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Tag 22 - Von Chiang Saen nach Guan Lei: Am Ziel

Schluchten, Stromschnellen und ein Besuch beim Stamm der Akha: Auf der letzten Etappe zur chinesischen Grenze zeigt sich der Mekong von seiner wildesten und schönsten Seite.

Von Helge Bendl

Was für ein Fluss! Es scheint, als wolle er uns kurz vor dem Ziel belohnen für die Ausdauer, ihn fast 3000 Kilometer weit befahren zu haben. Wir haben ihn schon sanft und wild erlebt, pittoresk in fruchtbaren Tälern und abweisend mit all seinen Steinen. Doch die knapp 250 Kilometer vom Goldenen Dreieck bis zur chinesischen Grenze, die letzte Tagesetappe der Expedition, ist der Höhepunkt der ganzen Fahrt: Noch nie war der Mekong so schön.Er wird schmal wie ein Gebirgsfluss in den Alpen und drückt, eingezwängt in sein enges Bett, mit aller Kraft nach Süden. 20 Stundenkilometer zeigt das GPS-Gerät an, so schnell war der Fluss noch nie. Erst seit chinesische Techniker vor ein paar Jahren eine Fahrrinne gesprengt haben, ist er überhaupt schiffbar. Doch was heißt das schon? Die abgetakelten Frachter, die uns entgegen kommen, schleudern auf dem Fluss wie ein Auto bei Glatteis. Die Strömung treibt sie immer haarscharf an den Felsen vorbei. Erst vor ein paar Tagen soll es wieder ein Schiff erwischt haben, wurde uns am Morgen beim Start im Goldenen Dreieck erzählt. Schöne Aussichten.

Dass wir dann in Handschellen gelegt würden

Wir sitzen nun also in einer dieser Rennmaschinen, die wir vor ein paar Tagen noch verteufelt haben, weil sie mit Karacho über den Fluss schießen. Doch es gab für Andy Leemann und uns beide von stern.de keine andere Möglichkeit, als zu versuchen, die letzte Etappe der Mekong-Expedition mit dem Speedboot zurückzulegen und so am Ende doch noch China zu erreichen. "Meine Schlauchboote wären auf diesem Wasser ideal", sagt Andy Leemann ein ums andere Mal, "aber nur mit genügend Power. Und mit den defekten Motoren wäre ich hier jetzt ungern unterwegs." Hier - das ist ein "angry river", der gelben Schaum produziert und Strudel von zwei Metern Durchmesser, der das Boot schüttelt und wie ein Schiffchen bei einem Webstuhl in Windeseile vom einen Ufer zum anderen treibt. Am Goldenen Dreieck war der Fluss noch ruhig, breit und wirkte fast träge. All dieses Wasser, das dort unten fließt, presst sich weiter oben durch enge Felsentore, die manchmal nur 20 Meter breit sind. Ein grandioses Spektakel, das wir nach tagelang bedecktem Himmel sogar bei Sonnenschein genießen dürfen.Sechs Stunden dauert die Fahrt nach China, das hat uns der laotische Pilot Jan vor dem Start an den Fingern abgezählt. Weder am rechten noch am linken Ufer dürfen wir anhalten, wenn man es genau nimmt: Wir sind in Thailand ausgereist und es gibt keine laotischen Posten, bei denen man ein Visum bekommen könnte. Links ist Burma, zumindest offiziell, doch ob hier wirklich die burmesische Armee das Sagen hat oder irgendwelche Verbände der Bergstämme ist unklar. Selten sieht man hier Menschen am Ufer stehen, doch ab und an blitzen zwischen den Bäumen die Häuser eines Akha-Dorfes hervor. Der Bergstamm wanderte einst aus Tibet entlang des Mekong nach Süden und lebt heute auch in Nord-Thailand. Ob wir nicht doch für ganz kurze Zeit anhalten könnten, versuchen wir dem Pilot per Zeichensprache zu vermitteln. Der versteht uns - und schüttelt entsetzt den Kopf, legt seine Hände aneinander und bedeutet uns, dass wir dann in Handschellen gelegt würden. Burmesische Gefängnisse genießen nicht den besten Ruf, das Risiko wollen wir nicht eingehen.

