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Jordanien: Auf den Spuren der Kulturen

Keine Lust, nur am Strand zu liegen? Eine intelligente Urlaubsvariante bieten Studienreisen, bei denen man eine Menge über Land und Leute lernen kann. Zum Beispiel in Jordanien.

Neun Jahre hat Helge Fischer an Petra rumgemacht, und auch jetzt, wo alles vorbei ist, kommt er nicht von ihr los. Von Petra, der Felsenstadt. Seine Augen leuchten fast so hell wie der Sprenggiebel des Monuments aus Sandstein, das Schatzhaus heißt, aber ein Grabmal ist. Was für ein Giebel? Seine Zuhörer sind ratlos. "Sprenggiebel", sagt Fischer, "weil die Architekten von Petra das klassische griechische Giebelfries in der Mitte auseinander sprengten und dazwischen ein Türmchen setzten, Tholos in der Fachsprache genannt." Aha, verständiges Nicken rundum. Wieder was gelernt. Wer mit Fischer unterwegs ist, der ist mit Windrose unterwegs. Und wer mit Windrose unterwegs ist, für den sind zwei angedudelte Wochen Ballermann 6 nicht das Höchste. Der geht auch nicht nach Jordanien wegen einer supergeilen Bauchtanztruppe, sondern weil er schon vorher wusste, dass die Felsenstadt Petra eine Sehenswürdigkeit erster Ordnung und Unesco-Weltkulturerbe ist. Und jetzt vor Ort will er genau wissen, warum.

Doktor Helge Fischer ist für diesen Wissensdurst der ideale Mann. Der Geologe und Atomphysiker hat von 1993 an neun Jahre die deutschen Ausgrabungen in Petra geleitet und außerdem dort ein Jordanisches Zentrum für Denkmalschutz aufgebaut. Also kennt er jeden der hellrosa Felsen, in die das Wüstenvolk der Nabatäer vor rund 2000 Jahren seine Tempel und Mausoleen als fantastische Riesenskulpturen gemeißelt hat. Ob Sprenggiebel oder Gesteinsanalyse, Tholos oder Zweispitzmeißel, Fischer, der heute als Reiseleiter arbeitet, bringt alles locker an sein Publikum. Er schildert die Eigenheiten jedes Felsengrabes, als wäre es ein Stück von ihm. Erst als ihn seine Begeisterung so weit wegschwemmt, dass er die elf - oder waren es dreizehn? - Schritte einer Fassadenrestaurierung auf der Höhe moderner Denkmalpfleger haarklein erläutert, kommt ein Zwischenruf: "Jetzt wird es aber wirklich berufliche Fortbildung!"

Doch grundsätzlich ist den zwei Dutzend Teilnehmern der Ein-Wochen-Tour "Reiseperle Jordanien" kein Detail zu viel. Wer mit einem Unternehmen wie Windrose oder Studiosus fährt, kennt die Welt im Allgemeinen und will sie nun im Besonderen durchdringen. Das durchschnittliche Alter liegt bei 60 plus, das Bildungsniveau zwischen Abitur und Hochschulabschluss. Der Reiseleiter muss keine Discotipps geben, und der von mehreren Gestalten angebotene Kamelritt vom Eingangstor in Petra zum Schatzhaus wird mit einer Handbewegung als Pseudofolklore abgetan. Wenn schon was Arabisches, dann möchte man doch bitte in einem Beduinenzelt Tee trinken und etwas über die ausgeklügelte Wasserwirtschaft dieses Wüstenvolks erfahren!An diesem Nachmittag pfeift durch die Ruinenstadt ein eisiges Lüftchen. Sollte den einen oder anderen Windrose-Touri seine Arthritis plagen, lässt er es sich nicht anmerken. Bildungsreisende sind verdammt fit. Nur zwei Teilnehmer haben den Felsenweg mit Wanderstock bewältigt. Der Rest geht frei, ist enorm wind- und wetterfest gekleidet und hat schon ganz andere Sachen erlebt als ein bisschen jordanisches Sauwetter. Beim Eisbären-Watching an der Hudson Bay hätte es ihnen beinahe den A..., Pardon, den Hintern abgefroren, sagt das Chemiker-Ehepaar aus Düsseldorf. "Usbekistan ist auch nicht gerade eine tropische Idylle", kontert der pensionierte Chefarzt aus Oberbayern, dort sei der Nachtfrost selbst im Sommer allgegenwärtig, doch die islamische Bausubstanz "einfach phänomenal".

