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Kapstadt: Gegensätze vor atemberaubender Kulisse

In Kapstadt liegen Nachtleben und atemberaubende Landschaften genauso dicht beeinander wie neue Chancen und alte Ungerechtigkeiten. Die südafrikanische Stadt ist ein lohnenswertes Ziel - nicht nur für Touristen.

Elf Jahre nach dem Ende der Apartheit hat sich Südafrika verändert. Die Menschen haben neue Wege beschritten, um ein Land zu schaffen, in dem es für alle Chancen gibt. Für schwarz und weiß, aber auch für die Wirtschaft. Vieles hängt von der Investitionsbereitschaft ausländischer Unternehmen ab, immer mehr aber auch von der Erlösquelle Tourismus. Davon hat in erster Linie Kapstadt profitiert - als Mekka für Lifestyle-Enthusiasten.

Ziel für deutsche Auswanderer

Kapstadt ist sensationell. Das wissen auch längst Menschen, die noch nie dort waren. Eine immer größer werdende Fangemeinde aus deutschen Landen preist die Kapmetropole als das Mekka für Lebensqualität. Der Klassiker: Vor Weihnachten und bis deutlich nach Sylvester in die Stadt am Tafelberg. Der Trend: Direkt Auswandern. Tausende hat es schon ganz hierher verschlagen. Ca. 130.000 Deutsche leben in Südafrika. Ich spreche nicht von einem beschaulich zu verbringendem Lebensabend, sondern von meist jungen Leuten, die hier eine Chance jenseits von Bedenkenträgern und Neidkultur deutscher Provenienz sehen. Hier ist das Glas halb voll und nicht halb leer wie im tristen Einheitsgrau nördlich der Alpen. Die Sonne scheint fast das ganze Jahr, Tafelberg und weitere 12 Apostel sorgen für eine atemberaubende Kulisse; traumhafte Strände machen das Idyll fast perfekt. Nur die Wassertemperatur lässt zu wünschen übrig: Auch im Sommer steigt sie auf der Atlantikseite nicht über 14 Grad. Angenehm warm ist es dagegen im Indischen Ocean auf der Ostseite des Kaps Richtung False Bay.Die Preise für Immobilien, gute Küche, sowie erlesene Weine sind immer noch moderat und mit etwas Pfiffigkeit und Entschlossenheit kann man sich noch etwas Eigenes aufbauen. Hier, am Kap der guten Hoffnung. Wie beispielsweise Ulrich Naumann, der erfolgreich eine deutsche Buchhandlung in der Burg Street betreibt. Oder Michael Walther, der sehr erfolgreich Finanzdienstleistungen an deutsche Akademiker verkauft. Auch das Cool Ice Café ist wird von einem Deutschen betrieben und ist das erst seine Art m Kap; es liegt mitten im bunten Treiben zwischen den Gourmettempeln und Fressbuden der Kloof Street. Die Liste von Erfolgsstories ließe sich beliebig fortführen. Sollte dies wirklich das Land sein, in dem Milch und Honig für jeden fließen?

Die Spätfolgen der Apartheid

Während einer Fahrt im Wagen samt Chauffeur kommen mir erste Zweifel. Schon am frühen Morgen auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt sah ich aus den müden Augenwinkeln kilometerweit Slums, die in Südafrika "townships" genannt werden. Manche Kommunen bekommen das dort herrschende Elend in den Griff, in dem sie die Menschen in Häuser umsiedeln. Nur so haben die Menschen eine Chance, der Spirale von Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Kriminalität zu entkommen. Soweto in Johannesburg, bekannt durch seinen Sohn Nelson Mandela ist ein Beispiel dafür. Das kann man von Khayelitsha nun keineswegs sagen. In diesem endlosen Ghetto vor den Toren Kapstadts leben schätzungsweise ein bis zwei Millionen Schwarze. Konkrete Zahlen kann niemand nennen. Vor ein paar Wochen ist hier ein Bus mit deutschen Touristen überfallen worden. Touristenausflüge in die pure Hoffnungslosigkeit sind gewagt, vielleicht geschmacklos, in jedem Fall aber ein wenig dämlich. Denn viele Bewohner von Khayelitsha haben kaum noch etwas zu verlieren. Dieser trostlosen Gegend kann nicht einmal die aufgehende Morgensonne etwas Romantisches abgewinnen. Hier sieht man das, was Südafrika gerne hinter sich lassen würde, aber auch 11 Jahre nach dem Ende der Apartheit immer noch Realität ist. Ich frage meinen Fahrer, einen Schwarzen, der sich als Jakob vorstellt, nach seiner Meinung. Der bis eben sehr höfliche Mann verliert für einen kurzen Augenblick hinter der Fassade einer weißen Uniform die Fassung. Die Wirtschaft wachse zwar, aber die Arbeitslosen erhielten immer noch nicht die versprochenen Wohnungen. Die Menschen verlören langsam das Vertrauen in die Regierung. Gesundheits-, Erziehungs- und Bildungssystem seien ein Offenbarungseid. Auch das Anti-Aids-Programm funktioniere in keiner Weise. Auf die Frage, warum das so sei, antwortet Jakob: "Schwarze benutzen keine Kondome - aus Prinzip." Er spricht auch von der neuen schwarzen Oberschicht: vier schwarze Milliardäre soll es schon in Südafrika geben. Dagegen bekommen die Zimmermädchen selbst in luxuriösen höchstens zwei Euro Stundenlohn. Für die Meisten reicht das nicht einmal, um aus Khayelitsha wegzuziehen.

