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"Fassadenrepublik": Sushi und Schlauchboote in "Erichs Lampenladen"

Wo sich einst die DDR-Bonzen beklatschen ließen, bahnen sich jetzt Schlauchboote ihren Weg: Die entkernte Ruine des "Palastes der Republik" steht unter Wasser - zum Vergnügen.

Im Palast der Republik stehen Schlauchboote bereit, der Boden ist mit grüner Teichfolie ausgelegt. Das Foyer des Gebäudes wirkt wie eine große Geisterbahn: Eine labyrinthische Fassadenstadt mit "Parlament", "Rotlichtbezirk", "Ahnenamt" und "Viertel der Bourgeoisie" wartet auf Besucher, die barfuß in Schlauchboote steigen und sich von Insel zu Insel rudern lassen können. Seit Freitagabend haben Palast-Fans die Gelegenheit dazu.Die "Fassadenrepublik" ist Teil der Zwischennutzung, die dem entkernten Gebäude vor dem geplanten Abriss im kommenden Frühjahr eine Art Galgenfrist verschafft - das Konzept "Volkspalast". Allerdings hoffen die Veranstalter, dass sie das Skelett des Gebäudes nicht nur wie geplant bis zum 9. November nutzen können, sondern auch noch im Jahr 2005. Sie wünschen sich, das vom Bundestag beschlossene Aus für den Palast und den Neubau des Berliner Stadtschlosses verhindern zu können: "Wenn man daran nicht glauben würde, könnte man gleich aufgeben", sagt Ron Bloch, Sprecher der Projekts "Volkspalast".

Soll der Palast der Republik abgerissen werden?

Letzte Stunde für "Erichs Lampenladen"

Kulturstaatsministerin Christina Weiss dagegen lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass nächstes Jahr die letzte Stunde für "Erichs Lampenladen" schlagen soll - so nannte der Volksmund das kupfern glänzende Gebilde, auf das der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker so stolz war. Und so wird ist die Wassertour vielleicht eine der letzten Gelegenheiten sein, den "Volkspalast" auszukundschaften. "Stadtführer" - nicht Stadtbilderklärer - sollen die Besucher vom 3. bis zum 11. September auf Schlauchbooten durch den riesigen Wasserparcours rudern, über dem bis zu 100 Papp- und Holzfassaden installiert sind. In jedes Gummiboot passen fünf Touristen.Weil die "Fassadenrepublik" im Gegensatz zur DDR ein demokratisches System sein soll, dürfen die Besucher im "Parlament" über Sinn und Zweck der Fassaden diskutieren und sogar ihren Abriss beschließen. Wer keine Lust auf Politik, sondern auf rohen Fisch hat, kann sich Sushi aus schwimmenden Plastikschalen angeln oder sich von Gondolieres zur "Striptease-Schule" rudern lassen.

Technische Probleme beim Verschweißen der Teichfolie

Am Freitag fluteten 300.000 Liter Wasser den Boden des Foyers in einer Höhe von 25 Zentimetern. Schlauchboote in unterschiedlichen Farben spiegelten sich im wadentiefen und gelb, blau und rot angeleuchteten Wasser im Erdgeschoss des Palastes, das zuvor mit PVC-Folie ausgelegt worden war. Mit dem Wasser-Labyrinth wollen Architekten, Künstler und Kunsthistoriker in den nächsten Tagen "Strategien urbaner Erneuerungen" untersuchen und den Besuchern erläutern, dies auch vor dem Hintergrund der öffentlichen Fassaden-Debatten in Berlin von Schloss, Bauakademie und Palast im Zentrum der Hauptstadt.

"Kapitalisten" mit Herz für den "Palast"

Spaß soll es machen und viele Besucher anlocken: "Es gibt ein Rieseninteresse am Palast, und es kommen nicht nur Ostalgiker", sagte "Volkspalast"-Sprecher Ron Bloch. Tatsächlich haben auch Kapitalisten ihr Herz für das Gebäude entdeckt: Ende August feierte die Unternehmensberatung McKinsey ihr 40-jähriges Jubiläum in dem Gebäude, das bis 1990 die Volkskammer beherbergte.

Ayala Goldmann / AP / AP

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