors Island fand der Kampf um die Unabhängigkeit Niederschlag. Und der Kalte Krieg begann hier aufzuhören – mit den Friedensgesprächen zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow 1988.

Governors Island

Governors Island mit Blick auf die Statute of Liberty,


Jetzt kann man dort herumstreunen. Im alten Castle Williams, das auch als Militärgefängnis diente, Gemeinschaftszellen begucken und mit Bruce oder Bill oder John, die in alten Uniformen die Gäste begleiten, vom Dach aus nach gucken, nach Ellis Island oder zur Freiheitsstatue nach Liberty Island. Man kann durch die Scheiben der Veranda in das Admiral's House blinzeln, einst das Quartier des Oberkommandierenden der Insel. Man kann sich in den Geistersiedlungen verlieren, die Generationen von Soldaten und Küstenwachen hinterlassen haben, manche ziemlich verfallen, manche ein bisschen renoviert, und sich wundern, dass die einfach leer stehen. Leer. Allein das Wort in Bezug auf Immobilien müsste in New York City unter Denkmalschutz stehen.

Die unter der Woche einsame Insel 

Unter der Woche ist man hier fast ganz allein. Nur ein paar Eichhörnchen sausen über die Treppen und den gepflegten Rasen, sitzen auf den Picknicktischen und gucken, als ob sie darauf warten würden, dass die Show, die wir Geschichte nennen, endlich weitergeht. Am Wochenende aber ist Governors Island ein Vergnügungspark, in den die Menschen strömen, um sich hier auszubreiten, ein Kinderspielplatz, ein Fluchtpunkt für alle, die Platz brauchen, die nachdenken wollen, die keine Autos mehr sehen, keinen Baulärm mehr hören können. Am Wochenende ist Governors Island kein Ort der Vergangenheit, sondern einer der Gegenwart und der Zukunft, voller Musik, voller Kunst, voller Kinder.

Governors Island

Picknick bei der jährlichen Jazz Age Lawn Party auf Governors Island


Von Ellis Island aus, auf der zwischen 1892 und 1954 rund zwölf Millionen Immigranten die Einreisebehörde passierten, war der Sehnsuchtsort Manhattan schon immer zum Greifen nah und doch noch so fern. Auf North Brother Island vor der Bronx waren erst Veteranen untergebracht und später Drogensüchtige. Roosevelt Island, die kleine Insel mit dem großen Namen, beherbergte ausgerechnet eine Irrenanstalt. Rikers Island ist bis heute ein Knast. Und das Ticket für Hart Island gilt für die meisten nur in eine Richtung: Es ist die Insel der Toten, die Heimat von " Potter's Field", einem riesigen Armenfriedhof. Fast eine Million Menschen sind hier bestattet, rund 1500 kommen pro Jahr hinzu, Säuglinge, Totgeborene, Obdachlose, Unbekannte, nach denen keiner mehr gefragt hat. Die Toten werden in Gräben gestapelt, von Strafgefangenen ausgehoben, drei Särge hoch, zwei Särge breit.

Nach City Island im Norden

City Island, östlich der Bronx, ist auch am Wochenende ein Dorf. Eine Insel, die man mit der Metro erreicht und dann, ein paar Stationen, mit dem Bus, der über eine Brücke ruckelt. Eine Insel, 800 Meter schmal, 2,4 Kilometer lang, mit einer Hauptstraße und Sackgassen nach rechts und nach links und rund 4000 Insulanern, eine ganze Reihe von ihnen Künstler und Lebenskünstler.

Einer von ihnen ist Carl Wells. Er lebt seit fast 60 Jahren hier, und er möchte nirgendwo anders mehr sein. Wells liebt die Beschaulichkeit, die Geborgenheit der Insel, auf der viele Familien seit Generationen leben, er liebt das Meer, und er liebt die Gefahr. Denn wenn die alljährlichen Stürme toben, ist das Eiland stets bedroht. Vor fünf Jahren hat Hurrikan "Sandy" viele Existenzen zerstört, aber man hat zusammen alles wieder aufgebaut. Wells hat ihn in seinem Boot überstanden, auf dem er lebt und von dem er sich nicht evakuieren ließ.

Am Wochenende kommen die Menschen aus der Bronx, Arbeiter, Angestellte, einfache Leute. Sie essen Hummer und Shrimps in einem der Fischrestaurants, sie spazieren die Hauptstraße entlang, sie besteigen ihre kleinen Boote in einer der drei Marinas von City Island, wo ein Liegeplatz ab 80 Dollar im Monat zu haben ist. "Sie leben ihren Traum von Amerika", sagt Wells, "und der hieß immer auch jagen und fischen." Die, die kein Boot haben und die erst anfangen zu träumen, landen bei Wells: Zweimal am Tag startet er vom Jack's Bait Shop aus mit zivilisationsmüden New Yorkern zum Fischen. Ein Tag auf dem Wasser gibt den Leuten die Kraft, eine Woche in einer Stadt wie New York zu überleben. Findet jedenfalls Wells.

Abends dann wird es ruhiger. Die Tagesbesucher hat die Metro weggebracht, und die Insulaner stehen an den Gartenzäunen und quatschen. Hinter ihnen liegt die Insel, die sich langsam zur Ruhe legt, vor ihnen das Meer, und in der Ferne die Lichter der brodelnden Millionenstadt New York.


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