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New York: Der Big Apple wird grün

New York hat eine neue, neo-grüne Bewegung. Grün essen, grün trinken, grün denken, grün wohnen, grün tragen - das ist hip. Aber: Grün ist auch die Farbe des Geldes.

Von Michael Streck, New York

Die Suche nach dem grünen New York beginnt an einem trüben Frühlingstag. Regen lässt Pfützen zu kleinen Seen schwellen, schlapp hängen die Blätter von den Bäumen. Grün ist herzlich wenig an diesem Tag, höchstens die Hoffnung. Die Suche nach dem grünen New York beginnt deshalb, gewissermaßen virtuell, in einem Starbucks-Café in Midtown-Manhattan, in dem junge Leute im Internet surfen und dazu Latte schlürfen.

Baum-Umarmer im Big Apple

Unter ihnen in einer Ecke auch Ken Rother, Betreiber des Netzforums Treehugger.com, was ins Deutsche übertragen so viel bedeutet wie Baum-Umarmer.com. Es ist nicht ganz frei von Ironie, dass Treehugger seinen Anfang in New York City nahm, einem Ort mit viel Beton und wenig Bäumen zum Umarmen.

Vor ein paar Jahren kam ausgerechnet hier ein Mann namens Graham Hill auf die Idee, ein Netz-Portal zu eröffnen für die grüne Welle, die nunmehr durchs Land schwappt. Hill war ein Visionär. Konservative Radiomoderatoren und Spinner vom rechten Rand benutzen "Treehugger" als Schimpfwort und spötteln über Grün und Öko und Al Gore. Sollen sie. Aber Treehugger traf offenbar den Nerv und entwickelte sich zum weltgrößten Öko-Online-Ratgeber - ohne dabei Weltuntergangsszenarien zu malen. Sie geben Tipps über umweltfreundliche Produkte, sie vermitteln Jobs, 40 Blogger aus den USA und Kanada schreiben regelmäßig. Und sie haben Wachstumsraten, von denen die an der Wall Street nur träumen: Im Dezember eine Millionen Klicks, im Januar schon 2,5 Millionen, Tendenz steigend bis unermesslich. "In fünf Jahren", sagt Ken, "in fünf Jahren werden wir hoffentlich nicht mehr von einer Bewegung sprechen, sondern von einem Massenphänomen. Vom Mainstream."

Grün im Kopf

Schließlich, es gibt kein Zurück. Falls doch dann nur "Zurück zur Natur". Das hat inzwischen sogar der chronisch beratungsresistente Präsident als vermutlich letzter aller Amerikaner erkannt. Und New York City, sagt Rother, sei die Spitze der Bewegung Öko-Avantgarde, zumindest in Amerika, weil: "Hier hast du dieses einzigartige Gemisch aus multi-ethnischen Gruppen, Kreativen, Internet-Gurus, Aktivisten und Geld."

Das grüne New York erschließt sich nicht eben auf den ersten Blick und auch nicht auf den zweiten oder dritten. Grün, lernt man an diesem grauen Morgen von Ken Rother, "grün beginnt nicht draußen vor der Tür, sondern im Kopf". Das ist für einen Europäer zwar keine wahnwitzig neue Botschaft, klingt aber irgendwie putzig. Und in New York ist es gerade tatsächlich ungeheuer hip, grün zu sein. Grün zu essen, zu trinken, zu denken, zu wohnen, zu tragen. New York wäre aber nicht New York, wenn grün hier nicht auch eines wäre: Geschäft.

Der faule Umweltschützer

Man begibt sich aus diesem Grund nach Brooklyn, wo New York nicht nur im übertragenen Sinne am grünsten ist, und dort schnurstracks ins Geschäft von Josh Dorfman, der mit seiner Firma "Vivavi" umweltfreundliche Möbel übers Netz vertreibt und obendrein Moderator der Radiosendung "The Lazy Enviromentalist", der faule Umweltschützer ist. Was insofern stimmt, weil sich Dorfman keineswegs als zorniger Öko-Prediger versteht und sich, im Gegenteil, von niemanden vorschreiben lassen möchte, "wie lange ich unter der Dusche stehen und ob ich Audi fahren darf".

