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Sarawak: Im Affentheater

Auf Borneo lernen befreite Orang-Utans in einem Wildpark wieder das Dschungelleben. Wer sich traut, kann ihnen dabei zusehen.

Von Gregor Haschnik

Ehrfürchtig wartet die Menge auf ihn, hält mit gezückten Kameras Ausschau, lauscht andächtig, ob sich sein Kommen mit einem Blätterrascheln oder einem Ästeknacken ankündigt. Wird er sich heute überhaupt zeigen?

Die Wartenden blicken so ergriffen drein, dass die Szenerie an eine Papstaudienz erinnert. Doch wir sind nicht auf dem Petersplatz, sondern im Dschungel Borneos. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass die Linse der Kamera nach dem Trockenwischen sofort wieder anläuft. Den Soundtrack liefert der Urwald - allen voran die Zikaden mit ihrem schrillen Zirpen. Der heilige Ernst in den Gesichtern der Touristen gilt Richie, einem männlichen Orang-Utan, einem Vertreter dieser faszinierenden, aussterbenden Art. Der 28-jährige, 100 Kilogramm schwere Menschenaffe ist das Alphatier unter den insgesamt 23 Orang-Utans, die momentan im Semengoh Wildlife Centre leben, einer 1000 Hektar großen Auswilderungsstation.

Ein Röhren durchbricht das Zirpen der Zikaden, eine seltsame Mischung aus Sirene und Grunzen. Damit locken die männlichen Orang-Utans die Weibchen an und vertreiben Widersacher. Ein kräftiges Rascheln. Zweige und Bäume biegen sich: Richie kommt, gewaltig und doch gelenkig. Der Koloss mit der mächtigen Spannweite hangelt sich von Wipfel zu Wipfel, vorbei an den vielen Orang-Utan-Nestern. Dabei macht er zwischen Armen und Beinen keinen Unterschied. Und doch muten seine raumgreifenden Bewegungen manchmal so menschlich an, dass er wie ein großer Mann in einem Affenkostüm aussieht. Die Menge staunt, die Kameras klicken, doch nirgendwo blitzt es. "Der Blitz macht sie böse", hatte Pfleger Dominick Kelundek gewarnt. Richie kann schon mal ein Eisentor, das sonst sechs Mann tragen, aus Wut hochreißen.

"Je größer die Backen, desto stärker der Orang-Utan"

Richie steigt herab auf ein Holzpodest, nimmt eine Kokosnuss in seine Riesenhände und schlägt sie gegen einen Baum. Dann häutet er die Frucht mit bloßen Händen und lässt die Kokosmilch genüsslich in seinen Mund tröpfeln, bevor er wenig später die Audienz beendet und wieder im Wald verschwindet.

All das tut er mit einer ungeheuren Kraft, aber auch mit einer zen-buddhistischen Ruhe. Weise schauen seine winzigen schwarzen Augen. Sein Mund wird von riesigen Backen eingerahmt, die seinem Gesicht etwas Micky-Maus-artiges geben, aber tatsächlich ein Zeichen seiner Dominanz sind: "Je größer die Backen, desto stärker der Orang-Utan. Und je stärker der Orang-Utan, desto attraktiver ist er für die Weibchen", sagt Dominick. Richies Mission besteht schließlich darin, für möglichst viel Nachwuchs zu sorgen.

Vor hundert Jahren gab es noch 300.000 wild lebende Orang-Utans, heute existieren nur noch circa 30.000. Und das Sterben geht weiter: Mit dem Biokraftstoffboom entstehen immer mehr Palmölplantagen, die den Tieren den Lebensraum rauben. Und der Handel mit Orang-Utans blüht nach wie vor. Jäger schießen sie vom Baum und verhökern die Tiere an Besitzer von Privatzoos. Fast allen Orang-Utans im Semengoh Wildlife Centre ist es so ergangen. Sie wurden gefangen, eingesperrt, befreit und lernen hier nun wieder das Dschungelleben.

Schnellkurs in Orang-Utan-Sprache

Dominick hilft ihnen dabei. Zwischen Termitenhügeln und Mammutbäumen erzählt der 33-Jährige, wie er mit den Affen, die gerade befreit wurden, auf Bäume klettert und ihnen zeigt, wie man ein Nest baut. Manchmal übernachtet der Orang-Utan-Flüsterer auch mit ihnen im Urwald. Im Gegenzug schenken sie ihm Vertrauen und rühren ihn damit schon mal zu Tränen: Wenn ein Weibchen ein Junges bekommt, bringt sie es zuerst zu ihm. Seit zehn Jahren arbeitet Dominick in der Auswilderungsstation, und immer wieder schaffen die Affen es, ihn zu verblüffen: "Einmal ist Delima auf einen Baum geklettert und hat sich fallen lassen. Sie wollte ihrer Tochter Selina zeigen, wie ihre eigene Mutter damals von Jägern vom Baum geschossen wurde, und die Kleine warnen."

Dominick gibt einen Schnellkurs in Orang-Utan-Sprache. "Wenn sie quietschen, sind sie glücklich. Wenn sie krächzen und spucken, sind sie böse. Und wenn sich dabei auch noch ihre Kopfhaare aufrichten, heißt es Abhauen. Das hier ist kein Streichelzoo." Der Pfleger weiß genau, wovon er spricht: Als er der frischgebackenen Mama Delima einmal zu nahe kam, biss sie zu. Noch heute trägt er eine unübersehbare Narbe am Unterschenkel.

Um Mutter und Tocher anzulocken, stößt Dominick einen gurrenden Lockruf aus - und bekommt schließlich Antwort. Irgendwo oben in den Wipfeln hocken Delima und Selina. Im Spurt geht es durch dichtes Geäst. Durch die Luft flattern seltene Vögel und riesige Schmetterlinge. Da sind sie: Zu einem Knäuel verschlungen, seilen sich die Affendamen elegant von Baum zu Baum - und gewähren eine Audienz. Die Kameras klicken. Und die Affen quietschen leise.

Infos

Anreise: Von Frankfurt fliegt etwa Singapore Airlines in die Provinzhauptstadt Kuching, ab circa 800 Euro, www.singaporeair.de.
Von dort sind es circa 30 Autominuten bis zum Semengoh Wildlife Centre, www.forestry.sarawak.gov.my
Ankommen: Beste Reisezeit ist von April bis Juli. Beste Unterkunft: Permai Rainforest Resort, Übernachtung im Baumhaus mit Frühstück circa 45 Euro, Tel. 0060/82/84 64 90, www.permairainforest.com
FTD
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