Jordanien Im Sattel durch die Wüste

Wer auf dem Rücken eines Pferdes 200 Kilometer durch das Tal des Moses in Jordaniens zurücklegt, findet überwältigende Landschaften, Abstand zu allerlei Problemen - und am Ende zu sich.
Von Karl Forster

Sie alle hier haben ihre Geschichte. Theo, Unternehmer aus Düsseldorf, sammelt Abenteuer wie andere Menschen Schneegestöber oder Bierdeckel. Rosa, Chefsekretärin bei einer Londoner Investmentbank, will einfach nur reiten, den ganzen Tag, die ganze Woche, am liebsten ihr ganzes Leben lang. Oliver hat diese Tour über ein Preisausschreiben gewonnen und weiß nicht recht, ob er sich freuen soll darüber, dass er sechs Tage in der Wüste Jordaniens auf dem Rücken eines Pferdes verbringen darf, zumal er Pferde nicht besonders mag.

Und einer ist hier, um wegzukommen. Um sie endlich zu vergessen. Um nicht jedes Mal, wenn das Handy Mozarts Türkischen Marsch spielt, ein hoffnungsvolles "Hallo" in die Muschel zu raunen. Um nicht Abende lang am Tresen zu sitzen und Pastis zu trinken mit der schalen Hoffnung, der Anisschnaps würde ihm wenigstens beim körperlichen Entzug helfen. Um den Kopf durchzupusten und der Vernunft Platz zu schaffen, die da sagt: "Vergiss sie einfach." Und um der Seele Zeit zu geben. Um das, was der Kopf sagt, auch dem Rest dieses Menschen mitzuteilen: Es ist halt einfach aus. Vorbei. Schluss. Er weiß, es ist nicht nur ein Abenteuer, in sechs Tagen 200 Kilometer durch die Wüste zu reiten, es ist auch eine Art seelentherapeutischer Versuch. Möge die Übung gelingen. "Dein Pferd", sagt Hanna, "heißt Sada.

"Petra ist der herrlichste Ort der Welt"

Das bedeutet Glück." Schön, denkt er, das kann ich brauchen. Aber Hanna, der Führer durch die Wüste, sagt auch, Sada sei etwas zickig. "Sie beißt und tritt und giftet, aber sobald man auf ihr sitzt, ist sie lammfromm." Es gibt auch böse Lämmer, denkt er. Aber Lämmer sind kleiner als Pferde. Kleiner als die komplizierte wie hübsche Araberstute Sada. Aber auf einem Lamm kann man nicht durch die Wüste reiten. Start der Tour ist die Felsenstadt Petra. "Petra ist der herrlichste Ort der Welt", schrieb schon Lawrence von Arabien in seinen Memoiren. Ein Erdbeben soll vor Tausenden von Jahren den Berg gesprengt und Platz für diese Stadt geschaffen haben.

Es lebten die Nabatäer hier, dann die Römer. Nach der Eroberung durch die Araber verfiel die Wüstenstadt. Heute ist Petra in der Hand von Touristen. Sie werden sich nicht vertreiben lassen. Es wäre schön, wenn auch sie hier wäre. Petra würde ihr gefallen. Morgens um acht sind sie losgeritten. Richtung Süden. Sada benahm sich ordentlich. "Nach fünf Stunden machen wir drei Stunden Pause", hat Hanna gesagt. Und es schien ihm, als hätte er gegrinst dabei. Als er nach vier Stunden auf die Uhr schaute, war es neun. Nach gefühlten 20 Stunden brannte die Sonne am Zenit. Die drei Stunden Mittagspause waren nach scheinbar zehn Minuten vorbei. Es ist jetzt Abend. Er hat acht Stunden nicht an sie gedacht.