Das Ende eines lebhaften Viertels

Wir fahren durch den sechsten Bezirk von Kapstadt. Ursprünglich lebte hier ein bunter Mix aus Kaufleuten, Immigranten und befreiten Sklaven. Hier hat auch Jakob mit seiner Familie seine Kindheit verbracht hat viele glückliche Erinnerungen an den liberalen District Six. Doch vermeintliche Idyll fand ein jähes Ende: 1966 erklärte die Apartheitsregierung den Bezirk zum Weißenviertel und ließ alles bis auf die Gotteshäuser platt walzen. 60.000 Menschen wurden zwangsumgesiedelt oder obdachlos gemacht. Zwar wurde im November 2000 der District Six offiziell an die rechtmäßigen Eigentümer oder ihre Erben zurückgegeben, doch das ehemals gute Viertel ist heute heruntergekommen. Und verlorene Jugend ist eh unwiederbringlich: Jakob hat seine in Michel's Plain, einer trostlosen Barackensiedlung 30 km außerhalb von Kapstadt, verbracht - im Schatten einer reichen Stadt.

Idyllische Hochsicherheitstrakte

Trotz dieser Erinnerungen ist Jakob wieder guter Dinge und freut sich über mein Interesse. Auch ein wenig über meine Betroffenheit. Wir verlassen die Stadt in Richtung Westen. Vor uns liegen die Weinberge des Western Cape. Somerset West, Franschhoek, Stellenbosch, Constantia Valley und Paarl heißen die bekanntesten Anbaugebiete. Sie tragen zum Teil die Namen Ihrer Gründer und Entdecker. So hat sich der 2. British Governor Lord Charles Somerset selbst ein Denkmal gesetzt, genau wie Simon van der Stell als Pate von Stellenbosch. Idyllisch und schwer romantisch kommt die Landschaft mit Ihren dahingewürfelten Villen zwischen den Rebstöcken daher. Das kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es sich bei diesem Sittengemälde um geschlossene Gesellschaft handelt, 24 Stunden am Tag unter Bewachung eines Sicherheitsdiensts. Die Mauern sind nicht so hoch wie in Johannesburg, aber auch hier sind sie oft mit Elektrozäunen gekrönt, die sich weit jenseits deutscher Rechtsnormen bewegen. Hinter einem solchen Hochsicherheitstrakt mit dem Namen "Erinvale" verbirgt sich die schönste Golfanlage am Kap. Das Design trägt die Handschrift von Golflegende Gary Player. Was von außen besehen seine gewollt abweisende Wirkung erzielt, stellt sich von innen deutlich anders dar. Das Gelände der ehemaligen Erinvale Farm ist eingerahmt vom gewaltigen Massiv der Hottentots Mountains, dem Indischen Ozean und den Weinbergen des "Vergelegen Wine Estate". Direkt gegenüber der Auffahrt von Erinvale beginnt die Allee zum Weingut Vergelegen, das wie ein großes Freilichtmuseum anmutet: Niederländische Bilderbuch-Architektur, Rosenbeete, Kräutergarten und Seerosenteich fügen sich zu einem Gesamtkunstwerk mit fußballgroßen Hortensien zusammen. Auf anderen Weingütern sind wunderschöne Golfanlagen entstanden. So zählt der traumhaft gelegene Golfplatz des Steenberg Weingutes im Constantia Valley zu den schönsten des Western Cape. Das Gutshaus selbst wurde 1620 erbaut und zeugt noch heute von den Anfängen des Weinanbaus in Südafrika. Das Nebeneinander von Wein und Golf ist typisch für die Gegend.

Wo Weltklassegolfer zu Winzern werden

Einer, der sich mit beidem auskennt, ist Ernie Els. Der Spitzengolfer aus Südafrika engagiert sich neben seinen Aktivitäten auf Abschlag, Fairway und Green leidenschaftlich in Sachen Rebsaft. 1999 wurde die Vision eines eigenen Weins gemeinsam mit seinem alten Freund Jean Engelbrecht in die Tat umgesetzt. Antriebsfeder war die Passion für Rotwein aus den Weinbergen des Western Cape. Auf dem in der Nähe von Stellenbosch gelegenen Weingut "Rust en Vrede", das Jeans Familie gehört, entstand unter Mithilfe von Winzer Louis Strydom ein Wein, ähnlich dem klassischer Bordeaux. Ein Premiumwein mit einer einmaligen Auswahl Tauben: 61 Prozent Cabernet Sauvignon , 25 Prozent Merlot, fünf Prozent Cabernet Franc, fünf Prozent Malbec und vier Prozent Petit Verdot. Der Erfolg war so groß, dass Els sich auf die Suche nach einem eigenen Anbaugebiet begab. Fündig wurde er am Fuße des Helderberg Mountain bei Stellenbosch, wo Anfang 2004 die "Ernie Els Winery" eröffnet wurde. Das Weingut ist schon jetzt äußerst beliebt: Kenner schätzen nicht nur den hervorragenden Wein, sondern auch die moderne Architektur und die Inneneinrichtung des Gutes. Im Sommer genießen Gäste die sagenhafte Aussicht von der Terrasse, im Winter die Wärme lodernder Flammen am offenen Kamin. Und ein paar Fässer vom Feinsten sind zu jeder Jahreszeit in greifbarer Nähe.

