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Über Bord: Kreuzfahrt ohne Wiederkehr

Vor vier Wochen verschwand Sabine L. von der "Queen Elizabeth 2". Seither gibt es keine Spur von ihr. Mord, Selbstmord oder Unfall? Die Polizei ist ratlos. Das Verschwinden von Personen auf See ist längst kein Einzelfall mehr.

Von Jens Maier

Es klingt wie ein perfekter Mord aus einem Agatha-Christie-Roman. Eine Frau verschwindet spurlos von einem Kreuzfahrtschiff. Es gibt keine Spuren und keine Zeugen. Und auch keine Leiche. Doch anders als bei den Krimigeschichten Christies ist der Fall, der sich kurz vor Jahreswechsel auf der "Queen Elizabeth 2" ereignete, bis heute ungelöst. Und auch, ob es überhaupt ein Verbrechen war, ist fraglich.

Seit dem 30. Dezember 2006 ist Sabine L. spurlos verschwunden. Sie wollte den Morgen mit einem Bad im Pool beginnen. Irgendwo vor der Küste Madeiras auf der "QE 2", die sich auf der Heimreise in die englische Hafenstadt Southampton befand. In aller Frühe stand sie auf, ließ ihren Mann schlafen und verließ die Kabine mit der Nummer 5167 auf Deck 5. Ob sie am Pool ankam, ist bis heute unklar. Ebenso, was genau passierte: Wurde Sabine L. Opfer eines Gewaltverbrechens? Stürzte sie sich in Selbstmordabsicht in die Fluten? Oder fiel sie bei einem tragischen Unfall über die Reling? Die zuständige Polizei von Southampton tappt nach wie vor im Dunkeln.

Familie sucht auf eigene Faust nach Zeugen

Was die Klärung des Falls so knifflig macht ist, dass es bis heute keine Leiche und offenbar auch keine Zeugen gibt. Familie L. hat deshalb eine Seite im Internet eingerichtet (www.qe2missing.de), von der sie sich Hinweise auf das Verschwinden der Mutter erhofft. Zwölf User haben sich bisher gemeldet. Die meisten mit Beileidsbekundungen. Nur zwei ernst zu nehmende Hinweise sind dabei: Ein Schwimmmeister hält es für möglich, "dass Ihre liebe Mutter im Swimming-Pool verunglückt ist". Die Ansaugrohre der Gegenstromanlage könnten zur tödlichen Falle werden und er empfiehlt, diese zu überprüfen. Ein anderer hält einen Zusammenhang mit einem ehemaligen "QE2"- Steward für möglich. Stephen Wright sei am 21. Dezember 2006, also noch vor dem Verschwinden von Frau L., wegen des Mordes an fünf Frauen festgenommen worden. Allerdings seien die Taten nicht an Bord verübt worden.

Das spurlose Verschwinden der Hamburgerin auf hoher See ist längst kein Einzelfall. Nach einem Bericht des US-Kongresses gingen allein zwischen Januar 2003 und März 2006 auf den verschiedenen Luxus-Linern mindestens 24 Passagiere "verloren". Seither kamen nochmals ein Dutzend Fälle von vermissten Passagieren und Besatzungsmitgliedern hinzu. Die Ursache - Unfall, Selbstmord oder Verbrechen - ist selten zu klären. Denn trotz Videoaufzeichnung kann nicht jeder Winkel an Bord überwacht werden.

Website klärt über Vermisstenfälle auf See auf

Auf der Webseite des Verbands "International Cruise Victims" (www.internationalcruisevictims.org) schildern Betroffene das mysteriöse Verschwinden von Freunden und Verwandten. Da gibt es zum Beispiel den Fall des 22-jährigen James Scavonne, der am 5. Juli 1999, nach dem Besuch der Borddisko auf die Toilette ging und nie wieder auftauchte. Oder den des 36-jährigen Paul Caldwell, der sich im Casino vergnügte, während seine Frau bereits schlafen ging. Auch er verschwand spurlos.

Bei den meisten Vermissten-Fällen an Bord liegt die Vermutung nahe, dass die Betroffenen aus Versehen über die Reling gefallen sind. Fast immer ist Alkohol im Spiel. Doch natürlich gibt es auch Verbrechen an Bord. Wie das Verschwinden des Amerikaners George Smith in seinen Flitterwochen. Der gut aussehende, wohlhabende 26-Jährige verschwand am 5. Juli 2005 im Mittelmeer spurlos von Bord der "Brilliance of the Seas". Eine kleine Blutlache neben der Kabine deutete auf ein Verbrechen hin, das aber nie aufgeklärt wurde. Anfang Januar einigte sich die Reederei "Royal Caribbean Cruises" mit den Angehörigen auf Zahlung einer Abfindung in Höhe von über einer Million Dollar.

Perfekter Ort für das "perfekte Verbrechen"

Kreuzfahrtschiffe bieten sich als Ort für Verbrechen geradezu an. Viele wohlhabende Menschen, die sorglos ihren Urlaub genießen wollen, umgeben von nichts als Wasser, in dem sich Leichen hervorragend entsorgen lassen, befinden sich auf einer schwimmenden Kleinstadt, auf der es nicht einmal eine Polizei gibt. Der US-Abgeordnete Christopher Says, der sich mit dem Thema befasst hat, hält eine Kreuzfahrt für den "perfekten Weg, um das perfekte Verbrechen zu verüben".

Die Kreuzfahrtindustrie wehrt sich gegen diese Behauptung. Auf den Schiffen, mit jährlich 15 Millionen Passagieren, gebe es viel weniger Kriminalfälle als anderswo. Kendall Carver, Verbands-Chef von "International Cruise Victims", wirft den Reedereien allerdings mangelnde Unterstützung bei der Aufklärung von möglichen Verbrechen auf hoher See vor.

Auch die Familie von Sabine L. ist nicht gerade begeistert von der Mithilfe der Reederei Cunard. "Man habe den Eindruck, dass die Reederei weniger an einer Klärung, als an einer Beruhigung des Falls interessiert sei", sagte der Anwalt der Familie, Sven-Oliver Spethmann, der "Süddeutschen Zeitung". Aus Sicht der Cunard-Line ist das durchaus verständlich. Schlagzeilen über verschwundene Passagiere an Bord der eigenen Schiffe machen sich nicht besonders gut. Für die Familie aber bleibt das Verschwinden ein Drama, denn einen Selbstmord schließt sie aus. "Es gäbe aus den persönlichen und familiären Lebensumständen keinerlei Anhaltspunkte, die für einen Freitod sprechen könnten", so Spethmann. Die Familie halte deshalb einen Unfall oder ein Verbrechen für am wahrscheinlichsten.

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