Fischer reibt sich den kahlen Schädel, den er mit einem Schlapphut bedeckt. Der lässt ihn wie eine Mischung zwischen Joseph Beuys und Indiana Jones aussehen. "Wissen Sie eigentlich, dass "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" hier in Petra gedreht wurde?", fragt er. Die Chefsekretärin aus Berlin weiß das natürlich, aber die hat auch parat, wer 1940 neben Heinrich George die weibliche Hauptrolle in "Der Postmeister" spielte (Hilde Krahl!). Oder den dritten Kameltreiber in "Lawrence von Arabien". Dieser Monumentalfilm ist ebenfalls zum großen Teil in der jordanischen Wüste entstanden. Dann macht der Doktor den "Mal sehen, wer aufgepasst hat"-Test. Er deutet auf das Straßenpflaster im Zentrum des antiken Petra: "Römisch?" fragt er ganz harmlos. "Nein, dann müsste es gewölbt sein nach außen", kommt es mehrstimmig zurück. Fischer nickt zufrieden. Da ist was hängen geblieben. "Die Nabatäer haben zwar viel von den Römern gelernt, aber als Wüstenvolk ihre Straßen dann doch nicht so gebaut, dass der Regen ablief."Rund 100 Jahre nach Christus hatten die Römer das heutige Jordanien ihrem Imperium einverleibt. Wegen des Wüstenklimas hat der Zahn der Verwitterung an den römischen Bauwerken hier weit weniger genibbelt als anderswo. Darum reiht sich in Gerasa, dem heutigen Jerash, das die Gruppe am Vortag besucht hat, an der antiken Hauptstraße auf 700 Meter Länge noch immer eine Kette von 250 Säulen. Sie gibt einen Eindruck davon, wie toll es die alten Römer architektonisch trieben. Neben Petra ist Gerasa mit seinen Säulenfluchten von edler Einfachheit das zweite große Ziel jeder Jordanien-Rundfahrt.

"Nur, diese Säulen waren damals gar nicht edler nackter Sandstein", erläutert Fischer seiner Gruppe, "die waren verputzt und bunt bemalt. Alle Tempel, alle Arkaden müssen wir uns farbig vorstellen." Er deutet dorthin, wo der Cardo sich mit dem Decumanus kreuzt, zwei Fachausdrücke, die für seine Schäflein inzwischen Umgangssprache sind: Cardo, die Haupt-, Decumanus eine große Querstraße. Fischer trichtert ihnen das ein, wann immer eine römische Straßenkreuzung der Bildungsreise in die Quere kommt.Obwohl Gerasa so römisch ist wie kaum eine antike Stadt außerhalb Italiens, hat sie es anders als Petra nicht zum Weltkulturerbe gebracht. Schuld daran ist der Übereifer der lokalen Denkmalschützer. Sie rekonstruierten eine römische Häuserflucht am Ortseingang großzügig nach eigener Disneyland-Fantasie und weniger nach historischem Bauplan. So was gefällt den Hütern des Weltkulturerbes nicht. Zu Recht, findet Fischer, der Purist. Wenn das Originalgetreue flöten gehe, und sei es auch nur am Eingangstor, dann helfe auch die großartigste Säulenreihe nichts mehr. Seinen professionellen Unmut erregt denn auch in Petra der betonierte Weg durch den Siq, eine so enge wie tiefe Schlucht, die den Besucher zum Zentrum der Felsenstadt führt und wo am Ende des Tunnels die Fassade des Schatzhauses leuchtet. Früher war der zementierte Pfad ein einfaches Trockenflussbett. "Ja, der Doktor", sagt lächelnd Aiman, der lokale Guide, der jedem ausländischen Führer beigesellt wird. "Der ist gegen so was. Doch bei jedem Platzregen schwemmte es die Bachkiesel weg, und aus dem Weg wurde eine Stolperstrecke." Aiman hat in Deutschland Maschinenbau studiert, in der Heimat keinen Job gefunden und daher beim jordanischen Partnerunternehmen von Windrose angeheuert. Er vertritt die praktische Linie im Umgang mit dem Altertum. "Der ebene Weg macht es den Touristen bequemer, Petra zu besuchen."