Stellenbosch ist neben exquisitem Wein auch die Heimat von bedeutenden Unternehmensgründern. Hier lebt die Familie Rupert schon seit Generationen. Durch Brauereien groß geworden, gehören zum Firmenimperium auch wohlklingende und bekannte Namen wie Van Cleef&Arpels sowie der Luxuskonzern Richemont mit Labels wie Cartier, IWC oder Vacheron Constantin. Diese Preziosen werden natürlich auch in Kapstadt getragen. Und Gelegenheit dazu gibt es reichlich: Wenn die Sonne im Atlantik versunken ist, rüstet sich die Metropole für das Nachtleben. Nur finden muss man die "spots", denn anders als in Johannesburg geht es in der Kapmetropole eher "geschlossen" zu. Vergleichbar mit den Elbvororten in Hamburg ist man gerne unter sich. Zeigen sollte man sich in der "Planet Bar" des Mount Nelson direkt am Tafelberg. Bemerkenswert, dass die beste Tea-Time außerhalb von London und die angesagteste Bar von Kapstadt unter einem Dach zu finden sind. Neben den lokalen Schönen und Reichen geben sich hier auch internationale Filmstars und Models die Ehre. Kate Moss sehe ich heute schon zum zweiten Mal. Nachmittags im Garten sah sie so gar nicht nach Supermodell aus. Eher wie der gefallene Engel, mit dem die Leser der Boulevardpresse jüngst so gelitten hat. Jetzt, mit vollem Make-up und gnädigem Licht, ist sie wieder ganz die Werbeikone, die wir bewundern dürfen. Colin Farell hat monatelang im Mount Nelson gewohnt - aus beruflichen Gründen. Denn Kapstadt hat sich zu einem der weltbesten Drehorte für Spiel- und Werbefilme entwickelt. An den Stränden von Camps Bay oder Clifton vergeht kaum ein Tag ohne Dreharbeiten, und auch für einen Klassiker wie das Mount Nelson sind Filmproduktionen der bedeutendste Erfolgsfaktor.

Eine Bar mit 400 Whisky-Sorten

Unterhalb des Mount Nelson Richtung Innenstadt tummeln sich modebewusste Leute in der M-Bar des Hotel Metropol. Der Deutsche Jens Merbt hat das 1870 erbaute, im Laufe der Zeit heruntergewirtschaftete Haus in ein stilvolles Boutique-Hotel im Dunstkreis der angesagten Long Street verwandelt. Whiskeyliebhaber kommen im "Bascule Whisky Bar and Wine Cellar" des luxuriösen Cape Grace Hotel auf ihre Kosten. Zwischen 400 Sorten kann seine Wahl treffen, die allerdings nicht leichtfertig getroffen werden sollte: Bei unbedarfter Bestellung kann die Urlaubskasse empfindlich strapaziert werden. Während das nahe gelegene Viertel Waterfront vor allem aus Betonburgen besteht und sehr touristisch geprägt ist, weht in den steilen Straßen rund um Waterkant ein ganz anderer Wind. Künstler, Idealisten und Zugereiste sorgen für eine Stimmung wie zu den besten Zeiten des Montmartre in Paris. Hier ist die Kreativschmiede von Kapstadt. Zwischen den Boulevards Somerset und Strand wird in Cafés debattiert, in einer Lounge abgehangen oder preiswert in einem der vielen kleinen Restaurants gegessen. Wenn man ein wenig Entspannung sucht, ist das "Manhatten" empfehlenswert. Ein Stück die Straße runter konkurrieren schrille Einrichtungsläden und extravagant gekleidete Leute um die Blicke der Flanierenden. Das war nicht immer so. Diesmal ist es ein Taxifahrer, der am Lack des schönen Scheins kratzt. Joey teilt meine Begeisterung für die Waterkant, allerdings aus einem anderen Grund: Er war hier zu Hause. Aber genau wie Jakob und seiner Familie im District Six erging es Joey in Waterkant. Auch seine Familie musste Ihr Zuhause verlassen - gegen ihren Willen und bis heute ohne Entschädigung. Joeys Vater hat das Zeit seines Lebens nicht verkraftet, und auch Joey verfolgt das Unrecht noch heute. Er kann sich damit nicht abfinden, keinen Frieden finden. Manche Verletzungen sind einfach irreparabel. Da ist sie wieder, die Schattenseite der strahlenden Metropole Kapstadt.

Oliver Jacobi

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