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Sightjogging: Die spinnen, die Römer

Es mag Jahre dauern, die Ewige Stadt zu erkunden. Etwas beschleunigen können Touristen ihre Tour mit Sightjogging: Hier wird der Stadtführer zum Trainer, der seine Schützlinge durch die frühmorgendliche Metropole lotst.

Von Claudia Pientka

Draußen dröhnt die Müllabfuhr durch den kühlen Dezembermorgen, in meinem Hotelzimmer ist es still und kuschelig warm. Es ist 6.20 Uhr, als der Wecker schrillt; in einer halben Stunde bin ich mit einer Joggingtrainerin verabredet. Normalerweise liege ich vor Sonnenaufgang noch im Tiefschlaf, aber heute habe ich eine besondere Verabredung. Ich laufe nicht etwa über einen abgelegenen Waldpfad, sondern in den verschlungenen Gassen Roms. Und nicht nur mein Körper wird dabei auf Trab gehalten, sondern auch mein Geist soll geschult werden. "Sightjogging" heißt das Konzept, dass Carolina Gasparetto sich ausgedacht hat, eine Stadtführung bei der nicht gilt: "Folgen Sie dem Regenschirm" sondern "Halten sie das Tempo".

In der Hotellobby wartet Julia Oberhauser, meine deutsche Trainerin für diesen Tag. Sie schnallt mir einen Pulsmesser um, dann geht's im Laufschritt auf die Straße - nicht, dass ich es mir noch anders überlege. Die schmalen Gassen liegen vollständig im Schatten, noch ist die Sonne nicht über die Hauswände gestiegen, die Luft fühlt sich kühl und klamm an.

Was sich für Nicht-Läufer völlig bescheuert anhört - "Wie? Rennen und Stadtführung gleichzeitig?" - ist in dem ungewohnten Gelände eine besondere Herausforderung - immerhin zählt Rom nicht gerade zu den fußgängerfreundlichen Städten dieser Welt: Keine kopfsteingeplasterte Gasse ist zu schmal für italienische Vespas, die abgewetzten Zebrastreifen werden von Autofahrern konsequent ignoriert, Abgase und Smog belasten die sowieso schon schnaufende Lunge. Um diese Widrigkeiten bestmöglich zu umgehen, ordert Carolina ihre Schützlinge zum Frühstart: Die meisten Touren beginnen um sechs Uhr morgens; wer, wie ich, im Winter läuft, darf eine Stunde länger schlafen - bis Sonnenaufgang.

Gemächlich die Hauptverkehrsader überqueren

"Jetzt laufen wir durch einen der Borgi, so heißen die Straßen in der Nähe des Vatikans, in denen schon immer Pilger und Geistliche wohnten", so beginnt Julia unsere Sightjogging-Tour. Eine Rechtkurve und schon traben wir durch den Borgo Pio, in dem Papst Benedikt XVI. lebte, als er noch als Kardinal Joseph Ratzinger agierte. An diesem Morgen sind bereits einige Nonnen unterwegs, die mit wehenden Schleiern schnellen Schrittes in den benachbarten Vatikan eilen. Wir laufen in die andere Richtung, vorbei an der Engelsburg und während mir bereits erste Schweißperlen über die Stirn rinnen, kommt Julia gerade erst in Fahrt: "Sag Bescheid, wenn es dir zu schnell ist: Du bestimmst das Tempo." Aber noch denke ich: Je schneller ich laufe, desto schneller bin ich wieder im Bett.

Wir joggen weiter über die Ponte Sant' Angelo, deren marmorne Engelsstatuen im Morgenlicht schimmern. Normalerweise kann man den Platz nur unter Lebensgefahr überqueren, die Straße entlang des Tiber hat nicht nur undefinierbar viele Spuren, sondern ist auch eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. Doch um diese Uhrzeit reicht es, wenn Julia warnend winkt - und wir joggen entspannt zur anderen Straßenseite hinüber ins Viertel Piazza Navona. Über die Via die Coronari. "Früher belagerten hier Rosenkranzverkäufer die Pilger auf dem Weg zum Petersplatz", erzählt sie. Der Weg konnte lebensgefährlich sein: Im heiligen Jahr 1450 wurden 200 Menschen in einer Massenpanik zu Tode gequetscht. Um Viertel nach sieben ist keine Menschenseele in der Via, statt Devotionalien werden jetzt Antiquitäten verkauft, aber auch deren Läden sind noch verschlossen.

