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Russland: Abfahren im Land der Feuerberge

Im Tiefschnee hinab von brodelnden Vulkanen bis zum Strand des Pazifiks: Das sibirische Kamtschatka ist ein Abenteuerspielplatz für Skifreaks.

Von Joachim Rienhardt

Kurz nach Mitternacht erwacht der Wunsch, dass morgen richtig schlechtes Wetter herrscht. Nadja schenkt noch einen Wodka nach, haucht ein "Na Sdorowje" und blickt sehnsüchtig zur Tanzfläche der Diskothek "Cosmic". Es fällt schwer, standhaft zu bleiben - im heißesten Schuppen von Petropawlowsk-Kamtschatskij, hinterstes Sibirien.

Die Vernunft siegt. Schließlich hat Bergführer Flory Kern für den kommenden Tag feinste Bedingungen vorhergesagt. "Es bleibt kalt und trocken. Ihr werdet Spaß haben ohne Ende." Und tatsächlich: Schon vom Frühstückstisch aus ist der verschneite Awatschinskij zu sehen. Majestätisch erhebt sich der Vulkan aus der weißen, zugefrorenen Ebene, stößt Rauchwölkchen aus, die senkrecht nach oben steigen. Windstille, ideales Flugwetter.

Ein perfekter Tag auf Kamtschatka, der Halbinsel an der Beringsee - direkt gelegen auf dem sogenannten Pazifischen Feuerring, der hier rund 160 Vulkane aus dem Erdinnern trieb, 29 davon sind noch aktiv. Eine nahezu unberührte Wildnis, etwas größer als Deutschland, mit im Jahresdurchschnitt 20 Meter akkumuliertem Niederschlag in den Bergen. Hier kann man auf aktiven Vulkanen aus 3500 Meter Höhe abfahren, rauscht im Schwefeldampf an brodelnden Kratern vorbei und schwingt an den Gestaden des Pazifiks ab, legt am Strand ein Picknick ein, bevor man später in heißen Quellen die strapazierten Muskeln wärmt.

Aber erst einmal geht es hinauf. Im Bauch eines gigantischen, 4800 PS starken MI-8-Hubschraubers. Pilot Alexander "Sascha" Astroiten, 55, verdient normalerweise sein Geld mit Versorgungsflügen zu den ehemaligen Nomaden vom Stamm der Ewenen und Tschuktschen, die in kleinen Dörfern fernab jeglicher Zivilisation leben. Kern dirigiert ihn beim ersten Flug des Tages zum Awatschinskij, der so etwas ist wie sein Hausberg.

Auf den Hängen oben hat der letzte Sturm etwa eineinhalb Meter Neuschnee abgelegt. Nach der Landung schwingt man auf Skiern über die Nordseite hinab. Große, weite Hänge, feinster Pulverschnee bis in ein weit auslaufendes Becken auf 1800 Höhenmeter.

"Man kann ihn in jede Himmelsrichtung abfahren"

Zu Sowjetzeiten war die Halbinsel wegen ihrer geografischen Nähe zu Amerika militärisches Sperrgebiet. Russische Soldaten wurden mit höherem Sold an dieses Ende der Welt gelockt. Schrundige Plattenbauten säumen noch heute die Straßen. Die Fenster sind zusätzlich mit Plastikplanen verhüllt, weil sonst die Wände von innen vereisen würden. Schmelzwasser sammelt sich knietief in den Schlaglöchern davor, Schornsteine stoßen Ruß in den Himmel und färben die Schneewände an den Straßen pechschwarz.

Nur draußen, jenseits der wenigen Städte, scheint alles so, wie es vermutlich vor zwei Millionen Jahren schon war, nachdem große Magmaströme vom Boden des Pazifischen Ozeans die ersten Gebirge geschaffen hatten. Keine Straßen, kein Mensch weit und breit, höchstens mal ein Kamtschatka-Bär. Die Halbinsel, zu fast einem Drittel als Nationalpark geschützt, hat weltweit die größte Braunbärenpopulation, insgesamt 12.500 Exemplare.

"Für mich ist das wie eine neu entdeckte Welt", sagt Kern. Er steht beim Piloten im Cockpit. Sascha steuert Richtung Süden, hinüber zum Wilutschinskij. "Der perfekte Berg", sagt Kern. "Man kann ihn in jede Himmelsrichtung abfahren." Das Pulver staubt, 2000 Höhenmeter Hochgenuss. Kerns Freund Toni aus dem schweizerischen Emmental schwärmt: "Neige de cinéma" - Schnee fürs Kino, Stoff zum Träumen.