Die Welt ist weit weg, unendlich weit weg

Es gibt Fladenbrot und irgendwas. Und kühles Bier. Dank eines 200 Pferde starken Begleitfahrzeugs. Es wird kalt in der Wüste. Im Osten steigt der Orion auf. Der Muskelkater am nächsten Tag ist phänomenal. Die alte Karawanenstrasse von Wadi Musa weist den Weg. Wadi Musa heißt Tal des Moses. Die Gedanken beginnen zu fliegen. Von Moses zu Salomo, zu dessen Hohelied der Liebe, in dem es heißt, ihre Brüste seien wie junge Zwillinge von Gazellen und ihr Hals gleiche einem Turm von Elfenbein. Es wird heiß, unendlich heiß. Sada stapft stoisch durch den Sand. Manchmal sind rätselhafte Spuren zu sehen. Hanna murmelt etwas von Schlangen. Die Welt ist weit weg, unendlich weit weg. Das Büro ist aus dem Kopf ausgezogen, die Großstadt ist explodiert.

Es gibt nur Sand, Wüste, Sada. Und Durst. In den Fünfzigern gab es ein Werbeplakat für Bier. Ein Mann im Anzug, das Jackett über die Schulter geworfen, schaut auf eine Fata Morgana, die aus einem kühlen, perlenden Bier besteht. Gute Werbung war das, denkt er. Und schaut wieder mal zu früh auf die Uhr. Es war die Nacht zum fünften und vorletzten Tag. Sada hatte wie immer gezickt beim Fressen. Er hatte sich daran gewöhnt, mit einem halben Liter Wasser zu duschen. Er liebt mittlerweile Fladenbrot mit irgendwas. Er spürt den Sand nicht mehr zwischen Hemd und Haut. Er hat noch die Bilder im Kopf vom Plateau Ras an Nakab, dieses Stein gewordene Wunder, und mag trotzdem nicht glauben, dass irgendein Gott, sei es Allah oder Bölls "höheres Wesen, das wir verehren", all das geschaffen und dann das Wasser vergessen hat.

"Sorry, Sada is not for sale"

Er legt sich mit dem Schlafsack zu Sada, fast so, als wären sie Freunde geworden. Und er wacht auf, weil Sada wiehert. Es ist Nacht. Sada sieht aus wie ein Gespenst und zittert am ganzen Leib, ihre Augen sind zugeschwollen, vom Maul trieft Schaum. Hanna hat Angst um sein Pferd. Laut brüllt er Arabisches in sein Satellitentelefon und holt aus dem Jeep Ampulle und Spritze. "Sie ist", sagt er, "von einem Schwarzen Skorpion gestochen worden." Hoffentlich hilft das Serum. Das war nun doch ein bisschen zu viel. Er, Held der Wüste, hatte sich abends zu den Pferden gelegt, um zu schlafen. Er hatte gelassen den Orion betrachtet und nicht an sein Handy gedacht und an den Türkischen Marsch, den abzuspielen es programmiert ist, wenn sie anruft.

Er hatte nicht alles, aber vieles hinter sich gelassen. Während einen Meter neben ihm ein Schwarzer Skorpion seinen giftbringenden Dorn in warmes Fleisch jagte. Es fehlte nicht viel, und er hätte gezittert wie Sada. Er hatte dann Hanna gebeten, ihm das Satellitentelefon zu leihen, nur für ein kurzes Gespräch. Er wählte die Nummer, die er im Schlaf wählen kann. Und war so gottverdammt allein, als es hieß, der Teilnehmer sei zurzeit "not available". Sada hat überlebt. Ist brav hinter Hannas Pferd hergetrottet, während er Wadi Rum, den legendären ausgetrockneten Canyon, vom Jeep aus bewunderte. Doch er hatte ein seltsames Gefühl, eines, das nach schlechtem Gewissen roch – und nach Zuneigung. Als sie, Theo, Rosa, Oliver und die anderen Teilnehmer der Reise, in Wadi Rum angekommen waren, nahm er Hanna, den Führer durch die Wüste, beiseite. Und er fragte ihn: "Wie viel kostet Sada?" Hanna sagte: "Sorry, Sada is not for sale." Und dann hat er gelacht und gesagt: "Okay, reiten wir zurück?"


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