HOME

Diebstahl im Urlaub: Die neuen Maschen der Trickbetrüger

Kreative Urlaubsganoven in südlichen Reisezielen haben sich auch in dieser Saison neue Tricks einfallen lassen, um deutsche Touristen von ihren Wertgegenständen zu befreien. Eine neue Masche: Sie tarnen sich mit Amts-Ausweisen oder -Kleidung. Besonders gefährdet sind alleinreisende Autofahrer.

Von Brigitte Zander

Vorsicht ist geboten, wenn man in südlichen Reisezielen zu einer Verkehrskontrolle an die Seite gewunken wird. Nicht in jeder Uniform steckt auch ein Polizist.

Vorsicht ist geboten, wenn man in südlichen Reisezielen zu einer Verkehrskontrolle an die Seite gewunken wird. Nicht in jeder Uniform steckt auch ein Polizist.

Der Hamburger Andreas S. war vorgewarnt und entsprechend vorsichtig, als er Ende Juli mit seinem VW-Bus über die spanische "Costa"-Autobahn E15 Richtung Barcelona brauste. Die Verkehrsschlagader zu den spanischen Massenstränden lockt seit Jahren dubiose Figuren an. Als kurz hinter Gerona ein Tankstopp fällig war, schloss er folglich sorgsam seinen Wagen ab, bevor er zum Bezahlen in den Kassenraum eilte. Der 58-Jährige schaffte es gerade drei Kilometer weiter; dann begann der Wagen zu schlittern. Ein Hinterreifen war platt. Hätte nun gleich hinter ihm ein Auto mit auffallend hilfsbereiten Leuten gestoppt, wäre bei ihm sicher die Alarmglocke losgegangen. Als routinierter Weltenbummler weiß man, dass Ganoven an Tankstellen Räder anstechen und hinter dem Opfer hergondeln, um als angebliche Pannenhelfer den Wagen leer zu räumen. Aber die Autokolonne hinter ihm rauschte unbeirrt weiter. Sehr beruhigend.

Nur von der gegenüberliegenden Fahrbahn rannten drei Arbeiter in offiziellen orangefarbenen Warnwesten zu ihm herüber. Man ging gemeinsam nach hinten, um den Schaden zu begutachten und den Reservereifen hervorzukramen. Dann machten ihm die drei netten Bahn-Beschäftigen gestikulierend klar, nun müssten sie aber dringend an ihre Arbeit zurück.

Die Bescherung entdeckte der Hamburger erst, als er sich aus seiner Tasche auf dem Beifahrersitz eine andere Brille holen wollte. Nicht nur die Tasche war aus dem - in der Eile natürlich unverschlossenen - Auto verschwunden, auch die Kamera auf dem Vordersitz, der Laptop unter dem Sessel, und die Brieftasche aus der Cockpitklappe. Die herbeigerufene Polizeistreife zuckte mit den Schultern; nein, von Autobahn-Randarbeitern sei auf dieser Strecke nichts bekannt.

"Ganoven tarnen sich in dieser Saison vermehrt als Offizielle", warnt der ADAC in München. Sie treten in Spanien, Italien und Frankreich als Zöllner, Polizisten oder Zivilfahnder auf, tragen Uniformjacken, manchmal auch nur Polizeimützen. Oder weisen sich als angebliche Drogenfahnder mit falschen Dienstmarken aus. Manche kassieren bei den Reisenden wegen vermeintlicher Tempoverstöße oder knappem Auffahren die Geldbuße gleich bar ab. Andere wollen unbedingt die deutsche Familienkutsche nach Drogen durchwühlen. Dabei verschwinden unbemerkt Wertgegenstände. Bevor die verschreckten Reisenden den Verlust bemerkt, sind die dubiosen Fahnder wie vom Erdboden verschluckt.

Wer sich Autokennzeichen und -marke gemerkt hat, kann der richtigen Polizei später einen Tipp geben. Falls die sich für solche dürftigen Beweise überhaupt interessiert. Als Vorsorge-Maßnahme bei "Drogenfahndungen" empfiehlt der ADAC, sofort die Wertsachen an sich zu nehmen. Bessere Ratschläge gegen die "Amts"-Masche haben Experten derzeit nicht auf Lager. Denn welcher sprachunkundige Urlauber wagt tatkräftige Abwehrmaßnahmen gegen zweifelhafte Polizisten? "Entweder kriegt man eine Anzeige, wenn's doch ein echter war, oder ein Messer in den Bauch", sagt eine ADAC-Sprecherin. "Darum niemals die Täter reizen, dann lieber das Geld her geben."