Abgase nagen an den alten Gemäuern

Erste Aufmerksamkeit erregen wir am Pantheon. Dessen über 2000 Jahre alte Bronzetüren sind um diese Uhrzeit zwar noch verschlossen, aber vor den Pforten der angrenzenden Cafés laden die Lieferanten Brötchen und Gemüse ein. "Andiamo ragazze!", rufen uns einige Kerle hinterher, das heißt soviel wie "Auf geht's Mädels!", ganz harmlos, wie Julia mich beruhigt. Wer so oft durch Rom joggt wie sie, gewöhnt sich schnell an die Sprüche der Männer.

Einige Pflastersteine weiter scheint uns ein Marmor-Elefant mit seinem Rüssel zuzuwinken, auf seinem Rücken trägt er einen Obelisken. "Der Bildhauer Bernini hat diesen Elefanten im Auftrag der Dominikaner entworfen", erklärt Julia und ich nutze den Moment für eine Verschnaufpause. "Aber weil sich die Mönche ständig in seine Arbeit einmischten, stellte er die Statue mit dem Hinterteil zum Eingang auf." Kaum eine Skulptur, Gasse oder Häuserecke, zu der Julia nicht eine passende Anekdote parat hat. Und als Zugezogene kennt sie auch die aktuellen Probleme der Metropole, durch deren antike Straßen zweieinhalb Millionen Einwohner manövrieren. So drängen sich täglich tausende Autos auf der Via die Fori, deren Abgase am alten Gemäuer des Kolosseum nagen. "Seit Jahren diskutieren die Römer über die Untertunnelung", sagt sie, "aber jedes Mal, wenn in Rom gegraben wird, findet man eine neue archäologische Stätte und muss das Projekt wieder stoppen".

Sport und Sightseeing auch auf Geschäftsreise

Julia hat sich ihr Wissen nicht nebenbei angeeignet. Bevor sie auf Sightjogging-Tour gehen durfte, hatte sie viele Testläufe mit Sightjogging-Gründerin Carolina Gasparetto. Seit dreißig Jahren lebt Carolina als Personal Trainerin für wohlhabende Kunden in Rom und kennt jede abgebrochene Säule der 2700 Jahre alten Stadt. Sie hat die Touren erschlossen - insgesamt zehn für Jogger und eine für Rollstuhlfahrer - und klärt ihre Trainer in etlichen Übungsstunden auf über die sehenswerte Geschichte der Stadt. Carolinas Stadtführer müssen fit sein, damit sie beim Laufen sprechen und jedes Tempo halten können. Und idealerweise mehrere Sprachen beherrschen, um für unterschiedliche ausländische Kunden einsetzbar zu sein. Das sind oft Geschäftsleute, die weder auf Sport verzichten wollen noch auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Inzwischen ist es richtig warm geworden, nicht nur, weil auch in Italien der November viel wärmer ist als sonst, sondern auch, weil wir auf den Kapitolinischen Hügel, einen der sieben Roms, gespurtet sind. Oben fließt Wasser aus einem kleinen Brunnen, glücklicherweise Trinkwasser. Von hier kann man die Stadt nicht überblicken, weil das viel geschmähte Denkmal für König Vittorio Emanuele, das aussieht wie eine gigantische Hochzeittorte, den Blick versperrt. Aber spätestens auf der noch menschenleeren Piazza del Campidoglio nimmt mich der morgendliche Zauber der langsam erwachenden Stadt gefangen. Es ist, als hätten wir Rom für eine Exklusivführung gemietet - alle anderen müssen draußen bleiben, bis wir fertig sind.

Falsche Prada-Taschen statt Rosenkränze

Nach etwa 50 Minuten machen wir uns auf den Rückweg. Der Verkehr wird dichter, wir drängeln uns an einem Altpapiersammler vorbei, der über unsere Köpfe hinweg alte Telefonbücher auf einen Laster wirft. Auf der anderen Seite des Tiber, vor den Säulen des Vatikans, breiten fliegen Händler ihre Decken aus, darauf gefälschte Gucci-Gürtel, Prada-Taschen und Seidenkrawatten. Die meisten von ihnen machen sich auf der Via della Conciliazione breit, früher waren es Rosenkränze, heute kaufen Pilger eben lieber Accessoires.

Unsere Runde endet wieder vor meinem Hotel, etwas mehr als eine Stunde waren wir unterwegs und ich habe einen groben Überblick über die Lage der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Roms bekommen. Ich fühle mich nicht, wie sonst nach Stadtführungen, vollgestopft mit Informationen, mein Appetit wurde gerade erst angeregt. Mein Puls pocht, an Schlafen ist nun nicht mehr zu denken, nach meiner Dusche will ich schnell zurück in die Stadt und mir genauer ansehen, wovon ich heute Morgen eine Kostprobe bekommen habe.

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