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Israel-Reisen: Tourismus zwischen Meer und Mauern

Auf schmalem Raum versammelt Israel einen faszinierenden Reichtum an Landschaften und Kulturen. Seit dem Mittelalter werden Pilgerfahrten organisiert. Heute zieht es auch Badeurlauber an den Strand von Tel Aviv. Reisen in einem fast unmöglichen Land.

Von Ludwig Moos

Jerusalem hat ein neues Wahrzeichen. Die kühn an einen Träger gespannte Hängebrücke von Santiago Calatrava an der westlichen Zufahrt zur Stadt. Inspiriert hat den Architekten nach eigenem Bekunden Davids Harfe. Bei den strenggläubigen Juden fand er dennoch keine Gnade. Sie sahen die Sittlichkeit gefährdet, weil das gläserne Geländer weibliche Fußgänger vor den Blicken von unten nicht völlig verbirgt. Israels Konflikte haben ein paar Varianten mehr als wir sie gewohnt sind. Stolperfallen gibt es auch für Touristen.

Schon die Natur in diesem Land von der Größe Hessens liefert heftige Kontraste. Vom grünen Jerusalem in angenehmer Höhenlage sind es nur wenige Autostunden nach Süden in die Wüste Negev, nach Osten über 1000 Meter hinab zum tiefsten Graben der Erde, dem Toten Meer mit seiner hammerharten Hitze, nach Westen in das mediterrane Klima der Küstenebene von Tel Aviv bis Akko oder nach Norden in die subtropische Zone um den See Genezareth, hinter dem der Berg Hermon auf über 2000 Metern das Skifahren erlaubt.

Nicht minder vielfältig sind die gut sieben Millionen Israelis. Die anderthalb Millionen Araber leben ihre eigene Kultur, aber auch die jüdische Mehrheit pflegt ein buntes Gemisch an Lebensstilen und Traditionen. Nur die Hälfte der jüdischen Staatsbürger ist in Israel geboren, die anderen sind aus über 70 Ländern zugewandert. Von den bleichen, schläfengelockten Fundamentalisten mit schwarzem Hut und Gewand aus Jerusalems Viertel Mea Shearim bis zu den körperbetonten Hedonisten an Tel Avivs Stränden - schon das Erscheinungsbild der Menschen lässt ahnen, wie spannungsreich es in diesem Land zugeht. Und dann noch dieses Übermaß an Geschichte.

Die Erfindung des Tourismus

In Kapernaum am See Genezareth zeugen die Grundmauern bescheidener Einraumhäuser aus Basaltbruchsteinen von dem Fischerort, in dem Jesus seine wichtigsten Jünger fand. Die Überreste der Synagoge mit ihren Wänden aus glatten Kalksteinquadern, den korinthischen Kapitellen und kunstvollen Reliefs passen in ihrer Pracht nicht so recht dazu. In ihr soll Jesus gepredigt haben. Doch der Bau stammt aus dem vierten Jahrhundert, als es keine jüdische Gemeinde mehr gab. Wahrscheinlich ist sie eines der ersten Denkmäler, die das Römische Reich nach der Übernahme des Christentums errichten ließ, als Orte der Verehrung für die anschwellenden Pilgerströme.

Kaiser Konstantins Mutter Helena reiste 326 selbst und sie fand neben dem Kreuz, an das der Heiland genagelt war, auch den Felsen der Kreuzigung und die Höhle der Grablegung. Seit jener Zeit wölbt sich darüber die Grabeskirche, das heiligste Wallfahrtsziel der Christenheit. Schon bald gab es keinen Ort der Evangelien mehr, der nicht dingfest gemacht worden wäre: von der Geburtsgrotte in Bethlehem bis zu den Leidensstationen der Via Dolorosa.

Historisch gesichert ist keiner dieser Schauplätze. Das hat ihre Anziehungskraft bis heute nicht gemindert. Seit dem Mittelalter ist der religiöse Tourismus organisiert, bequem wurde es ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der Erfinder der Pauschalreise Thomas Cook sich der Sache annahm. Von Jerusalems drei Millionen Besuchern im Jahr sind fast zwei Drittel Pilger. Da wird es ab zehn Uhr morgens in den Gassen der Altstadt mitunter recht eng.

Politik der Steine

Jerusalems Steine sind mit Religion aufgeladen und die Religion ist Teil der Politik. So wird jeder Spatenstich in die Vergangenheit heikel. Im archäologischen Park unterhalb der El-Aqsa-Moschee entwirft das Davidson Center virtuell die jüdische Vergangenheit des Tempelberges, verzeichnet ansonsten aber genau die Vielzahl der Kulturen, die hier ihre Spuren hinterlassen haben. Ganz anders arbeiten die Ausgräber nur ein paar hundert Schritte weiter im arabischen Stadtteil Silwan an den Hängen des Kidrontals. Bezahlt von der Elad, einer Organisation rechter Siedler, toleriert von Stadt und Staat, suchen sie ohne Rücksicht auf die palästinensischen Anwohner nach dem Beweis, dass hier die Stadt Davids war. Das Besucherzentrum macht unverhohlen klar, wozu das aufwändige Unternehmen dient: den Anspruch zu untermauern, dass dieses Land schon immer jüdisch war.

Wenn sogar die Fahrstühle am Wochenende in den automatischen Sabbat-Modus schalten, wird im strengen Jerusalem das Angebot an Unterhaltung knapp. Dann lockt das eine Stunde entfernte Tel Aviv. Die Stadt setzt die kulturellen Trends und pflegt ihr Image als Ort entspannter Freizeit. Ihre Boulevards und die kleinen Straßen der klassischen Viertel animieren zum Flanieren und zum Aufspüren der Zeugnisse, die Architekten in der Bauhaustradition hinterlassen haben. Dieses Erbe, lange Zeit vergammelt und entstellt, wird seit einigen Jahren intensiv gepflegt: Tel Aviv stilisiert sich zur "Weißen Stadt".

Orte unter Spannung

Klarsichtige Israelis nennen ihr Land ein Experiment, das weder gelungen noch gescheitert ist. Im Osten Jerusalems, an der Nahtstelle zum besetzten Westjordanland, wird manches davon anschaulich. Jüdische Siedlungen mit bis zu 20.000 Einwohnern besetzen, militärisch gesichert, die Hügel, massive Grenzanlagen schützen die Hauptstadt, wie das ganze Land, vor ungewollten Besuchern.

Ihren Eid legen die Wehrpflichtigen inzwischen an der Klagemauer ab. Nicht mehr in Massada, der Herodesfestung auf dem Hochplateau über dem Toten Meer, von der sich die letzten tausend Aufständischen gegen die römischen Eroberer in den Tod gestürzt hatten. Dieses Symbol des Alles oder Nichts schien den Verantwortlichen zu massiv. An der obersten Priorität, die das Militär genießt, ändert das wenig.

Einer der Gründe findet sich in Yad Vashem. Die Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust will den sechs Millionen Ermordeten einen Namen geben. Im Children's Memorial, einem dunklen Raum mit unendlich oft reflektiertem Kerzenflackern, in dem Name, Alter und Geburtsort der umgekommenen Kinder verlesen werden. Oder im Holocaust History Museum, das den mörderischen Rassenwahn der Deutschen dokumentiert, aber mehr noch dem Leiden und dem Widerstand der Juden ein persönliches Gesicht gibt. Neue Antworten für die Nachwachsenden, für Juden wie Nicht-Juden, werden gesucht, damit diese Tragödie Teil der Erinnerung aller Menschen wird.

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