Tag 14 - Von Mukdahan nach Ban Phoung Verschlafene Mordpläne


Wir sind wieder im Spiel! Nach drei Tagen Wartezeit ist das Schlauchboot repariert. Doch planen lässt sich auf dem Mekong nur noch wenig - wir schlafen, wo uns jemand aufnimmt.

Endlich wieder ein entspanntes Lächeln von Andy Leemann. Drei Tage haben wir gewartet und wussten nicht, ob es sich am Ende überhaupt lohnen würde. Das erste Team war mit dem funktionierenden Motor und einer Rumpf-Crew auf und davon, und bei uns taten sich immer neue Probleme auf, immer wieder konnte noch etwas dazwischen kommen. Und jetzt klappt alles wie am Schnürchen. Es wurde schließlich auch Zeit, dass die Pechsträhne einmal ein Ende hat. Am späten Vormittag kommen die Techniker aus Bangkok nach durchfahrener Nacht in der Stadt Mukdahan an, im Gepäck das aus Spanien eingeflogene Getriebe. Es ist innerhalb einer halben Stunde montiert - und alles funktioniert auf Anhieb. Wir erledigen die Grenzformalitäten in Thailand, setzen auf die andere Flussseite nach Laos über und lassen uns auch dort einen Stempel in den Pass drücken. Der Propeller bringt das braune Mekong-Wasser zum Schäumen, Andy Leemann drückt mit einem kleinen Seufzer den Gashebel. Das Schlauchboot schießt mit einem Ruck nach Vorne, die hinten festgesteckte laotische Fahne flattert wild im Fahrtwind. China kann kommen - wir sind endlich wieder im Spiel!

Geheimdienst an Bord

Der Mekong zeigt sich von seiner besten Seite. Langsam fließend, fast ein wenig träge, zieht er durch seine weite Ebene. In der Ferne sieht man dramatische Karstkegel, in denen es viele Höhlen geben soll. Dorf um Dorf gleitet an uns vorbei, doch zum Anhalten fehlt die Zeit: Wir wollen versuchen, ein wenig aufzuholen und den Rest der Crew auf dem Weg nach China zu treffen. Schließlich sind wir ja ein gemeinsames Team, auch wenn wir uns vor ein paar Tagen getrennt haben, damit nicht so viele Teilnehmer der Expedition warten mussten.In Laos neu an Bord gekommen ist Buntan, ein hoher Beamter der Touristenpolizei. Seine Behörde hat unsere Expedition offiziell genehmigt, das war explizit die Bedingung für die Zusage vom laotischen Minister-Kabinett. Er scheint kein unangenehmer Bürokrat sondern ein eher entspannter Typ zu sein, dessen spitzbübisches Grinsen uns bis China begleiten wird. Nur um ein kleines Päckchen, das er im Boot verstaut, macht er ungewöhnlich großen Wind: Niemand darf es wegräumen oder gar aufmachen. Am Abend haben wir ihn so weit, dass er uns verrät, was in dem Päckchen steckt: ein kleiner Sender. Damit der Geheimdienst uns stets anpeilen kann und immer die genaue Position dieser skurrilen Truppe kennt, die die verrückte Idee hatte, den Mekong mit Schlauchbooten hinaufzufahren.

Überwältigende Gastfreundschaft

Wäre alles nach den sorgfältig ausgearbeiteten Plänen von Logistiker Armin Schoch verlaufen hätten wir in der Stadt Thaket in einem Hotel übernachtet. Doch dann kam die Reparatur dazwischen und wir entscheiden nun spontan, wie weit wir an welchem Tag fahren können und wollen. Heute, mit dem guten thailändischen Benzin im Tank, fahren wir weiter, um das goldene Nachmittagslicht auszunützen und die morgige Etappe nach Vientiane zu verkürzen. Irgendwo werden wir schon einen Platz zum Schlafen finden.Als wir für eine kurze Pause am Ufer anlegen winkt uns eine Frau von der Böschung aus zu. Nach einem kurzen Gespräch mit Buntan nickt der nur mit dem Kopf, alles ist klar. Natürlich können wir hier übernachten, bedeutet uns die Frau. "Über Geld müssen wir vorab gar nicht sprechen", erklärt Buntan. "Wenn wir etwas geben können freut sich die Familie. Wenn wir nicht können dann gebietet es eben die Gastfreundschaft, einem Reisenden zu helfen." Dass die Menschen des Dorfes Ban Phoung, in dem anscheinend noch nie ein Weißer übernachtet hat, uns so selbstverständlich aufnehmen ist auch für uns, die wir viele freundliche Menschen auf der Reise getroffen haben, etwas Besonderes. Nach ein paar Schlücken Reisschnaps, die uns aufgedrängt werden, funktioniert auch die Kommunikation.

Tierische Mordpläne

Irgendwann sinken wir dann auf eine dünne Bettdecke und liegend dämmernd im Halbdunkel. Morgen werden wir Vientiane erreichen, die Hauptstadt von Laos, und unter der berühmten Thai-Lao-Freundschaftsbrücke durchfahren. Kurze Zeit später überlegen wir uns allerdings allen Ernstes, sämtliche pazifistischen Grundsätze und die gerade neu gegründete laotisch-deutsche Freundschaft über Bord zu werfen und den Hahn, der unter einem glaubt um zwei Uhr nachts ein Konzert veranstalten zu müssen, eigenhändig zu erwürgen. Es bleibt bei der Idee. Denn schon bei der Ausgestaltung eines möglichst perfiden Mordplans übermannt uns der Schlaf.

Von Helge Bendl

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