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Port Ghalib: Abtauchen in der Wüste

Hier gibt es nichts außer ein paar Luxushotels, viel Strand - und Millionen bunter Fische: Alle Sehenswürdigkeiten von Port Ghalib befinden sich unter Wasser. Taucher lieben die Ferienoase in Ägypten.

Von Wolfgang Röhl

Gesenkten Hauptes, stoisch in sich ruhend, dreht Mr Nice seine Runden, vorbei an den Strandliegen der Touristen. Den schweren Karren mit gefüllten Pressluftflaschen zieht er von der Taucherbasis zum Bootsanleger, bringt von dort die leer geatmeten Flaschen zurück zur Füllstation. Fast immer unter sengender Sonne, denn im Süden Ägyptens ist der Himmel statistisch nur einen Tag im Jahr bedeckt. Weil Mr Nice ein Esel ist und Urlauberkinder Esel lieben, legten sie sich für ihn ins Geschirr. "Eine Petition mit 150 krakeligen Unterschriften bat uns, einen schattigen Unterstand für ihn zu bauen", sagt seufzend Hans Heinz Dilthey, der die florierende Taucherbasis Coraya Divers betreibt. "Da blieb uns natürlich nichts anderes übrig. Schwierig, Westlern zu verklickern, wie ein Esel hier lebt."

Bis zu 200 Unterwasser-Enthusiasten versorgt seine Station am Roten Meer täglich. Sie liegt im Zentrum der Urlaubsanlage Madinat Coraya; eine Handvoll Hotels mit insgesamt mehr als 1000 Zimmern, die sich um eine natürliche Bucht gruppieren. Die Bucht ist eine Wucht. Sogar Schnorchler, die in das anfänglich flache Becken hineinwaten, kommen auf ihre Kosten. Sie dümpeln über riesigen silbrigen Fischschwärmen, die durchs wabernde Seegras ziehen, sehen elegante Blaupunktrochen und kapitale Napoleonfische.

Bunte Unterwasserwelt

Wo sich die Bucht zur See öffnet, beginnen die Korallengärten des Riffs, das die Küstenlinie säumt. Taucher starten ihre Exkursionen vom Steg aus oder fahren mit Schlauchbooten zu einem Dutzend attraktiver Tauchgründe in der Nähe. Picassofische, Drückerfische, frei schwimmende Muränen, Papageienfische und Riffhaie, sogar Delfine und Walhaie sind manchmal im artenreichen Roten Meer zu besichtigen. Anfänger üben auf einer Plattform in fünf Meter Tiefe für die begehrte "Open Water"-Tauchlizenz, die man in einer knappen Woche schaffen kann. "Hier sind die Tauchreviere niemals überfüllt wie bei Hurghada oder Scharm al-Scheich", sagt Dilthey, der den Charme der Gegend als Tourist entdeckte. Viele seiner Kunden sind ehemalige Hardcoretaucher, die inzwischen Familie haben und nicht mehr den ganzen Tag mit ihren Sportsfreunden auf Taucherbooten herumhängen möchten. "Hier fahren sie ein kurzes Stück mit dem Zodiac raus und liegen nach anderthalb Stunden wieder bei Frau und Kindern unterm Sonnenschirm."

Die ägyptische Region Marsa Alam erlebt derzeit einen Boom. Seit 2001 der gleichnamige Flugplatz gebaut wurde, eröffnet an dem etwa 100 Kilometer langen Küstenstreifen südlich des Hafenstädtchens al-Qusair ein Hotel nach dem anderen, von der schlichten Taucherherberge bis zum Luxusresort.

Die Bettenburgen bilden autonome Einheiten mit eigenen Wasserentsalzungsanlagen, Kraftwerken und Sprinklersystemen. Künstliche und manchmal, wie im Fall des im Kasba-Stil errichteten Coraya Beach, sogar kunstvolle Ferienwelten. In die man ein- und wieder ausfliegt - ohne schlechtes Gewissen, Land und Leute unerkundet gelassen zu haben. Richtung Osten rauscht ja nur das Rote Meer, und gen Westen ist da nichts als staubige, steinerne Wüste, gerade mal geeignet für kurze Ausflüge mit dem Kamel oder dem Quad. Selbst die meisten Angestellten der Ferienindustrie kommen von weither, aus Kairo oder Luxor. Sie wohnen in extra für sie gebauten Siedlungen jenseits der Küstenstraße. Ab und zu weht von dort leise der Ruf des Muezzins herüber und erinnert daran, dass Ägypten ein islamisches Land ist. Ein dezenter Pfeil auf dem Schreibtisch der Hotelzimmer weist in Richtung Mekka.

