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Sieben Jahre nach Bürgerkrieg: Sri Lanka: Dem Frieden so fern

Sieben Jahre nach dem Ende des grausamen Bürgerkriegs will Sri Lankas Regierung endlich die gespaltene Bevölkerung einen. Aber die alten Wunden heilen nicht – solange immer noch Zehntausende Menschen verschwunden sind.

Von Robert Draper

Teepflückerinnen in der Zentralprovinz Sri Lankas

Teepflückerinnen in der Zentralprovinz Sri Lankas: Der Export von Tee bringt gut 1,5 Milliarden Dollar im Jahr ein und wichtige ausländische Devisen.

Gut 300 Kilometer südlich von Jaffna liegt Sri Lankas Verwaltungshauptstadt Colombo. Die gepflegte, rastlose Metropole trägt keine sichtbaren Kriegswunden. Die etwa 700.000 Einwohner sind zu mehr oder weniger gleichen Teilen singhalesische Buddhisten, tamilische Hindus und Muslime, die miteinander leben und arbeiten, nur gelegentlich kommt es zu Feindseligkeiten.

Am Abend des 8. Januar 2015 herrschte in der Stadt überraschende Ruhe, während Sri Lanka die Welt verblüffte: Das autokratische Regime des ehemaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa wurde durch weitgehend friedliche und korrekte Wahlen aus dem Amt gejagt. Seit diesem entscheidenden Tag bemühen sich die neuen Landeschefs, der Welt zu zeigen, dass in Sri Lanka nun eine moderne Demokratie herrscht.

Die Regierung Maithripala Sirisenas unternimmt erste Schritte, um das korrupte Justizsystem zu reformieren und die aufgeblähten staatlichen Behörden zu rationalisieren. „Die Welt soll wissen, dass wir anders sind – dass wir tun, was wir versprechen“, sagte Harsha de Silva, der neue stellvertretende Außenminister.

Die Tamilen leben im Norden von Sri Lanka

Man kann nach Colombo fliegen und ein, zwei Wochen später abreisen, ohne zu merken, dass Sri Lanka 26 Jahre lang das Zentrum blutiger ethnischer Kämpfe war. Colombo liegt im Süden – einer Region, in der Singhalesen die Mehrheit stellen. Fast alle von ihnen sind Buddhisten, insgesamt machen sie etwa 75 Prozent der Bevölkerung des Landes aus. Die meisten Sehenswürdigkeiten des Landes liegen hier.

Im Gegensatz dazu gibt es in der trockenen und vor allem landwirtschaftlich genutzten Nordprovinz nicht viel zu sehen. Norden und Osten sind die Heimat der Sri-Lanka-Tamilen, die hauptsächlich Hindus sind und etwa elf Prozent der Gesamtbevölkerung stellen. Dort regierten die Liberation Tigers of Tamil Eelam (Eelam ist der tamilische Name für den eigenen Staat, den die Minderheit forderte) fast autonom, bis sie vom Militär zerschlagen wurden.

Tamilen als Arbeiter auf den Teeplantagen

Immer wieder machten ethnische Konflikte den Fortschritt des Landes zunichte. Britische Kolonialherren gaben 133 Jahre lang die Jobs mit höherem Einkommen vorzugsweise den Tamilen, während man Singhalesen die geringer qualifizierten Arbeiten zuwies. Und als Sri Lanka 1948 seine Unabhängigkeit erlangte, versuchten die neuen Machthaber keineswegs, das Land zu einen. Singhalesische Politiker pflegten den Nationalstolz der Mehrheit, deren Vorfahren um 500 v. Chr. auf der Insel gelandet waren und die älteste durchgehend buddhistische Nation der Welt gegründet hatten.

Fahnenträger des Militärs in Colombo

Ein Fahnenträger des Militärs holt die Nationalflagge an der Promenade von Colombos Stadtpark Galle Face Green ein. In der größten Stadt des Landes erinnert nur wenig an den Konflikt, der Singhalesen und Tamilen zu Feinden machte.

Die junge Regierung begann, die Tamilen systematisch ins Abseits zu drängen: Denen unter den indischen Tamilen, deren Vorfahren zur Arbeit auf den Teeplantagen herbeigeschafft worden waren, erkannte man das Wahlrecht ab. Universitätsstellen besetzte man neu mit singhalesischen Akademikern und schwächte die tamilische Mehrheit in der Ostprovinz, indem man Singhalesen dort Grundstücke anbot. 

1956 wurde Sinhala zur offiziellen Sprache erklärt. Import-Export-Lizenzen wurden vorzugsweise den singhalesischen Geschäftsleuten im Süden gewährt; an einer Entwicklung in der Nordprovinz zeigte die Regierung wenig Interesse.

100.000 Tote in Sri Lanka

In den Siebzigerjahren fasste der Gedanke einer Abspaltung im Norden allmählich Fuß – die Tamil Tigers wurden gegründet. 1983 überfielen und töteten sie 13 Regierungssoldaten und lösten so ethnische Unruhen aus, bei denen Tausende Tamilen umgebracht wurden. Die Tigers rächten sich mit Selbstmordattentaten und Massakern an Zivilisten. Sri Lanka versank im Bürgerkrieg. Etwa 750.000 Sri Lanker verließen fluchtartig das Land.

Ein Mitarbeiter von Halo Trust räumt Landminen

Ein Mitarbeiter von Halo Trust räumt Landminen in Jeyapuram, einst Hochburg der Tamil Tigers. Die britische Non-Profit-Organisation stellt vorwiegend Tamilen ein – davon sind etwa die Hälfte Kriegswitwen – und hat über 212.000 Minen beseitigt. Bis 2020 will die Regierung die meisten verbliebenen Minen entsorgen lassen.

Rajapaksa, der 2005 Präsident wurde, weitete den Krieg aus. Vier Jahre später trieb die Armee tamilische Kämpfer und Zehntausende Zivilisten, die sie als menschliche Schutzschilde missbrauchten, auf einem Landstreifen nahe einer Lagune in die Enge. Mitte Mai 2009 wurden hier die letzten großen Anführer der Tigers und Tausende eingeschlossene Zivilisten abgeschlachtet. Rund 100.000 Menschen hatten ihr Leben verloren.

Vernichtender Bericht über Kriegsverbrechen in Sri Lanka

Rajapaksas Vision für Sri Lanka – eine Tyrannei der Mehrheit – kam bei der internationalen Gemeinschaft nicht gut an. Wegen Menschenrechtsverletzungen stoppte die EU 2010 ihre Zuwendungen aus Entwicklungsprogrammen. Der Uno-Menschenrechtsrat war unzufrieden mit den halbherzigen Ermittlungen der Rajapaksa-Regierung zu den Kriegsverbrechen und gab 2014 eine eigene Untersuchung in Auftrag.

Im September 2015 veröffentlichten die Vereinten Nationen einen vernichtenden Bericht über die Kriegsverbrechen in Sri Lanka und beklagten dazu die „jahrelange Leugnung und Vertuschung“ durch das Rajapaksa-Regime.

Die neue Regierung Sri Lankas widersprach den Ergebnissen nicht und signalisierte so ihre Bereitschaft, sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. „Wir werden eine zweite Chance bekommen – wir arbeiten schon jetzt daran“, sagte Premierminister Wickremesinghe. Er räumte ein: Man müsse ernsthaft versuchen, die Tamilen in dieses neue Sri-Lanka einzubeziehen. „Sie wollen doch nur ein normales Leben führen wie alle anderen“, sagte er.

Gekürzte Fassung aus "National Geographic Deutschland", Ausgabe November 2016. Aus dem Englischen von Karin Rausch.


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