Dreiste Diebe, getarnt in Amtskleidung, geben vor nach Drogen zu suchen - und stehlen in Wahrheit Wertgegenstände

Dreiste Diebe, getarnt in Amtskleidung, geben vor nach Drogen zu suchen - und stehlen in Wahrheit Wertgegenstände

Auch gegen andere Überfälle schützt man sich am besten, indem man Wertvolles nur verdeckt am Körper, in Brustbeuteln oder Geldgürteln, mit sich herumschleppt. Eine sichtbare Handtasche verspricht immer eine fette Beute. Auch der krampfhafte Klammergriff um die Tasche bietet keine Sicherheitsgarantie. Raffinierte Diebe, wie beispielsweise die in Barcelonas Altstadt, geben ihren Opfern von hinten einen kräftigen Stoß. Erfahrungsgemäß lässt jeder Mensch beim Fallen die Tasche los. Bevor man sich vom Boden aufgerappelt hat, sind Dieb samt Eigentum verschwunden. Wer die Untat bei der nächsten Polizeistation meldet, trifft oft ein Dutzend Leidensgenossen auf dortigen Wartebänken, während zwei desinteressierte Beamte gelangweilt Verlust-Formulare für die Versicherung daheim ausfüllen.

Wer einmal so unter die Räuber gefallen ist, schwört sich, seine Habseligkeiten nur noch im Bauch-Beutel unterzubringen. Oder die Umhängetasche quer über Brust und Kopf zu schlingen. Im ersten Fall schlitzen spitzfindige Gangster im künstlichen Gedränge den Gurt auf. Die zweite, von Frauen bevorzugte Variante, schützt keinesfalls vor vorbeisausenden Mopedfahrer, die sich auf Taschen-Entführung spezialisiert haben. Man gefährdet sich höchstens selbst. Davon kann eine ältere Portugalurlauberin aus Essen ein Jammerlied singen: Sie wurde mitsamt der Umhängetasche umgerissen und mehrere Meter hinter dem Moped hergeschleift, bevor der Riemen riss. Die nächsten Tage verbrachte sie in der Klinik.

Einen gewaltigen materiellen Schaden erlitten im Juli deutsche Sportsegelflieger, die mit ihrem Flugzeug im Anhänger Richtung Madrid fuhren. Bei einem Stopp auf der Autobahn Montpellier-Toulouse hatten Kriminelle unbemerkt alle Radmuttern des Anhängers gelockert. Irgendwann bei Tempo Hundert krachte der Wagen auf die Fahrbahn. Die Ganoven ließen sich nicht sehen, weil gleich nachfolgende Freunde an der Bruchstelle stoppten. Ähnliche Radmutter-Attentate passierten in dieser Saison auch in Oberitalien auf der A 9 zwischen Como und der Schweizer Grenze. Umfassende Statistiken über Ferienverbrecher in den beliebten Massen-Reise-Zielen gibt es weder beim ADAC noch bei der ausländischen Polizei oder den großen Reisefirmen. "Uns sind keine besonderen Vorkommnisse bekannt", heißt es bei der TUI. Jeder übt sich in Schadensbegrenzung.

Informativeres erfahren Globetrotter unterwegs von anderen leidensgeprüfte Touristen. Auf Campingplätzen, in den Strandliegen, und beim Abendessen im Hotel tauschen die Weltmeister im Reisen ihre Reinfälle aus. Jeder warnt jeden. Vor der dreisten Diebesbande rund um den Prado in Madrid, vor Wohnwagen-Einbrechern an französischen Supermarkt-Parkplätzen, vor blumen-schenkenden Zigeunerinnen, oder vor Lachgas-Attacken auf Rastplätzen an bekannten Reiserouten. Einbrecher leiten nachts Gas in geparkte Campmobile. Am nächsten Morgen haben die Schläfer Kopfschmerzen - aber keine Wertsachen mehr im Wagen. "Künftig heißt die erste Frage zurückgebliebener Angehöriger nicht mehr: Was hast du mir mitgebracht? Sondern: Hast du alles mit zurückgebracht?", scherzt ein Betroffener.

Nicht nur die euphorisierende Wirkung von Sonne, Sangria und Sand treibt deutsche Weltenbummler trotzdem weiter in die Ferne. Daheim sind Urlauber auch nicht sicher. Selbst die Nummer mit getürkten Polizei-Accessoires hat Nachahmer bei uns gefunden. Seit Mitte Juli kassiert ein Betrüger ausländische Touristen ab, indem er sie mit der Kelle auf Autobahnen herauswinkt und Bußgeld verlangt. Einschlägige Beweise gibt es aus der Umgebung von Hamburg, Montabaur, Limburg und Kassel.

Wissenscommunity