Olympiastadt Vancouver Countdown am Pazifik

Die Vorbereitungen auf die nächsten Olympischen Winterspiele laufen auf Hochtouren. Viele Wettkampfstätten können bereits besichtigt werden. Doch das milde Klima Vancouvers zieht auch unerwünschte Besucher an.
Von Ulrike Wiebrecht

In Vancouver hat man das Gefühl, hier seien alle im Urlaub. Asiatische Familien führen ihre Kinder an der English Bay aus, in der Segelboote auf den Wellen des Pazifiks schaukeln. Die Freizeitmöglichkeiten zwischen Meer und Bergen sind so vielfältig, dass es die Städter zu jeder Jahreszeit ins Freie zieht: Sonnenanbeter am Kit's Beach, Jogger im Stanley Park, Wanderer auf dem Grouse Mountain. Die heitere Ferienstimmung wird auch nicht dadurch beeinträchtigt, dass hier bald die Olympischen Winterspiele stattfinden.

Fünf Monate vor dem Großereignis würde anderswo helle Aufregung herrschen. Nicht so in British Columbia, wo fast alles nach Plan läuft. Alle Sportstätten in Vancouver, unter anderem die Eishockey-, Eiskunstlauf- und Eisschnelllaufmeisterschaften stattfinden, sind fertig. Ebenso die im zwei Stunden entfernten Whistler - Austragungsort für die Wettkämpfe in Alpinski und nordischen Disziplinen und Rodeln. So ist die spektakuläre "Peak to Peak Gondola", die in elf Minuten vom Gipfel des Whistler Mountain zum Blackcomb Mountain schwebt, bereits im Dezember 2008 in Betrieb gegangen.

Neue Hotels wie das Shangri-La haben längst geöffnet. Bald werden auch die letzten Baumaßnahmen abgeschlossen sein: Nach dem Sea to Sky-Highway von Vancouver nach Whistler wird Ende September die Canada Line an den Start gehen - eine überfällige Schnellbahnverbindung vom Flughafen in die Innenstadt.

XXI. Olympischen Winterspiele

Nach Montreal im Jahr 1976 und Calgary im Jahr 1988, finden in Vancouver die XXI. Olympischen Winterspiele vom 12. bis 28. Februar statt - die Paraolympischen Winterspiele vom 12. bis 21. März 2010. Dazu werden 5500 Wettkämpfer und Offizielle aus über 80 Ländern und 10.000 Journalisten erwartet. Um die Austragungsorte herum gibt es so genannte "Celebration Plazas". Dort feiern Einheimische und Besucher jeden Tag nach Verleihung der Medaillen.

Besucher brauchen keine Angst haben, in Vancouver über Baustellen zu stolpern. Während ihres Sightseeing-Programms können sie schon die eine oder andere Olympiastätte in Augenschein nehmen. Zum Beispiel, indem sie mit dem Aquabus, einer Art Wassertaxi, durch den False Creek schippern und die atemraubende Waterfront der Zwei-Millionen-Metropole an sich vorüber ziehen lassen: Hinter dem Yachthafen von Yaletown erheben sich nicht nur schicke Apartmenthäuser. Dazwischen ragt der Canada Hockey Place heraus, wo die Eishockey-Meisterschaften ausgetragen werden. Dicht daneben lugt das weiße Dach des BC Place Stadium hervor, der Ort der Eröffnungs- und Schlussfeier. Auf der anderen Seite des False Creek versetzt einen das neu gebaute olympische Dorf ins Staunen.

Vier First Nations-Stämme unter den Gastgebern

Wo sonst hat es jemals ein olympisches Dorf mit solch einer Traumlage gegeben? Direkt am Wasser und mit fantastischem Blick auf die Skyline der Innenstadt liegen die Wohnungen so zentral, dass einige Olympiastätten zu Fuß oder per Wassertaxi zu erreichen sind. Einziger Schönheitsfehler: die Kosten. Eigentlich sollten zwanzig Prozent der rund 1300 Apartments nach den Spielen dem sozialen Wohnungsbau zur Verfügung stehen. Nun sind sie mit rund 900.000 Dollar pro Einheit so teuer geworden, dass keiner weiß, wie das in Krisenzeiten zu finanzieren ist. So wächst bereits der Druck, die Sozialwohnungen in Bestlage an solvente Privatleute zu verkaufen.

Dabei sollten die Olympischen Winterspiele sozialverträglich, nachhaltig, politisch, ökologisch und in jeder Hinsicht korrekte Spiele werden. Deshalb wurden, was einmalig in der Geschichte der Olympischen Spiele ist, die First Nations, die kanadischen Ureinwohner, in die Planung einbezogen. Einige von ihnen geführte Firmen haben Bauaufträge erhalten, außerdem werden unter den Sportlern Angehörige der First Nations wie die Snowboarderin Chelsie Mitchell vertreten sein. Schließlich gehören vier der Stämme, die Lil´wat, Musqueam, Squamish und Tsleil-Waututh zu den offiziellen Gastgebern. Und das ist gut so. Denn ansonsten begegnet man ihnen fast nur im - überaus sehenswerten - Anthropologischen Museum.

