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Olympia 2018 in München Nun begeistert euch doch endlich!


Die offizielle Olympia-Bewerbung Münchens, das "Bid Book", liegt nun beim IOC. Ob sie Erfolg hat, ist weniger eine Frage des Grundstücksstreits, sondern der Stimmung vor Ort. Und die ist durchwachsen.
Von Sebastian Kemnitzer

Schön schaut es aus, das Bid Book: viele Hochglanzbilder, viele Emotionen. Die offiziellen Bewerbungsunterlagen für die Olympischen Spiele 2018, insgesamt 396 Seiten, stehen seit Mittwoch online. Gleich zu Beginn kommt auch die Kanzlerin Angela Merkel zu Wort: "The German Government has done everything it can to support the German bid to host the 2018 XXIII Olympic and XII Paralympic Winter Games." Die Bundesregierung hat also alles in ihrer Möglichkeit stehende getan, um die Bewerbung zu unterstützen - ein Satz, der aus guten Gründen vorsichtig formuliert ist.

Auch wenn die Olympia-Planer bei der Verabschiedung des Bid Books am Montag um die Wette strahlten - Eiskönigin Kati Witt lieferte sich ein enges Rennen mit Rosi Mittermaier - halten sich die Probleme der Bewerbung hartnäckig. So hartnäckig, dass bei der Entscheidung im Juli eine Blamage droht, die schlimmer wäre als die hoffnungslosen deutschen Olympiabewerbungen der vergangenen Jahrzehnte. Denn eigentlich liegt München mit seinem Konzept mehr als gut im Rennen: Die meisten der Sportstätten sind bereits vorhanden und einen ökologisch-grünen Anstrich hat die Bewerbung auch. Zugegeben: Pyeongchang in Südkorea ist ein ernstzunehmender Gegner. Aber schlagbar. Annecy in Frankreich dagegen darf nur noch kandidieren, damit das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Spannung wahrt.

Bizarrer Grundstücksstreit in Garmisch-Partenkirchen

Politisch allerdings ist Garmisch-Partenkirchen, das ein Zentrum der Spiele sein soll, nach wie vor nicht befriedet. An vorderster Front der Widerständler stehen die Grundstückseigentümer, deren Land für Olympia 2018 gebraucht wird. Die meisten von ihnen sind Bauern, die Angst um ihre Wiesen haben. Die Bewerberseite hat sich im Umgang mit den Bauern bisher nicht mit Ruhm bekleckert - sie verfuhr nach dem Motto "Stellt euch nicht so an" und ignorierte deren Bedenken weitgehend.

Kurz vor Weihnachten gingen 59 Grundstückseigentümer zum Gegenangriff über: Sie forderten die Bayerische Staatsregierung ultimativ auf, aus der Bewerbung auszusteigen. Die Staatsregierung reagierte nicht, sondern ließ es zu, dass der Konflikt weiter eskalierte. Die Gemeinde Garmisch-Partenkirchen leitete zeitgleich zum Vertreichen des Ultimatums ein Enteignungsverfahren gegen einen der Grundstücksbesitzer ein, gegen Max B.. Er besitzt ein wichtiges Grundstück im Zielbereich der Kandahar-Abfahrt. Vergangenen Freitag kam es, rechtzeitig vor der Ski-WM, die am 7. Februar in Garmisch-Partenkirchen startet, zu einer gütlichen Einigung. Allerdings: Bezüglich Olympia 2018 vereinbarten Max B. und die Olympia-Planer, die Gespräche zu vertagen.

Diese Woche nun geht der Grundstücksstreit mit Max B. und den anderen Bauern in eine neue Runde. Die Olympiabewerbungsgesellschaft betont: "Es geht nur um eine Handvoll Grundstücke. Für jeden Einzelfall haben wir eine alternative Planung", sagt der Pressesprecher Jochen Färber stern.de. "Und natürlich finden Gespräche statt." Dem widerspricht Ludwig Seitz, der mittlerweile 63 Grundstückseigentümer vertritt: "Färber bedient die Öffentlichkeit nicht mit der Wahrheit. Es gibt überhaupt keine Gespräche zwischen meinen Mandanten und der Bewerberseite, egal, ob es sich um die Bewerbungsgesellschaft, die Bayerische Staatskanzlei oder den Markt Garmisch-Partenkirchen handelt", sagt der Anwalt. "Wenn die Bewerberseite in dem Stil weitermacht, werde ich sie auffordern, Unterlassungserklärungen abzugeben."

Bid Book als Wunschkonzert

Wer hat denn nun Recht? Nach stern.de-Informationen hat lediglich Max B. erste Gespräche mit den Olympia-Bewerbern geführt und die sollen auch weitergehen. Ansonsten herrscht Stillstand im Grundstücksstreit von Garmisch-Partenkirchen. Die Fokussierung auf Max B. hat Gründe: Ohne sein 4000-Quadratmeter-Grundstück wäre die umgebaute Kandahar-Abfahrt nur halb so spektakulär. Sein Grund und Boden ermöglicht den sogenannten "Freien Fall" mit einem Gefälle von 90 Prozent kurz vor dem Ziel. Ohne dieses Areal müsste die Piste für Olympia 2018 komplett umgeplant werden.

Die Bewerbungsgesellschaft will Anfang März, wenn eine IOC-Evaluierungskommission nach Bayern kommt, um die Bewerbung zu prüfen, mit offenen Karten spielen. "Mögliche Umplanungen würden wir natürlich offen legen", sagt Pressesprecher Färber. Das sei ein relativ normaler Prozess. In diesem Fall hat die Bewerbungsgesellschaft Recht: Bei vielen erfolgreichen Olympia-Bewerbungen war das Bid Book lediglich eine Art Wunschkonzert, das nicht eins zu eins umgesetzt wurde. Sollte die Bewerbungsgesellschaft wirklich für alle Grundstücke Alternativen besitzen, dürfte dieser Punkt auch nicht bewerbungsentscheidend sein.

Bürgerbegehren und schlechte Stimmung

Die Bewerbung kippen könnte dagegen ein Bürgerbegehren in Garmisch-Partenkirchen, das Olympiagegner in den kommenden Tagen starten wollen. "Wir haben bereits mehrere Tausend Unterschriften", sagt der grüne Landtagsabgeordnete Ludwig Hartmann stern.de. Insider im Ort sagen, dass die Stimmung, wen wundert`s, gespalten sei. Juristisch würde ein erfolgreiches Bürgerbegehren die Bewerbung zwar nicht gefährden, faktisch aber zum Scheitern bringen.

Denn das IOC fordert Begeisterung: Die Menschen im Land sollen sich über Olympia freuen und tolle Bilder liefern, andernfalls geriete die internationale Gewinn-Maschinerie ins Stottern - kein Sponsor möchte griesgrämige Protestler hinter seinem Firmenlogo sehen. Und in Sachen Begeisterung muss München tatsächlich zulegen, wenn die Bewerbung Erfolg haben soll. Nach der jüngsten Umfrage wollen nur 60 Prozent der Menschen in Bayern die Spiele, 35 Prozent sind dagegen. Und dass, obwohl gerade die Wintersport-Heroen im Fernsehen gefeiert werden.

Im Bid Book wird auf Seite 59 von einer stabilen öffentlichen Unterstützung gesprochen, 70 bis 75 Prozent. Die Zahlen stimmen, sind allerdings schon gut zehn Monate alt. Es ist mehr als ein Versuch, den schönen Schein zu wahren.


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