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Türkei: Sonne und Bikini statt Schnee und Pelzmütze

Nein, es ist keine Fata Morgana: Direkt an der Türkischen Riviera existiert eine originalgetreue Nachbildung des Moskauer Kremls. Doch wo in Russland die Zaren residierten, dürfen sich heute in der Türkei Touristen zu Hause fühlen.

Roter Platz, die Sonne scheint bei 30 Grad. Ich liege am Swimmingpool und schaue auf die Zwiebeltürmchen der Sankt Basilius Kathedrale. Vorbei an Kreml-Palast und Bolschoi-Theater schlendere ich zum Strand. Das Wasser hat noch 20 Grad - ideal zum Baden. Schön, so ein Urlaub in der Türkei.Ja, ich weiß. Der Rote Platz liegt in Moskau, der Hauptstadt Russlands. Swimmingpool oder Strand sucht man dort weit und breit vergebens und selbst wenn man fündig würde, an Baden ist bei fünf Grad Celsius gar nicht zu denken. Trotzdem spinne ich nicht! Ich rede von einem Hotel an der Türkischen Riviera. Das "Kremlin Palace" ist vom Sockel bis zu den Zwiebeltürmchen eine originalgetreue Nachbildung des Moskauer Kremls, steht aber in Wirklichkeit cirka 30 Kilometer vom Stadtzentrum Antalyas entfernt in südlicheren Gefilden. Statt Schnee und Pelzmütze sind Sonne und Bikini angesagt.

Luxus ist Pflicht

Im Fünf-Sterne-Haus ist Luxus ist Pflicht: 874 exklusiv ausgestattete Gästezimmer, mehrere Restaurants und Bars, ein offener und ein geschlossener Swimmingpool, diverse Sport-Möglichkeiten und ein Türkisches Dampfbad sorgen dafür, dass sich jeder Gast fühlt wie Zar Peter der Große höchstpersönlich. Und das Beste: Ganz wie der Zar müssen Gäste für keine dieser Leistungen extra bezahlen. Vom Drink an der Bar bis zum Haarschnitt beim hoteleigenen Friseur ist wirklich alles im Pauschalpreis inbegriffen - wer eine Suite bucht, bekommt sogar einen eigenen Butler zur Seite gestellt.Den hätte ich mir auf der Suche nach meinem Zimmer auch oft gewünscht. Anfangs kam es nämlich mehr als einmal vor, dass ich mich in der weitläufigen Anlage verlaufen habe. Und falls Sie es immer noch nicht glauben: Ja, ich wohne sogar im Kreml! Dort wo in Moskau einst die Zaren residierten, befinden sich die Hotelzimmer. Das Historische Museum mit seinen zwei Türmen dient als Hotellobby, Konferenzzentrum und Frühstücksraum. In der Sankt Basilius Kathedrale sind drei Restaurants untergebracht und im Senat, wo in Moskau Präsident Putin das Land regiert, befindet sich die Diskothek. Von dort ist es nur einen Steinwurf zum hoteleigenen Strand.

Und was soll das Ganze?

Es ist ein Gag, der Touristen anlocken soll. Ein nicht ganz billiger noch dazu. Rund 100 Millionen US-Dollar hat die Hotelkette "World Of Wonders" investiert, um den Kreml an der Türkischen Riviera hochzuziehen. Die Anlage scheint den Geschmack der Besucher zu treffen, vor allem natürlich den der neureichen Russen. Während sich europäische Besucher nach dem Irak-Krieg in der Türkei eher rar gemacht haben, ist die Zahl der russischen Touristen stark angestiegen. So fließt der Wodka in den Hotelbars deshalb auch in Strömen. Trotzdem begegnen mir nachts auf dem Weg von der Diskothek zum Zimmer nur wenige Alkohol-Leichen - Russen sind eben doch trinkfester. Nur ein paar Holländer haben zu tief ins Glas geschaut. Die wenigen deutschen Besucher haben sich wohl schon in ihr Bett verkrümelt.

Fazit

Wer auf Club-Urlaub steht, findet im "Kremlin Palace" alles, was das "All Inclusice"-Herz begehrt. Die Restaurants sind hervorragend, das Personal sehr freundlich, einzig die Massenabfertigung im Frühstücksraum stört. Der Strand gehört exklusiv zum Hotel, wird allerdings durch hässliche Sonnenschutz-Vorrichtungen "verschandelt". Wer seinen Abend außerhalb der Anlage verbringen möchte, muss leider ein Taxi bezahlen, Shuttle-Busse nach Antalya gibt es nicht. Das "Kreml-Feeling" wird oft durch kleine Details gestört, etwa die Bahnhofshallen-Atmosphäre in der Lobby oder durch die riesige Rolltreppe zum Restaurant. Hier heißt es Nachsitzen - am besten in "Walt Disney World", damit die Illusion perfekt wird. Wer auf Kriegsfuß mit den Russen steht, sollte das Hotel besser meiden, denn die sind im "Kremlin Palace" klar in der Überzahl. Ich hoffe, dass sich deutsche Urlauber in ihren Hochburgen auf Mallorca und Co. nicht ähnlich benehmen.

Jens Maier

Wissenscommunity