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Brasilien ohne Armut und Gewalt: Das Postkarten-Paradies am Atlantik: Magisches Jericoacoara

Aussteiger und Hippies haben das Fischerdorf Jericoacoara am Atlantik in ein Postkarten-Paradies verwandelt. Wie lange kann sich eine solche Idylle halten?

Vor 30 Jahren eröffnete die erste Pension in Jericoacoara, heute lebt der ganze Ort mit seinen breiten Stränden vom Tourismus

Vor 30 Jahren eröffnete die erste Pension in Jericoacoara, heute lebt der ganze Ort mit seinen breiten Stränden vom Tourismus

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In diesem entlegenen Ort am Atlantik, vier Autostunden nordwestlich von Fortaleza, ist Brasilien noch wie im Prospekt. Die Sanddünen fallen steil ins türkisfarbene Meer. Am Morgen ertönen die Schreie von Papageien, nicht die Schüsse der Banden. Auch der Name des Dorfs klingt wie aus einer anderen Zeit: Jericoacoara, Höhle der Meeresschildkröten.

Nur im Detail unterscheidet sich der Ort vom brasilianischen Postkartenklischee: Die Caipirinha ist nicht mit Limetten, sondern mit der tiefgelben Tropenfrucht Cajá. Aus den Häusern dringt nicht Samba, sondern Forró, die Volksmusik im Nordosten. Und beim traditionellen Churrasco grillen sie Scampi, Krebse und Langusten statt Fleischspieße und Hühnerherzen.

Es ist ein Brasilien, wie es früher mal war

Wie es auch Brasilianer nicht mehr kennen. Ein Brasilien ohne Brasiliens Realität: Armut, Korruption, Gewalt. Erst seit wenigen Jahren gelangen Besucher nach "Jeri", wie die Einheimischen den Küstenort im Bundesstaat Ceará nennen. Das Fischerdorf war abgeschnitten vom Rest der Welt, zu stark umhüllt von Wanderdünen, die jede neue Straße sofort zudeckten. Noch heute ist Jeri nur mit Cross-Motorrädern, Buggys oder Geländewagen erreichbar.

Sávio Fonteles, 24, ist mit dem Geländewagen da. Der Naturexperte lädt Besucher auf die offene Ladefläche seines Pick-ups und führt sie wie an diesem Morgen an "magische, verwunschene" Orte, wie er sie nennt. Starker Wind setzt ein, das passiert oft zwischen Juli und Januar. Die Äquatorsonne brennt bereits unerbittlich.

Sávio braust durch tiefen Sand und über Dünen, als befände er sich auf einer Wüstenrallye. Er fährt zu Mangrovenwäldern, und Felsformationen, die wie Krokodile aussehen. Entlang einsamer Strände, wo Kitesurfer hoffen, dass ihr Geheimtipp geheim bleibt. Zu Lagunen, die sich in der Regenzeit zwischen den Dünen bilden und türkisblau schimmern, fast künstlich wirken in karibischer Schönheit.

Die Dünen wandern

In den USA würden sie solche weißen Dünen zu Naturwundern erklären und sie dementsprechend vermarkten. "Ich bin selbst jeden Tag aufs Neue begeistert", erzählt Sávio. "Die Dünen wandern. Jeden Tag verändern sich die Wege durch den Sand, die Hügel, der Horizont." Jeder Tropenregen bringt andere Pools. Es ist eine Landschaft, die nie stillsteht.

Kollektives Erlebnis: Sonnenuntergang in Jericoacoara

Kollektives Erlebnis: Sonnenuntergang in Jericoacoara

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Sávio Fonteles wuchs in Jericoacoara auf, sein Vater war Fischer. Heute lebt er 20 Kilometer entfernt in der Kleinstadt Jijoca, weil er sich Jeri nicht mehr leisten kann. Vor 30 Jahren eröffnete ein Spanier, Sérgio Gimenez, die erste Pension und wurde Bürgermeister. Dann kamen ein paar Franzosen, kauften Grundstücke billig auf und verwandelten das Fischerdorf in einen Hippieort. Und dann kamen Aussteiger aus aller Welt und machten ihn zu einer schicken Wüstenoase mit Yogastudios und Boutique-Hotels.

