Kitzbühel Wedeln mit Rosi und Christian


Kann es bessere Lehrer geben als ehemalige Olympia- und Weltcupsieger? Die Ski-Legenden Rosi Mittermaier und Christian Neureuther laden einmal im Jahr für vier Tage nach Kitzbühel. Ein Kompaktkurs in Sport, Spaß und Gemütlichkeit.

Von Markus Götting und Mirco Taliercio (Fotos)Draußen vor dem Restaurant Hochkitzbühel brennen Fackeln, es ist schon später Abend, und der Neuschnee oben auf dem Berg glitzert, als er von den Flammen angeleuchtet wird. Die Bergbahnleute haben die Gondel noch mal angeworfen, nur für die Gäste vom Ski-Event mit der Rosi Mittermaier und dem Christian Neureuther - eine 1a-VIP-Behandlung, das muss man schon sagen. Der Christian zeigt zur Begrüßung und quasi Einstimmung auf die nächsten Tage einen Film über die legendäre Streif-Abfahrt, verdichtet auf die gruseligsten Stürze in der Geschichte des Hahnenkammrennens. Und das kommt einem vor, als würden sie im Flieger beim Einsteigen einen Katastrophenstreifen wie "Freefall - Todesflug 1301" laufen lassen.Dennoch ist das für alle Leute hier der gebuchte Traum mit Vollpension: Christian und Rosi vier Tage lang als Skilehrer statt irgendeinen einheimischen Sepp oder Toni oder so. Und in zwei Gruppen aufgeteilt, die Guten und die Besseren, geht's dann auch gleich los am nächsten Tag. "Ich fahr in der Gruppe mit den meisten Mädels", sagt Christian sofort, und da hat er schon die erste Frau im Arm. Aber nicht, dass jetzt jemand denkt, da ginge was mit dem. Weil der und die Rosi: absolute Musterehe. Aber ein vorbildlicher Sesselliftflirter ist der Christian auch.

Mit XXL-Schnitzeln und einem fulminanten Kaiserschmarrn im Magen stehen wir auf der Streif im Starthäuschen; das Rennen ist erst ein paar Tage her, entsprechend eisig die Piste. Prinzip Bobbahn. Soll bloß keiner sagen, der Christian hätte uns nicht gewarnt. Die meisten aus der Gruppe nehmen deshalb die so genannte Familien-Streif, sprich: sanfte Umfahrung der fiesen Hänge. Jetzt stehen sie am Ende der berüchtigten Mausefalle und blicken hoch zur Kante, von der es etwa 100 Meter beinahe senkrecht in die Tiefe geht. Und während alle noch schauen, rast ein Typ mit Zipfelmütze und geschätzten 100 km/h die Mausefalle runter. Er rast auf das Grüppchen der Wartenden zu, obwohl er gar nicht dazugehört, und kurz vor einer unausweichlich scheinenden Katastrophe haut's ihn derart aus den Skiern, dass man denkt: Intensivstation. Der Typ überschlägt sich ein paarmal und bleibt neben der Piste im Tiefschnee liegen. Der Christian, auch schon unten, staunt und schüttelt den Kopf. Ebenso erstaunlich: Der Zipfelmützen-Irre rappelt sich unverletzt auf.Von so einem Trip mit Ski-Legenden erwartet man sich ja vorschnell eine rechte Schicki-Veranstaltung, speziell in Kitzbühel und noch dazu mit Übernachtung im Hotel Tenne, der ersten Herberge am Platz. Dabei ist das mit 926 Euro gar nicht mal so absurd teuer, und in einem günstigeren Hotel gar 300 Euro billiger. Gleich am ersten Abend kommt der Christian her und bietet allen das Du an - denn auf der Alm, da gibt's kein Sie. Ehrfurcht gibt's gleich gar nicht. Und rein gruppendynamisch bekommt die ganze Sache sowieso schnell den Charme einer Skifreizeit im Schullandheim, nur dass es keine Etagenbetten gibt. Aber Zimmer mit eigenem Kamin. Und eine imposante Wellness-Anlage im Tenne-Keller.Die Neureuthers muss man sich als äußerst erdverbundene Leute mit stabilem Wertesystem vorstellen. Und so bringen die es fertig, über Nacht eine sehr unterschiedliche knapp 50-köpfige Reisegruppe in eine fröhliche Gemeinschaft zu verwandeln, von der die meisten, gleich als sie zu Hause waren, sofort fürs nächste Jahr wieder gebucht haben. Da ist der Wolfgang, 'ne ehrliche Haut aus Solingen, dessen breiter bergischer Dialekt nicht so recht passen mag in die beschauliche Alpenwelt um den Wilden Kaiser. Oder der eine, der mit seiner Ex-Freundin hergekommen ist und mit ihr das Zimmer teilt. Scheinbar ungeklärte Beziehung. Oder die Renate, einsfünzig groß, rote Haare und IT-Beraterin in einem großen Konzern, die den Urlaub extra gebucht hat, um die Rosi wiederzutreffen. Die Renate hat nämlich vor knapp 30 Jahren während einer Studentenfreizeit auf der Winklmoos-Alm das Skifahren beim alten Mittermaier gelernt. Die Rosi war damals noch ein Teenie. Und die Renate wurde noch Krümel genannt. Jetzt, wie sie sich wiedertreffen, hat die Rosi die Renate natürlich gleich erkannt, weil Krümel ja nicht viel größer geworden ist, und die beiden fallen sich in die Arme: Ja, hallo!