Wir bestaunen uns gegenseitig

Bald danach müssen wir, um Benzin nachzufüllen, dann doch stoppen, am laotischen Ufer. Pilot Jan steuert eine Sandbank an - er ist beschäftigt und wir vertreten uns die Beine. Ein paar Säcke voller Reis liegen hier, ein Trampelpfad windet sich den Hang hinauf und eine alte Frau müht sich mit einem Jungen ab, die Last nach oben zu schleppen. Scheu aber nicht abweisend sieht sie uns an. In der Hosentasche liegt passend für solche Gelegenheiten ein Schokoriegel - die Skepsis des Jungen ist geschmolzen. Die alte Frau lacht auf, als Andy Leemann sich einen Reissack auf den Rücken wirft, und zeigt nach oben. Pilot Jan hat das Ganze nicht mitbekommen, sonst hätte er uns sicher nicht vom Ufer weggehen lassen. Gemeinsam mit der alten Dame wanken wir ins Dorf. Wer dann wen bestaunt? Wir bestaunen uns gegenseitig. Die Akha-Frauen zeigen auf die drei verschwitzten Männer mit der hellen Haut, den seltsam langen Nasen - da gibt es einiges zu tuscheln und zu lachen. Wir kommen in ein Dorf, in dem es weder Wellblechdächer noch Plastikverpackungen gibt und die Frauen sich tatsächlich noch so kleiden, wie es der Brauch vorsieht. Ihr Kopfputz ist einfach fantastisch, überall glitzert das Silber: Münzen, Anhänger, Perlen, dazwischen bunte Wollbommel und Federn. Ein Mann bestimmt, dass wir ein Glas Tee in einem der Häuser zu trinken hätten - später stellt er sich als Chief des Dorfes heraus. Ob wir etwas essen möchten, werden wir gefragt. Nein, wir müssen wohl leider weiter. Pilot Jan ist gekommen, fuchtelt mit den Armen, schimpft auf laotisch mit uns und will seine eigene Wege gehenden Passagiere so schnell wie möglich wieder aufs Boot verfrachten, um rechtzeitig in China anzukommen. Zum Abschied steht das halbe Dorf am Ufer und wir verschenken, was wir an Sandwichs noch dabei haben. Eine halbe Stunde hat der Besuch gedauert, wir brausen weiter. Und überlegen uns, wie viele Europäer die Menschen dort wohl schon zu Gesicht bekommen haben. Viele werden es nicht gewesen sein - in dieser Region des Mekong gibt es anders als in Nordthailand, wo hunderte von Anbietern Trekkingtouren zu den Bergstämmen anbieten, überhaupt keine Touristen.

Wir sind so etwas wie Außerirdische hier

Nebel hängt in den Bergen, wir passieren den letzten Checkpoint der laotischen Armee. Nach einer Flussbiegung tauchen ein Dutzend Frachter auf, ein Hafen, und weit oben am Hang ein Mast mit einem schlaff herunterhängenden roten Stück Stoff. 3150 Fluss-Kilometer nach dem Start in Saigon sind wir nach knapp drei Wochen Reise am Ziel - in China! Andy Leemann, der Initiator der Mekong-Expedition, hat sich seinen Traum erfüllt. Der sonst so eloquente Mann ist still geworden und lächelt nur. "Mannomann", sagt er, "dass wir das am Ende doch noch geschafft haben!"Für die chinesischen Grenzbeamten im Hafen von Guan Lei sind wir wahrscheinlich so etwas wie Außerirdische. Die leider kein Chinesisch sprechen. Doch ein allerletztes Mal hat Armin Schoch, der Logistiker der Mekong-Expedition, mit seinen Kontakten weiterhelfen können und eine Übersetzerin organisiert, die fünf Stunden im Bus unterwegs war, um uns in Guan Lei zu treffen und durch die Kontrollen zu lotsen. "Wo kommt ihr her?", fragen die Beamten. "Aus Thailand? Mit dem Speedboot?" Sie können es kaum glauben. Doch unser Visum ist korrekt, die Ausreisebescheinigung der Thailänder auch, und so haben wir dann schneller als erwartet den roten Stempel im Pass und können die Ortschaft Guan Lei erkunden.

Einfach zurück lächeln

Wäre man objektiv, so müsste man Guan Lei leider als hässliches Nest bezeichnen, mit einem Hotel und Dutzenden schummeriger Karaoke-Bars und Massagesalons, in denen es nicht ums Singen oder Massieren geht, sondern eher um die Mädchen, die dort arbeiten. Auf dem Markt von Guan Lei gibt es frischen Tofu zu kaufen und sonst noch ein wenig Fleisch und Gemüse. Auffallend viele Läden haben kleine Telefonkabinen, damit die Schiffsbesatzung nach Hause melden kann, wie es ihr auf dem Fluss ergangen ist. Ein Tourist würde nie hierher kommen, sondern lieber andere Städte der Provinz Yunnan erkunden. Doch für uns symbolisiert Guan Lei etwas ganz Anderes: China! Englisch? Spricht hier niemand mehr - aber wirklich niemand. Doch die Menschen lächeln einen an. Wir würden ihnen gerne erzählen, wie toll wir es finden, nach über 3000 Kilometern auf dem Mekong endlich bei ihnen angekommen zu sein. Aber wir lächeln einfach zurück.

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