HOME

Überwintern in der Arktis: Der Mann, der in die Kälte ging

Jürgen Kurapkat erfüllte sich einen Traum: Zusammen mit seiner Freundin lebte er acht Monate in einer Blockhütte in Kanada.

In ihrer Holzhütte mussten beide auf elektrischen Strom, Zentralheizung, Wasserklo und Highspeed-Internet verzichten. Dafür zählten Elche und Bären zu ihren Nachbarn.

Deutschland redet bereits vom Kälteeinbruch, wenn es schneit. Wie kalt war es in Kanada?

Wir haben einen relativ milden Winter erwischt: Die normalen Temperaturen lagen zwischen 20 und 30 Grad minus. Nur selten auch bei 40 Grad unter Null. Der Körper gewöhnt sich in wenigen Wochen an die Kälte. Bei minus 20 habe ich kaum noch Handschuhe getragen.

Schien wenigstens die Sonne?

Eher selten. Sechs bis sieben Wochen lang bekamen wir keinen einzigen Sonnenstrahl ab. Unsere Hütte lag geographisch, vergleicht man es mit Europa, etwa auf der Höhe von Trondheim – also südlich vom Polarkreis. Aber auf 1000 Meter Höhe. Selbst wenn die Sonne schien, sahen wir sie oft nicht, weil die umliegenden Berge sie abschirmten.

War das nicht deprimierend?

Könnte man denken. Aber wir empfanden es anders. Durch den Schnee war stets eine gewisse Grundhelligkeit vorhanden. Bei Vollmond konnte man nachts ohne Taschenlampe herumlaufen. In der Abgeschiedenheit gab es ja keine Fremdeinflüsse, die Nächte waren also sternenklar.

Wie lange dauert der Winter im Yukon?

Etwa bis Mai. Wir kamen im Juli an und begannen sofort, die Hütte winterfest zu machen. Im August fiel dann bereits der erste Schnee.

Andere Menschen flüchten vor dem Kälteeinbruch in wärmere Gefilde. Haben Sie eine Vorliebe für kalte Zonen?

Ich mag den Winter, weil er so echt ist und auf das Wesentliche zurückführt: Es geht darum, genug Essen zu bekommen, warm und trocken zu bleiben. Das Leben im Norden ist sehr elementar - das bringt eine gewisse Klarheit in den Kopf.

Sie bekamen über rund 240 Tage außer Ihrer Freundin keine Menschenseele zu Gesicht. Kommt da neben der Klarheit nicht irgendwann auch Langeweile auf?

So gut wie gar nicht. Wir wollten ja Ruhe finden. Und man macht einfach alles sehr viel langsamer, schläft länger, fährt den Rhythmus runter. Allein eine Stunde dauerte es, um die Hütte überhaupt warm zu kriegen. Dann hieß es Holzhacken. Oder wir machten einen Ausflug - Langeweile hatte da kaum eine Chance.

Wie verbrachten Sie die Abende?

Nach dem Essen haben wir meist Canasta gespielt...

…das klingt nicht eben romantisch.

Man philosophiert nicht jeden Abend, redet nicht ständig. Über was auch? Es passiert ja kaum etwas. Dafür kann man in Ruhe lesen, auch schwerere Werke. Ich schaffte sogar "Krieg und Frieden", das hätte ich in Deutschland nie durchgelesen.

Wie haben Sie sich mit Ihrer Freundin auf so engem Raum verstanden?

Ganz am Anfang gab es einen kleinen Streit, ansonsten kamen wir extrem gut miteinander aus. Es gab ja auch kaum Reibungspunkte oder Situationen, in denen man sich entscheiden musste. Wer, wie, wo - solche Fragen stellten sich erst gar nicht. In der Wildnis kann man sich höchstens darüber streiten, in welche Himmelsrichtung man wandert.

Hatten Sie überhaupt Kontakt zur Außenwelt?

Über ein Satellitentelefon konnten wir einmal pro Woche mit unseren Eltern E-Mails austauschen. Mehr hätte zu viel Strom verbraucht. Zur Sicherheit hatten wir noch ein klassisches Funkgerät. Beim abendlichen "Trapperfunk" trafen sich so sieben, acht Leute, die auch in der Wildnis lebten. Dabei ging es weniger um Weltnachrichten, sondern um Verletzungen, um das Wetter oder wer gerade die größten Nordlichter hat. Natürlich hätten wir auch einen Weltempfänger mitnehmen können. Und tatsächlich haben wir in der Situation nach Neuigkeiten gelechzt; andererseits hatten wir uns ja entschieden, Abstand zur Welt zu gewinnen.

Waren Sie bewaffnet?

Wir hatten ein Gewehr dabei und auch eine Lizenz, um Rebhühner oder Hasen zu jagen. Aber da kam gleich die klassische Diskussion auf: Muss das sein, nur um es mal auszuprobieren? Ich war dafür, meine Freundin dagegen, und sie setzte sich schließlich durch.

Dann gab es statt Frischfleisch nur Konserven und Astronautennahrung?

Ja, schon sehr viel Trockennahrung: Milchpulver, Eipulver, Käsepulver sowie reichlich Tomatenmark. Unser Klassiker waren Käsenudeln mit angebratenen Trockenwürstchen. Und als Nachtisch Brötchen mit Erdnussbutter, selbst gebacken mit Schamottesteinen auf dem Ofen - sehr kross und knusprig!

Nun sind Sie zurück im modernen Bayern, immerhin nahe der Alpen. Was haben durch Ihren Aufenthalt in der Wildnis-WG gelernt?

Rein technisch gar nichts, wir waren ja keine Novizen. Aber innere Ruhe zu entwickeln, nicht so schnell in Hektik zu verfallen. Dinge, die man hier allerdings auch schnell wieder vergisst. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier. Inzwischen empfinden auch meine Frau und ich null Grad wieder als saukalt.

Was empfehlen Sie für den Umgang mit der kalten Jahreszeit?

Man soll doch froh sein, wenn es ein richtiger Winter wird. Nur wenn wirklich Schnee und Kälte kommen, kann man sich auch aufs Frühjahr freuen. Ich rate möglichst viel raus zu gehen, auch mal jenseits der eingetreten Pfade im Wald zu laufen - vor der Kälte einfach nach drinnen zu flüchten, wäre jedenfalls schade. Erst die Unterschiede der Jahreszeiten sorgen doch für Spannung.

Interview: Roland Brockmann

Wissenscommunity