Europäische Standards

Die gehobenen Anlagen sind ganz auf Umweltschutz geeicht, des Kerneuropäers Religionssubstitut. Wasser sparende Hähne, umweltfreundliche Chemikalien, Brauchwasser für die Gärten, reduzierter Stromkonsum dank Hauptschaltern sowie eine vierstufige Mülltrennung bilden den Standard. Zertifikate wie der Green Globe 21, die verschärften Umwelteinsatz bescheinigen, gehören zu den Aushängeschildern der Hotellobbys.

Augenwischerei? Alibiveranstaltungen? Nicht nur. Eingedenk der irreparablen Zerstörungen, die der Tourismus in den übertauchten Gebieten um Hurghada angerichtet hat, schützt man die neuen Reviere im Süden konsequent durch Bojen, Seile und Hinweisschilder. Appelle, keinesfalls Korallen abzubrechen oder auch nur zu berühren, sind allgegenwärtig. Warum man Fische nicht füttern soll, wird klugerweise erklärt - es mindert ihre Fähigkeit, Beute zu machen. Segensreich auch das strikte Nacktbadeverbot. Nicht wenige Stammgäste am Roten Meer stehen in einem Lebensabschnitt, wo Bedeckung vorteilhaft wirkt, und überhaupt ist ein Strandhotel in Marsa Alam nicht das Sonnendeck der "Aida". Wer nach Halligalli, Showtime und Animationsgerödel lechzt, ist hier am falschen Platz.

Gegenentwurf zu Hurghada

Spa und Co. sind gefragt, gern auch, wenn fernöstlich angehaucht. Ein waschechter Inder empfängt die Gäste im Wellnessbereich des Radisson-Hotels. Das 250-Zimmer- Hotel mit seinen orientalischen Dekors hat sich auf ayurvedische Massagen spezialisiert. Sauna, Dampfbad, Jacuzzi und jede Menge Fitnessgerät zielen auf Gäste, die der eigenen Verjüngung huldigen. Exakt der Gegenentwurf zum quirligen Hurghada, wo man nach durchzechten Nächten schon mal etwas älter aussieht. "Unsere Gäste erwarten im Urlaub einen gewissen Stil", sagt Maik Schäfer, der Hoteldirektor, optisch eine Jugendversion des Schauspielers Manfred Krug. Leider pflegen auch sie die tradierte Unsitte, Pool- und Strandliegen durch aufgelegte Handtücher zu reservieren. Schäfer: "Vor allem aus den Deutschen kriegt man das nicht raus. Was soll's, wir haben einfach 200 neue Liegen geordert."

Ein gigantomanisches Projekt - um viel mehr als um Intention handelt es sich noch nicht - erstreckt sich auf 200.000 Quadratmeter Fläche unweit des Flughafens. Für 1,2 Milliarden Dollar hat der kuwaitische Kharafi-Konzern, der auch den Airport finanzierte, eine ganze Stadt aus der Wüste gestampft. Vier Hotels um einen riesigen Meerwasserpool herum, ein Tagungszentrum für 1500 Teilnehmer, ein Hafen für bis zu 1000 Yachten, versehen mit Zoll- und Einreiseabfertigung - Port Ghalib möchte eine Freizeit-Megapolis werden wie das nördlich von Hurghada wuchernde El Gouna. Wie dort möchte man Villen und Appartements an betuchte Urlauber verkaufen, die sich in die futuristische Oase verliebt haben.

Anlaufschwierigkeiten

Vorerst läuft die Luxusmaschinerie, die fast 1000 Einheimische beschäftigt, hochtourig im Leerlauf. Das ursprüngliche Management wurde im Sommer ausgewechselt, weil die angepeilte Klientel aus Schönen und Reichen ausgeblieben war. Inzwischen generiert der neue Betreiber, die Intercontinental-Kette, Zielgruppen im Segment des hochwertigen Pauschaltourismus. Wer sich jetzt in das 309-Zimmer-Hotel The Palace einmietet, dem Flaggschiff von Port Ghalib, kann was erleben. Nämlich einen marmorn glänzenden, von importierten Palmen umwedelten, nachts mit unzähligen Lampen illuminierten Palast der Winde, den er bis auf Weiteres nur mit ein paar Dutzend Mitreisenden teilen muss. Angestellte lauern darauf, ihm seine Wünsche von den Augen abzulesen.

Mr Nice, der Esel, verhält sich indessen luxusresistent. In den Arbeitspausen steht er mal hier, mal dort herum. Nur nicht unter seinem brandneuen Sonnendach.

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