Kriegsrat im Beduinenzelt bei Kichererbsenpüree, Lamm-Kebab und Cola-Light. Draußen plätschert der Regen, auf den Jordanien gewartet hat, nur nicht die Touristen. Wer kann noch die 750 Stufen hochklettern zum Ad-Deir-Kloster, der neben dem Schatzhaus spektakulärsten Architekturskulptur im Sandstein? Mehr als die Hälfte hebt die Hand. Wer - nur drei Beispiele von vielen - die Hotelpreise der Südsee, eine Expedition zu den Gorillas in Ruanda oder stille Tage in Spitzbergen überlebt hat, lässt sich von ein paar Stufen und Regentropfen nicht schrecken. Schon gurgelt den Hohlweg, der hinaufführt, ein Bächlein hinab. Fischer, der Science-Fiction liebt und 120 Jahre Lebensalter bei richtiger Ernährung für erreichbar hält, warnt vor den Gefahren plötzlicher Flutwellen in diesen Wadis, die bei Regen blitzschnell von Trockentälern zu Wildwassern mutieren. "Nie sich im Flussbett unterstellen oder zelten, immer ein paar Meter oberhalb der Talsohle! Sonst gibt es bei einem Wolkenbruch kein Entrinnen."Zum Glück bricht heute keine Wolke. Vielmehr reißt der Himmel auf, als das Expeditionskorps Windrose das Hochplateau mit der Klosterfassade erreicht. Allgemeines Aufseufzen. Ad Deir in der schrägen Nachmittagssonne. Dafür lohnen sich Hüftschmerzen und Kurzatmigkeit. Wie eine vergessene Theaterkulisse springen die überscharfen Konturen der ziselierten Fassade inmitten einer wild wuchernden Felslandschaft ins Auge. Selbst die hartgesottensten Vielflieger sprechen jetzt nicht von vergangenen Abenteuerreisen. Beim Abstieg regnet es wieder. Das Wadi-Rinnsal schwillt zu einem knöcheltiefen Bach an. Mit vor Nässe quietschenden Wanderstiefeln und triefendem Haar Ziel erreicht. Keine Ausfälle. Morgen soll das Wetter besser werden.Im Wadi Ramm scheint dann auch die Sonne. Nach römischen Theatern, nach Kreuzfahrerburgen und der Festung von Kerak, nach byzantinischen Mosaiken und Wandmalereien in einem frühislamischen Badehaus mit halb nackten "Damen und Herren", wie Aiman leicht errötend erläutert, ist heute die Wüste als solche das Windrose-Thema. Nicht, dass die Wüste für die meisten hier Neuland wäre. Ihr Flugzeug habe einmal in Saudi-Arabien nicht starten können, so wütend sei der Sandsturm gewesen, erzählt das Arztehepaar aus Berlin, als sich die Gruppe auf vier Geländewagen verteilt. Zwischen verwitternden, kahlen Bergkegeln mahlen sich die Räder durch denselben Sand, den auch die Beduinen des Lawrence von Arabien hoch zu Kamel durchmaßen, als er 1917 von hier aus seine kühne Attacke gegen die Türken in der Hafenstadt Aqaba am Roten Meer begann. "Aqaba, Aqaba", ruft Fischer bei seinem persönlichen Remake des historischen Aufbruchs mit gereckter Faust seiner Elitetruppe zu, die sich bemüht, vom schaukelnden Auto aus drei in der Ferne grasende Kamele mit der Digitalkamera einzufangen. Die in Sachen Kintopp allwissende Chefsekretärin ruft ihren Mitfahrern die blauen Augen von Peter O'Toole, dem Film-Lawrence, in Erinnerung.Die Fabrikantenwitwe aus Lohr am Main lässt ihre Kamera Höchstleistungen vollbringen angesichts des wild fuchtelnden Fischer, der friedlich grasenden Kamele und der kargen Wüstenwelt. Zu Hause, erklärt sie beim Wein am letzten Abend im Hotel, werde sie auch diese Reise wie alle anderen als Video archivieren. "Und wenn mich die Sehnsucht überkommt, dann mach ich mir einen Cocktail und bin mit einem Knopfdruck schnurstracks in Jordanien."

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