Ökologie und das Olimpic Oval

Die Winterspiele 2010 sollen die umweltfreundlichsten aller Zeiten werden. Das Gastgeberland hat sich ausdrücklich verpflichtet, dem Internationalen Olympischen Komitee über die Langzeitfolgen Bericht zu erstatten. Wasserläufe, Baumbestand und sensible Lebensräume wurden gemieden und durchweg nachhaltige Bauten errichtet. Ohnehin finden die Wettkämpfe zu 50 Prozent in bereits bestehenden Gebäuden statt.

Andere, wie das Richmond Olimpic Oval, werden nach den Spielen für den Breiten- und Amateursport genutzt. Die Multifunktionshalle im Vorort Richmond, in der die Eisschnelllaufmeisterschaften stattfinden, ist der beeindruckendste Neubau von Vancouver 2010. Von Tageslicht durchflutet verspricht er einen geringen Energieverbrauch. Regenwasser wird für sanitäre Anlagen genutzt, die Wärme, die bei der Herstellung des Eises entsteht, zum Heizen. Besonders stolz sind die Planer aber auf das Dach: Für die frei tragende, vier Fußballfelder große Holzkonstruktion in Form einer Welle wurde Holz recycelt, das von dem derzeit in Nordamerika grassierenden Pine Beetle-Käfer befallen war. "Um das geschädigte Material zu verwenden, wurde eine völlig neue Technologie entwickelt, die jetzt auch exportfähig ist", erklärt eine der freiwilligen Mitarbeiterinnen, die Besucher durch das Olimpic Oval führen. Beim Rundgang kann man Schlittschuhläufern zusehen und sich davon überzeugen, dass die Bevölkerung von der 2008 eröffneten Halle längst Besitz ergriffen hat.

Die Vancouverites lassen es ruhig angehen

Diejenigen, die hier trainieren, freuen sich über die Olympischen Winterspiele. Ansonsten hält sich die Begeisterung der Vancouverites in Grenzen. Gewiss, mancher schätzt sich glücklich, eine Karte für einen der Wettkämpfe ergattert zu haben. Andere wollen in der Zeit lieber wegfahren und durch die Vermietung ihrer Wohnung die Urlaubskasse aufbessern. Während sich mancher vor den Folgekosten fürchtet - als abschreckendes Beispiel dient Montréal, das nach den Olympischen Spielen fünfzehn Jahre brauchte, um den Schuldenberg abzutragen -, sorgen sich andere um die Verkehrsbeeinträchtigungen. "Normalerweise schneit es hier nur wenig", meint eine Frau aus North Vancouver. "Deshalb gibt es relativ wenige Streu- und Räumfahrzeuge. Aber wenn es so kommt wie im letzten Winter, wo zeitweise sogar der Flughafen geschlossen war, ist das Chaos vorprogrammiert."

Schandfleck: Das Drogenviertel in East Downtown

Nur in einem Viertel geht es weniger gemütlich zu: in East Downtown, einer No-Go-Area im Zentrum, wo plötzlich statt schicken Geschäften und Coffee Shops bettelnde Obdachlose und Drogensüchtige das Straßenbild beherrschen. Unvorbereitete Besucher sind geschockt, aber die Missstände haben ihren Grund. "Vancouver ist nicht nur Umschlagplatz und Produktionsstätte chemischer Drogen", weiß eine Anwohnerin zu berichten, "durch sein mildes Klima zieht es auch viele Junkies und Obdachlose aus anderen Teilen Kanadas an, weil sie hier einfach leichter überleben können." Auf Olympia-Gäste durfte das keinen guten Eindruck machen. Deshalb wird zurzeit darüber gestritten, ob eins der dort befindlichen Obdachlosenheime geschlossen oder an den Stadtrand verlegt werden soll. Notfalls werden vor den Olympischen Winterspielen einige unerwünschte Personen kurzerhand "umgesetzt", wie es im Jargon der Verantwortlichen heißt.

Selbst wenn in den Zeitungen immer wieder von Morden unter verfeindeten Mafia-Gruppierungen zu lesen ist, Touristen müssen sich weder vor Handtaschendiebstählen noch tätlichen Übergriffen fürchten. Immerhin haben die Verantwortlichen für den Fall von gewaltsamen Protesten - die sich nicht darauf beschränken, ihre Meinung in den eigens dafür eingerichteten "free speech zones" zu bekunden - vorgesorgt: 7000 Polizisten, 5000 private Sicherheitsleute und 4500 Angehörige des kanadischen Heeres werden im Einsatz sein. Das sind weit mehr als die 5500 erwarteten Wettkämpfer und offiziellen Gäste.

Aber Kanada steht für perfekte Organisation. "Was wir jetzt noch hinbekommen müssen, ist endlich mal eine Goldmedaille zu bekommen", meint eine der insgesamt 25.000 Freiwilligen, die sich im Anti-Doping-Labor von Richmond engagiert. "Das ist uns nämlich auf kanadischem Boden noch nie gelungen."

Mehr zum Thema

Newsticker