Dorfman, 34 Jahre jung und weit gereist, hatte seine Erleuchtung vor Jahren in China. Er verkaufte dort Fahrradschlösser, und eines Tages, er blickte gerade auf Straßen und Autobahnen, dämmerte ihm: "Irgendwann wollen die hier keine Fahrräder mehr, sondern Autos. Eine Milliarde Autos. Wie soll unser Planet das absorbieren?"

Das war der Anfang, und aller Anfang ist schwer. Immer noch. "Machen wir uns nichts vor", sagt Dorfman, "es wird ziemlich viel Hype um Grün gemacht." Der Gore-Film? Gut und schön. "Gesehen haben ihn in Amerika aber gerade mal 2,5 Millionen Leute." Er sitzt in seinem hellen Ausstellungsraum auf einem Stuhl aus wiederverwerteten Sicherheitsgurten und referiert über die 35 Designer, die Stühle, Tische, Bänke, Kommoden, Schränke und Regale aus Bambus oder aus Abfällen von Holzmühlen zusammenzimmern. Sie sehen schick aus und kosten 500 Dollar aufwärts, das Geschäft geht gut.

Im Juni bringt Dorfman ein Buch heraus - ein 20 Kapitel starkes Kompendium seiner Radioshow mit Tipps für Design und Mode und Reisen. Leicht bekömmlicher Lesestoff soll das sein ohne erhobenen Zeigefinger, denn erhobene Zeigefinger mögen Amerikaner nicht. "Grün", sagt er, "darf ruhig schick sein. Und sexy." Das ist sein Ansatz, öko light für den Hausgebrauch. Er denkt an Expansion, an eine weitere Filiale in Manhattan, wo es schick und sexy ist.

N.Y.C. geht mit gutem Beispiel voran

Nun ist es nicht so, als hätte New York über Nacht oder erst durch Herrn Gore seine ökologische Seele entdeckt. Gerade erst richtete New York den Klima-Gipfel mit Bürgermeistern aus 30 Metropolen aus. Dies ist die Stadt, in der Bürgermeister Michael Bloomberg mit gutem Beispiel voran fährt und die U-Bahn auf dem Weg zur Schicht benutzt. Jener Bloomberg, der Ende April verkündete, New York in die "umweltverträglichste Metropole des 21. Jahrhunderts" verwandeln zu wollen: mit insgesamt 127 Ökoprojekten; mit Mautgebühren für Autos und Lkw in Manhattan; mit einer Million frisch gepflanzten Bäumen und hunderten von neuen Plätzen; mit 50 Milliarden Dollar für öffentlichen Nahverkehr; mit 30 Prozent Schadstoff-Reduzierung bis zum Jahr 2030. Mit, mit, mit.

"Well done", lobhudelte aus dem fernen London der scheidende Tony Blair via Grußvideo. Well done, indeed. Dies ist die Stadt, die eine 2,4 Kilometer lange alte Bahnstraße auf Manhattans Westside für 170 Millionen Dollar in einen überirdischen Garten, die Highline, verwandelt. Dies ist die Stadt, die die Freiheitsstatue nächtens mit Kilowatt-Stunden aus Windenergie bestrahlen lässt. Dies ist schließlich auch die Stadt, in der Grün auf Dächern sprießt.

Das größte bepflanzte Flachdach, 3250 Quadratmeter, überspannt in Long Island City, Queens, die Silvercup-Studios. Jenes Film-Unternehmen, dem die Menschheit epochale Werke wie "Der Teufel trägt Prada" und die "Sopranos" verdankt, und dessen umweltgetriebener Präsident Stuart Suna von einer botanischen Dach-Landschaft in Queens träumt, "Dächer zu blühenden Landschaften, größer als der Central Park".

Am Donnerstag lesen Sie auf stern.de den zweiten Teil der Geschichte.

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