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Arbeitskampf am Flughafen Frankfurt: Machtspiele auf dem Vorfeld

Die Gewerkschaft der Flugsicherung weitet ihren Arbeitskampf aus und fordert die Fluglotsen zum Streik auf. Am Mittwoch könnte der Flugverkehr zum Erliegen kommen.

Von Till Bartels

Bisher waren meist nur Kurzstreckenflüge zu deutschen und europäischen Zielen betroffen. Aber ab Mittwoch verschärft die Gewerkschaft der Fluglotsen (GdF) den Arbeitskampf: Morgen sollen zwischen 5 Uhr und 11 Uhr auch die Fluglotsen im Tower die Arbeit niederlegen - ein Alptraumszenario für Flugreisende.

Vom Streik sind dann alle Flüge von und nach Frankfurt betroffen. Nach Ansicht der Deutschen Flugsicherung kann der Flugverkehr "vollständig zum Erliegen" kommen. Da helfen auch keine Ersatzkräfte, denn für die hoch qualifizierte Arbeit in den Kontrolltürmen steht kein weiteres Personal zu Verfügung. Bis sich der Flugverkehr nach Streikende wieder normalisiert hat, dürften sich Flugausfälle und Verspätungen über den ganzen Mittwoch hinziehen. Außerdem sind auch Flüge von anderen Airports betroffen, weil die minutiös geplanten Umläufe der Flugzeuge aus dem Takt geraten.

Bei dem seit Anfang Februar schwelenden Tarifkonflikt zwischen der GdF und Fraport sind die Fronten verhärtet. "Ich finde es ungeheuerlich, was im Moment passiert. Auf dem Rücken der Passagiere und den Mitgliedern der GdF wird ein Kampf ausgetragen, der gar nicht mehr um die 200 Leute auf dem Vorfeld geht", sagt GdF-Tarifvorstand Markus Siebers im Gespräch mit stern.de. "Es geht darum, eine Spartengewerkschaft an die Kette zu legen."

David gegen Goliath

Längst hat der Streik am Flughafen Frankfurt eine politische Dimension erreicht. Die Verhandlungen drehen sich nicht nur um Gehälter, Arbeitszeiten und Zulagen für die Beschäftigen der Bereiche Vorfeldkontrolle, Vorfeldaufsicht und Verkehrszentrale. Vielmehr geht es um die zukünftige Rolle von Kleinst- und Spartengewerkschaften. Die Macht einer Minderheit - in Frankfurt geht es um die Interessensvertretung einer Berufsgruppe von 200 Vorfeld-Mitarbeitern von insgesamt 19.000 Fraport-Angestellten - soll beschnitten werden. Für die GdF steht viel auf dem Spiel, wie sie ihren Mitgliedern schreibt: "Es handelt sich um einen gut organisierten und geplanten Angriff der Arbeitgeber auf das Grundrecht der Koalitionsfreiheit."

Zweitens findet auch ein Kräftemessen zwischen den Gewerkschaften statt. Der Großgewerkschaft Verdi ist die kleine GdF ein Dorn im Auge, die ihr Tarifgefüge durcheinanderbringt. Sollte das Management mit kleinen Gruppen hohe Abschlüsse erzielen, müssten die übrigen Beschäftigten mit entsprechenden Forderungen nachziehen, warnt der Bundesvorsitzende Frank Bsirske. Auch befürchtet Verdi, Mitglieder an kleine, erfolgreiche Gewerkschaften zu verlieren. Wir erinnern uns an den Streik bei der Deutschen Bahn im vorigen Jahr, als die Gewerkschaft der Lokführer nach langen Streiks Haustarife bei regionalen Bahnbetreibern durchsetzte.

Unverständliche Zahlenspiele

Außerdem spielen beide Seiten mit undurchsichtigen Zahlen. In dem Tarifkonflikt wird um konkrete Prozentzahlen vor oder nach dem Komma gerungen, wie wir es von anderen Lohnforderungen gewohnt sind. Maßlos überzogene Gehaltswünsche stehen im Raum. Geradezu gönnerhaft hörte sich ein Angebot der Fraport vom Montag an: Für die Vorfeldlotsen sei man bereit, bis zu 70 Prozent gesteigerte Einkommen zu zahlen. Doch Siebers nennt diese Zahl ein "Lockangebot", das höchstens für einen Auszubildenden zutrifft, der "nach dem Tarifabschluss in die normale Eingruppierung reinrutscht".

Konkrete Lohnforderungen nennt auch die Gdf nicht, nur das Papier des Schlichters listet zum Beispiel Höchststufen für die Mitarbeiter der Verkehrszentrale auf. Zu deren Aufgabe gehört die Verplanung der Vorfeldpositionen und Halteplätze an den Passagier-Gates. Das Gehaltsspektrum reicht von 31.300 Euro für den Trainee bis zum Jahresgehalt des Schichtleiters von 64.000 Euro.

Arbeitskampf vom Vorfeld bis zum Tower

Am Freitag letzter Woche scheiterten die neuen Verhandlungen unter anderem, weil Fraport kein Angebot für die Fahrer der Follow-me-Fahrzeuge vorlegte. Jetzt sucht die GdF den Schulterschluss mit ihren bislang nicht streikenden Kollegen im Tower. Deren letzter Tarifabschluss war mit Gehaltszuwächsen im zweistelligen Prozentbereich äußerst erfolgreich - ein Streik der Fluglotsen wurde im Herbst 2011 dadurch vermieden.

Die drohende Ausweitung des Arbeitskampfes am Mittwoch kritisiert die Fraport als unverhältnismäßig. Auch werden rechtliche Schritte geprüft, den Solidaritätsstreik der Fluglotsen zu unterbinden. Die Fronten sind verhärtet: "Wir werden den Arbeitskampf erst abbrechen oder unsere Streiktaktik ändern, wenn die Fraport eine Unterschrift geleistet hat", sagt Siebers.

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