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Weinroute: Die Tour der guten Tropfen

Wenn die Winzer Südafrikas ihre Weinkeller öffnen, dann tun sich auch packende Geschichten auf. Die offiziell ausgeschilderten Weinrouten führen zu den schönsten Gütern und besten Probierstuben. Eine Fahrt durch Stellenbosch, Südafrikas bekannteste Weinregion.

Von Kirsten Wörnle

Es sieht aus wie auf Sylt. Weiße Häuschen mit geschwungenen Giebeln, tief gezogene Reetdächer, im Garten üppige Hortensien und mächtige Eichen. Ein müder Hund lungert vor einem gelben Pickup-Fiat herum. In der Tür des Weinkellers erscheint ein junger Mann mit strahlend blauen Augen und glatt gebügeltem Hemd. Es ist Rijk Melck, Besitzer des Muratie Estates, eines der geschichtsträchtigsten Güter in Südafrika.

Traditionsreiche Weingüter

Melck winkt die Gäste herein, über ausgetretene Perserteppiche geht es in die Servierstube. Fahles Licht fällt auf die Theke, die Fenster verschwinden hinter dicken Schichten von Spinnweben. Ein Zimmer weiter stehen schwere Tische in den Alkoven, in denen einst die Tanks lagerten. Ein Zebrafell auf dem Boden, ausgewaschenes Rot von den Weintanks an den Wänden, gerahmte Bilder, immer wieder das Porträt einer jungen Frau. Das Muratie Estate am Fuße des Simonsbergs in Stellenbosch ist fast so alt wie der südafrikanische Weinbau selbst. Lourens Campher, ein deutscher Soldat, hatte das Gut um 1699 gekauft. Ein leidenschaftlicher Mann, der tagelange Fußmärsche auf sich nahm, um seine Geliebte, die Sklavin Ansella, in Kapstadt zu besuchen. Drei Kinder bekam er mit ihr, trotz Gefangenschaft, 1699 kam die Frau frei. "Unser Wein Ansella trägt bis heute ihren Namen", erzählt Rijk Merck und führt die Besucher wieder aus dem dunklen Kellerraum ins Freie zu einem kleinen Künstlerstudio. Die deutlichsten Spuren auf Muratie hat George P. Canitz hinterlassen, ein adliger Künstler aus Leipzig, den es wegen seiner "schwachen Brust" ins trockne Klima Afrikas verschlug und der in Stellenbosch Kunstunterricht gab. "Eines Tages hat er sich mit dem Pferd hier in der Gegend verirrt und fand so Muratie", erzählt Rijk Merck.

Schönsten Weintouren per Buch-Guide

Heute können Gäste im ehemaligen Studio des Malers nächtigen. Und wenn Rijk Merck Zeit und Laune hat, dann schließt er auch die Tür zu einem kleinen Raum auf, in dem George P. Canitz mit deutschen Freunden ausschweifende Feste feierte. Eine tiefgezogene Lampe hängt über einem groben Holztisch, die Wände sind bekritzelt mit Lust- und Lasterbildchen. "George P. Canitz stand als Deutscher jahrelang unter Hausarrest", erzählt der heutige Geschäftsführer. "Hier zog er sich mit seinen Freunden gerne zurück."Abenteuer, Pioniergeist, Leidenschaft: Die Spuren der mehr als 350 Jahre währenden Geschichte des südafrikanischen Weinanbaus sind allgegenwärtig. Für die schönsten Touren durch die Weinregion besorgt man sich am besten den "John Platter South African Wine Guide". Die Weinbibel listet nicht nur Routen auf, sondern gibt zu jedem Gut die wichtigsten Informationen. Tourenvorschläge erhalten Weinfreunde allerdings auch bei den örtlichen Touristeninformationen.

Deutsche Weinliebhaber in Südafrika

Hinter Muratie führt die Straße weiter bergan, schnurstracks auf den Simonsberg zu, Bäume mit roten Blütenstauden säumen die Straße, schließlich endet der Weg auf einem schattigen Parkplatz. Das Weingut Delheim ist ein Paradies aus Blumen, Büschen und Bäumen mit weitem Blick ins Land. Auf der Gartenterrasse und im Restaurant watscheln Gänse vorbei, im Weinkeller nippen die Gäste an fruchtigen Chardonnays, Sauvignon Blanc mit Feigenaromen, kräftigem Pinotage und mehr. Hier bedient Marco aus Ostdeutschland und an der Kasse steht eine Praktikantin vom Bodensee. Auch Delheim hat deutsche Wurzeln. Hans Otto Hoheisen investierte sein Erbe um 1939 in eine Weltreise und eine Weinfarm. Heute liegt das Gut in den Händen seiner Nachfahren. Zu ihnen gehört auch Michael "Spatz" Sperling, der 1951 nach Südafrika kam, nachdem seine Familie in Polen vom eigenen Hof vertrieben worden war. Der junge Verwandte hatte zwar keine Ahnung von Wein, aber Mumm: Schon 1957 übernahm er das Gut von seinem Onkel und wirkte maßgeblich an der Modernisierung der südafrikanischen Weinwirtschaft mit. Zurück ins Tal, jenseits des Stadtzentrums von Stellenbosch: Eine kerzengerade Allee führt zum Weingut Neethlingshof. Pinien beugen sich links und rechts über die Straße. Das Anwesen aus dem Jahr 1692 mit den kapholländischen weißen Häusern und seinen Wirtschaftsgebäuden wirkt mondän und zählt zu den Touristenattraktionen in der Weinregion Stellenbosch. Im Garten stehen schwarz glänzende Steinskulpturen, das Gelände inspirierte schon viele bekannte südafrikanische Künstler. In der Probierstube wird unter anderem der "Lord Neethling Pinotage 1998" ausgeschenkt, für den die Internationale Weinmesse in London Gold vergab. Drei Stationen, drei Welten. Die Weinregion verspricht Überraschungen. Wer genießen will, sollte Zeit mitbringen und auf einem der malerischen Güter übernachten.

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