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World Trade Center: Profit contra Vision

Er war der Gewinner des Architekten-Wettbewerbs für den Wiederaufbau des World Trade Centers, trotzdem hat er jetzt das Nachsehen: Warum Daniel Libeskind die Rolle des Projektleiters an seinen Konkurrenten abgeben muss.

Noch vor dem ersten Spatenstich für das neue World Trade Center in New York ist für Stararchitekt Daniel Libeskind ein Traum zerplatzt. Libeskind, der erst kürzlich von Berlin nach Manhattan gezogen war, um auf Ground Zero seine Vision vom Optimismus der Acht-Millionen-Stadt nach dem 11. September 2001 zu verwirklichen, darf bei dem Mammutprojekt nur die zweite Geige spielen. "Design-Architekt und Projektleiter" wird sein ehemaliger Rivale David Childs. Dessen Grundlage bilden zwar weiter die Pläne Libeskinds, doch möglicherweise wird der Entwurf in entscheidenden Details abgewandelt.

Entscheidung nach Marathon-Verhandlung

Die Entscheidung fiel am frühen Mittwochmorgen nach mehr als siebenstündigen Verhandlungen - und nach wochenlangem Ringen zwischen dem Pächter von Ground Zero, dem Immobilienmagnaten Larry Silverstein, und Libeskind. Der Stararchitekt hatte sich mit seinem Entwurf bei einem Wettbewerb gegen einige seiner renommiertesten Kollegen weltweit durchgesetzt. Libeskind ging lange davon aus, den ausgewählten Plan im Auftrag der Öffentlichkeit federführend zu realisieren.Childs übernimmt nun die Rolle des Chefarchitekten und Projektleiters in der ersten und entscheidenden Bauphase. Childs, ein Partner des Architektenteams Skidmore, Owings & Merrill, war mit seinem Ground-Zero-Entwurf bei der Ausschreibung unterlegen. Doch er wird von Silverstein gefördert, der den Wiederaufbau mit jenen Millionen finanziert, die er für die zerstörten WTC-Zwillingstürme von seinen Versicherungen einstreicht.

Childs hat das letzte Wort

So soll Childs das letzte Wort haben, wenn im kommenden Sommer der Bau des so genannten "Freiheitsturms" beginnt. Er ist das Kernstück von Libeskinds Entwurf und soll mit 541 Metern zum höchsten Gebäude der Welt werden - ein Symbol für den Trotz der New Yorker gegen den Terrorismus. Doch Silverstein passt weder die Lage noch das Design des geplanten Wolkenkratzers.

Sollten Libeskinds Pläne zu Gunsten von mehr Büroflächen verändert werden?

Libeskind will in den obersten Stockwerken begehbare Grünflächen bauen - mit Tundra, Taiga, Laubwald, Savanne, Wüste und Tropen. Silverstein fordert mehr Büroraum, den er einnahmeträchtig vermieten kann. Auf Libeskinds Plan ragt der "Freedom Tower" im Nordwesten von Ground Zero hoch und soll von dort die künftige Skyline New Yorks bestimmen. Silverstein hätte den Turm lieber im Osten nahe der neuen Bahnstation.

Libeskind besorgt über "Charakter" des Gebäudes

"Es geht nicht nur darum, ein Gebäude von hier nach dort zu verschieben", klagte Libeskind der "New York Times" vor der Entscheidung in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview. Die veränderte Lage des Turmes würde den gesamten Charakter verändern, fürchtet der Architekt. "Es kann die Ansichten, den Lichteinfall, die Windbedingungen und die Komposition der ganzen Anlage umstoßen".Nach Marathon-Verhandlungen mit Childs und anderen Vertretern Silversteins gab Libeskind schließlich nach. Eine Erklärung der Gesellschaft für die Entwicklung von Ground Zero und des Grundbesitzers, der Verkehrsbehörde Port Authority, vom Mittwochmorgen begrüßte die Einigung.

"Zickzack-Expressionist" Libeskind

Von Libeskind stammt auch der Entwurf des Jüdischen Museums in Berlin, des Felix-Nussbaum-Museums in Osnabrück und des Imperial War Museum im englischen Manchester. Sein Plan für Ground Zero ist vom Glauben an die Zukunft und von schmerzvoller Erinnerung geprägt. Der "Zickzack-Expressionist", wie ihn der "Spiegel" charakterisierte, setzt im Süden Manhattans auf ein markantes Gebäude-Ensemble mit schrägen Dächern.Gleich mehrere Elemente bei Libeskind dienen der Erinnerung. Er plant einen "Platz des 11. Septembers", einen "Park der Helden", einen "Park des Lichts", ein "Museum der Hoffnung" und einen Gedenkparcour. Der "Park des Lichts" sollte ursprünglich jedes Jahr am 11. September zwischen 8.46 und 10.28 Uhr - dem Zeitraum zwischen dem ersten Flugzeug-Einschlag in das WTC und dem Einsturz des Zweiten Turms - schattenfrei bleiben. Doch inzwischen stellte sich heraus, dass sich Libeskind bei der Berechnung vertan hat.

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