Die Renate weicht der Rosi in den nächsten Tagen kaum mehr von der Seite. Im Lift, in der Gondel, beim Hüttenabend oben im Hagstein-Gasthaus. Furchteinflößende Schweinshaxen werden da aufgetischt, bewusstseinsverändernde Schnäpse. Und ein Alleinunterhalter mit Akkordeon, der sich als Sepp vorstellt, erzählt sehr schmutzige Witze und ist Profi genug, sich von den Gästen nicht betrunken machen zu lassen, obwohl die ihm einen Obstler nach dem anderen hinstellen. Die Musi spielt, schunkeln und anfassen und mitsingen, Rosi und Renate immer mittendrin, und am Ende sind dann die meisten doch noch so gut zu Fuß, dass sie mit Fackeln durchs nächtliche Winterwonderland ins Tal runterwandern können.Auf der Piste ist der Christian tatsächlich primär mit den Frauen beschäftigt. Alter Skilehrertrick: die Mädels zwischen die Ski nehmen. Alpine Tango-Variante. Nun darf man sich das Ganze nicht streng wie in der Skischule vorstellen, also dass jetzt der Christian vorfährt oder die Rosi und alle anderen gelehrig hinterher. Ski-Safari nennt man das ja, obwohl heutzutage in den Bergen kaum noch wilde Tiere leben, und die beiden sind da eher Begleiter als Lehrer. Aber gute Tipps geben sie natürlich schon und demonstrieren ein paar technische Finessen, keine Frage. Und wenn's sein muss, fährt der Christian mit den Gästen sogar im Tiefschnee ein bisschen Slalom zwischen den Bäumen. Aber dafür sind die meisten doch zu feig.

Man wundert sich dann auch sehr, wie groß dieses Kitzbüheler Skigebiet ist, also wo die beiden einen da hinführen und wie die sich auskennen. Das hat echt Westentaschenformat. Und im Lift erzählen die Geschichten! Das ist letztlich auch das Besondere an so einer Reise, denn Skifahren kann ja jeder Tiroler Bauernlümmel, aber Christian und Rosi, die sind sozusagen ein lebendiges Anekdoten-Archiv. Schier unerschöpflich.Oben auf der Seidlalm erzählt Rosi aus der guten alten Zeit, wie der Christian noch gegen den Hansi Hinterseer Rennen gefahren ist, damals, als der Hansi noch nicht Schlagersänger war. Und der Hansi ist ja auf der Seidlalm groß geworden, bei der Großmutter - weil mit dem Papa war das Verhältnis leider nicht so, nun ja. Und ob man's glaubt oder nicht, kaum ist die Rosi so ins Plaudern gekommen und wir sitzen wenig später beim Kaffee in der Tenne, da geht die Tür auf, und der Hansi steht am Tisch. Langes blondes Haar, schwer gebräunt und weiße Boots mit Fell dran und einen weißen Mantel. Er busselt die Rosi ab, und dann - kein Quatsch! - sagt der Hansi: "Griaß eich!" Genauso wie bei der Volksmusik im ORF.Die Tenne ist eh so ein Panoptikum. Jeden Morgen frühstückt da ein Mann im Trachtenjanker, mit Zigarre im Mund und zwei gehorsamen Golden Retrievern zu seinen Füßen; und am Nachmittag sitzen da Damen mit Pelzen und farblich abgestimmten Schoßhündchen. Ist das deine Welt, Rosi? "Ja, mei", sagt sie und zuckt mit den Schultern, "das Wichtigste am Skifahren ist die Geselligkeit und die Kameradschaft, und dass die Leut' wissen, dass Skifahren und so ein Urlaub hier nichts für die oberen Zehntausend ist." Und dass es nur um Spaß geht. Das ist dann auch eine Lehre dieser Tage.Für den Abschluss haben sie noch mal eine Lastwagenladung Testski kommen lassen fürs Skirennen auf der Streif - allerdings am Ende der Abfahrt, dort, wo's schon fast brettl-eben ist und die echten Rennfahrer abschwingen. Da haben sie einen Riesenslalomkurs gesetzt, so eckig, dass man kaum in Fahrt kommt, die Rosi kommentiert dann jeden einzelnen Lauf, und gewinnen wird auch nicht zwangsläufig der Schnellste. Ein verrücktes System: Nach dem ersten Durchgang kriegst du deine Zeit genannt, nach dem zweiten musst du deine Zeit raten, und Sieger ist, wer am besten geschätzt hat. Bei den Männern ist das der Wolfgang aus Solingen. Und der ist in beiden Durchgängen gestürzt.Abends, beim Gala-Dinner, gibt es das alles natürlich noch auf Video zu sehen. Gala-Dinner ist absolut ernst gemeint. Alle sind dermaßen rausgeputzt, und das Dessert wird serviert, als würden sie hier die Schlusssequenz einer Traumschiff-Folge nachspielen: Eine-Million-Kalorien-Nachspeise samt Feuerwerk. Der Christian moderiert mit seinem schelmischen Charme die Siegerehrung, selbst für den dritten Platz gewinnst du schon ein paar Ski für mehr als 600 Euro. Und bei den Frauen zeigt sich der Wert einer fundierten Ski-Ausbildung im Hause Mittermaier. Natürlich hat die Renate gewonnen, eine Woche Skiurlaub in Galtür. Und weil sie so gerührt ist, nimmt sie sich das Mikro, steigt in ihrer engen Lederhose auf einen Stuhl, damit sie auch jeder sehen kann, und bedankt sich im Namen aller. Aber dann kommt der Christian und fragt die Renate, wen sie mitnehmen will nach Galtür. Jetzt hat Renate Tränen in den Augen. "Am liebsten", sagt sie, "tät ich ja die Rosi mitnehmen."

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