Das hat sich herumgesprochen. Im Dorf stellt man sich langsam auf Touristen ein. Für einfache Gespräche hat sich die Rezeptionsdame im Hotel ein Deutsch-Wörterbuch bereitgelegt. Manchmal lässt sie sich auch von der örtlichen Englisch-lehrerin vertreten. Aber hauptsächlich trifft man hier noch immer auf das unverfälschte Reich der Russen. Auf dem Markt etwa, wo Lachs, Rentierfleisch und gefälschte Adidas-Shirts nebeneinanderliegen. Oder zum Nachtleben: Im Cosmic, in der Sports-Bar oder im Melniza hat schon mancher Tiefschnee-König bei Wodka die Bodenhaftung verloren und es tags drauf bitter bereut.

Denn Kamtschatka lässt kaum eine Verschnaufpause zu. Ist das Wetter in der Höhe einmal zu schlecht,Êgibt es immer noch drei lokale Skigebiete. Der Schnee liegt meist so hoch, dass man sich im altertümlichen Schlepplift unter den Masten ducken muss, um ungestreift durchzukommen. Die Abfahrten sind so gut wie nie gewalzt, der Ausblick ist einzigartig.

Aber besser ist es natürlich draußen, in der Wildnis. Am Schupanowskij, zum Beispiel. Der stechende Geruch des Schwefels steigt bereits beim Anflug in die Nase. Es geht direkt am Krater vorbei, aus dem die Rauchwolken Hunderte von Metern gen Himmel steigen. Der Schnee ist giftgelb gefärbt. Nur wenige Skilängen entfernt öffnet sich der Schlund ins Erdinnere. Die Fotopause dauert hier noch länger als sonst. Kaum zu toppen. Höchstens von der Fahrt in den Krater des Mutanowskij, später in der Woche. Bei der letzten Eruption vor sechs Jahren spuckte er fußballgroße Lavabrocken bis zu vier Kilometer weit in die Landschaft, Asche flog bis Kanada.

"Momentan gibt es keine Gefahr. Ausbrüche kündigen sich immer durch kleine Erdbeben an", sagt Fedor Faberow, ein russischer Bergführer aus Kerns Team. Dann klettert er ein paar Meter zum Kraterrand hinauf. In kochenden Gesteinstöpfen brodelt Magma und Säure bei 1100 Grad. Es raucht, stinkt, zischt, blubbert und spritzt mitunter mehrere Meter hoch. Man könnte den Rest des Tages hier oben verharren, doch der Guide Toni gibt das Kommando zur Abfahrt: "Be light on the sticks" - locker fahren, ganz locker. Und unten angekommen, fragt Flory: "Habt ihr Lust, baden zu gehen?"

Noch ein Hang, durch ein Birkenwäldchen, in ein weit auslaufendes Tal. Zwei Holzhäuser stehen da, davor dampft in zwei Becken heißes Quellwasser, das der Timonowskij auf rund 30 Grad gewärmt hat. Skiklamotten aus, Badehose an, rein ins Vergnügen. Solche Bäder gehören zur Routine der Skitage; Kern kennt in fast jedem Tal eine Badeanlage, von denen vor allem mit Hilfe des WWF in den vergangenen Jahren immer mehr entstehen. So soll der sanfte Tourismus in dem Naturschutzgebiet angekurbelt werden.

Profis haben für die fast tägliche Badesession ein paar Bier im Hubschrauber gebunkert. Dann lässt sich noch besser fachsimpeln. Über das ideale Skigelände auf den Rücken der Feuerberge, nie flacher als 25, nie steiler als 38 Grad. Über die Lawinengefahr, die hier wegen erhöhter Luftfeuchtigkeit und kurzen Niederschlagsintervallen geringer ist als in den Alpen. Oder über die Lieblingshänge jedes Einzelnen. Ist es der am Awatschinskij, wo der tiefe Pulverschnee oben zum Kragen reinkam? Die etwas steilere Rinne am Mutanowskij, vorbei an bizarren Obelisken aus erstarrter Lava? Oder die vom Wilutschinskij hinunter an den Strand des Pazifischen Ozeans, wo große Fischtrawler in den Buchten ankern? Die Luft riecht nach Salz, während der Abfahrt kreist ein Seeadler am Himmel. Unten rauschen die Wellen, und der acht Zentimeter hohe Firn ist so locker, dass Bergführer Wolfi Schmid im Tourenbuch vermerkt: "Firn, fünf Sterne plus."

Beim Rückflug zum Heliport liegen die Ski auf einem Haufen, wie nach einer geschlagenen Schlacht. Der Blick geht nach draußen zum Labyrinth der mäandernden, dampfenden Bäche in der weißen Weite. Manche Mitreisende sind eingenickt. Man muss Kraft tanken, Kraft für die Nacht. Die endet im Kamtschatka-Fieber, wenn tags darauf kein Skiprogramm ansteht, selten vor sechs Uhr in der Früh.
"Na Sdorowje".

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