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Ground Zero: Das neue Gesicht von New York

Der Grundstein am Ground Zero ist gelegt für den Freedom Tower, den wohl spektakulärsten Neubau der Welt. Ein Stuttgarter Ingenieur setzt ihm die Krone auf.

So hoch hinaus möchten nur noch wenige. Spätestens seit dem 11. September 2001 gelten New Yorker Büroflächen in luftiger Höhe als schwer vermietbar. Dennoch wollte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg - und mit ihm die meisten Bürger seiner Stadt - ein "neues Ausrufezeichen" für die Metropole: einen herausragenden Bau, wie es das World Trade Center gewesen war.

Wie also baut man das höchste Hochhaus der Stadt, ohne allzu viel leer stehende Etagen zu ernten? Die Lösung: Der "Freedom Tower" besteht fast zur Hälfte aus Luft. Auf einem 320 Meter hohen Bürokomplex soll sich, gehalten von Stahlseilen, eine 221 Meter hohe Stahlspirale mit eigenem Windkraftwerk in den Himmel schrauben. Kommenden Sonntag - am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag - wird der Grundstein gelegt.

Geplant wurde das Windspiel auf dem "Freedom Tower" in Stuttgart. Dort sitzt, in einer restaurierten Sandsteinvilla mit knarzenden Dielen und schweren, schlecht schließenden Holztüren, das Bauingenieursbüro Schlaich, Bergermann und Partner. Für das New Yorker Projekt zeichnet Seniorpartner Hans Schober, 61, verantwortlich, ein freundlicher, grauhaariger Herr in kariertem Hemd.Ursprünglich waren die Stuttgarter an einem anderen Entwurf für die Neubebauung am Ground Zero beteiligt. Die internationale Architektengruppe "Think" - und mit ihr das Büro Schlaich - belegte schließlich Platz zwei. Sieger wurde der Berliner Architekt Daniel Libeskind. Der jedoch hat kaum Erfahrung im Bau von Wolkenkratzern und ist während der Detailplanungen an den Rand gedrängt worden. Der Architekt David Childs durfte den Masterplan des Berliners überarbeiten und realisiert nun den "Freedom Tower". Childs kennt sich aus mit Hochhäusern und den knallharten kommerziellen Vorgaben der New Yorker Bauherren. Als Erstes kippte er, was beim Libeskind-Entwurf noch die Spirale füllte: dekorative, aber teure "hängende Gärten", Plattformen, ein Restaurant. Auf der Suche nach einer baulichen Umsetzung für die luftige Spirale wandte sich Childs an das Büro Schlaich. Als der Anruf aus New York kam, habe man "a Fläschle Sekt" geköpft und sich flugs an die Arbeit gemacht, erzählt Hans Schober. Nur vier Monate Entwicklungszeit blieben bis zur Grundsteinlegung.

Am Sonntag wird auch der vorerst endgültige Entwurf enthüllt. Nach den letzten Modellen soll der Turm 541,30 Meter messen, genau 1776 Fuß, in Anlehnung an das Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Damit die Spirale nicht zur bloßen Luftnummer wird, erhält sie ein Windkraftwerk, das 20 Prozent des Energiebedarfs der Immobilie decken soll. Entstanden ist der geniale Wurf im Wechselspiel zwischen Stuttgart und New York. Doch dem Ingenieur Hans Schober ist der viele Wind um das Projekt eher unangenehm. Das liegt an jener schwäbischen Bescheidenheit, die fast alle Bauten der Stuttgarter Turm- und Brückenbauschmiede auszeichnet. Wo andere Architekten Klötze in den Boden rammen, wachsen die schwäbischen Leichtbaukonstruktionen wie organisch aus der Erde und drängen sich nie in den Vordergrund. Wichtiger als designerische Kinkerlitzchen sei eine klare, stabile Konstruktion, sagt der Ingenieur. Und auf die Frage nach dem ästhetischen Konzept der Turmspitze antwortet Hans Schober einfach: "Wir bauen lieber leicht, da macht man weniger Fehler." Und lächelt dabei.

Für mutige Besucher soll der "Freedom Tower" auf dem Dach des Bürokomplexes eine Aussichtsplattform bekommen. Niemand brauche sich zu fürchten, im und auf dem "wahrscheinlich sichersten Gebäude der Welt", wie Bauherr Larry Silverstein sagt. Der Kern der Turmspitze, der die Konstruktion trägt und die Aufzüge beherbergt, besteht aus zehn Zentimeter dickem Panzerstahl, "das fällt auch nicht zusammen, wenn da ein Flugzeug reinfliegt", versichert Hans Schober. Hochfahren auf die Aussichtsplattform will der Ingenieur trotzdem "nur, wenn es sein muss": Der Konstrukteur des Juwels in der Stadtkrone New Yorks ist nicht schwindelfrei.

Jürgen Schaefer