Keine Gewalt, keine Armut

Das ist Jeri heute: irgendwas zwischen Hippienest, Partystadt und Outdoor-Zentrum. 1500 Einwohner leben hier ganzjährig, im Winter steigt die Zahl auf 20.000. Die im Land allgegenwärtige Gewalt kommt auch dann nicht hierher. "Diebe könnten höchstens ins Meer fliehen, und da fressen die Haie sie", sagt der Ortspolizist. Nur ein Fischerdorf ist Jeri nicht mehr, obwohl es in den Restaurants reichlich Fisch gibt.

Ist das Tourismus, wie er sein soll? Ein entlegener Fischerort wird zum Refugium, zum Wohlstandsparadies für europäische Aussteiger? Wo sind die Einheimischen – außer in den Küchen, Bars und Putzkolonnen? "Für die meisten von uns ist Jeri zu teuer", sagt Sávio, "aber wir haben Arbeit. Wir alle haben uns Häuser außerhalb kaufen können. Jeri war ein ruhiges, langweiliges Dorf. Durch die Europäer wurde es eine Perle mit blühenden Gärten. Es gibt keine Armut, keine Gewalt, keine monströsen Häuser, nur charmante Pensionen."

Das liegt am Nationalpark, der Jericoacoara umgibt. Dem Wachstum des Ortes sind Grenzen gesetzt, dafür sorgen auch die Europäer. Überall gibt es Recyclingtonnen – sonst eher eine Seltenheit in Brasilien. Abwasser fließt nicht ins Meer wie selbst an Rios Traumstränden üblich, Hotelketten werden nicht zugelassen, Pauschaltouristen sucht man hier vergebens.

Am besten erlebt man Jeris Zauber am Abend, wenn die Tropensonne hier endlich an Kraft verliert. Der Spaziergang aus dem Ort führt durch warmen Sand die Wanderdünen hinauf. Vorbei an schiefen, knorrigen Bäumen, die der stramme Küstenwind geformt hat. Auf dem Hausgrill am Strand bieten Einheimische Langusten für umgerechnet fünf Euro an. Und gegen den Durst das Wasser der grünen Kokosnuss. Wenn die rote Sonne dann pünktlich um 18 Uhr im Meer versinkt und für einen Moment ein grüner Strahl aufleuchtet, ein seltenes Naturphänomen, applaudieren die Besucher.

Mit dem Sonnenuntergang verändert sich Jeri

Nun öffnen die Boutiquen, der Boden oft nichts als Sand, nun bevölkern die Menschen die autofreien Straßen. Man geht hier lässig in T-Shirts, Bermudashorts, Sandalen oder barfuß aus. Selten ist es kühler als 25 Grad. Überall erklingt Livemusik, ein Mix aus Samba, Rock, Forró. Auch in der Musik treffen sich Brasilien und die Welt. Jeri ist nicht so sehr eine Stadt am Strand. Eher eine Stadt im Sand.

Jericoacoara ist umgeben von einem Nationalpark, das hat den Ort vor Bausünden bewahrt

Jericoacoara ist umgeben von einem Nationalpark, das hat den Ort vor Bausünden bewahrt

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Bisher mussten Besucher aus der Großstadt Fortaleza anreisen, vier Stunden Fahrt durch brasilianische Realität: Palmenplantagen, die dem Boden das Wasser entziehen. Trockenheit, die den Bauern die Arbeit nimmt. Bauern, die als Bettler in den Städten enden. Ab 2019 ist der neue Flughafen in Jericoacoara für internationale Flüge zugelassen. Die große Frage lautet: Was wird dann aus Jeri? Sávio sagt: "Es wird voll. Unser Ort hat eben alles: Meer, Strand, Dünen, Lagunen. Er ist perfekt."

Und wie finden das die Einheimischen? Sávio zuckt mit den Schultern. "Wir brauchen halt Arbeit. Und es gibt ja immer noch ein paar kaum bekannte magische Ecken. Aber die verraten wir euch nicht."

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