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Wandern: "Wanderlieder?Kein Problem"

Zwei Bücher lang hat Manuel Andrack beschrieben, wie es ist, allein auf Wanderschaft zu gehen. Diesmal hat er eine ganze Truppe anführen müssen – durch sein Heimat-Mittelgebirge, die Eifel.

Es gibt Leute, die erkennen mich auf der Straße und stellen eigentlich immer die gleiche Frage: „Herr Andrack, wandern Sie eigentlich immer noch, oder stellen Sie sich mittlerweile einer neuen sportlichen Herausforderung?“ Doch, doch, ich wandere immer noch. Warum auch nicht? Man bewegt sich, ohne sich zu sehr anzustrengen (im Idealfall), und sieht dabei noch jede Menge Natur. Und ich wandere natürlich auch in dem Bewusstsein, ein guter Mensch zu sein und nicht den Klimawandel durch unnötige Fernreisen zu beschleunigen. Wobei der Klimawandel für den Wanderer in deutschen Mittelgebirgen den Vorteil hat, dass es dort inzwischen richtig lecker warm ist.

Da es sich anscheinend herumgesprochen hat, dass ich so gern wandere, kontaktierte mich ein Veranstalter von Erlebnis- und Studienreisen. Ob ich nicht Lust hätte, eine Wanderreise durch die Eifel zu führen? Oh Gott, dachte ich, allein im Wald mit einer Gruppe von Nervensägen, die wie Kletten an mir hängen. Andererseits: Als geborener Katholik steckt in mir ein kleiner Missionar, der eine Menge Leute mit großartigen Eifelwandererlebnissen beglücken und bekehren könnte. Ich sagte zu. Im Juni traf ich in der Eifelmetropole Daun auf 16 Wanderfreunde aus der ganzen Republik; die Hälfte der Gruppe hatte sogar den weiten Weg aus Kiel gemacht, um die Eifel kennenzulernen. Das war in der Tat das Hauptmotiv der meisten Teilnehmer für diese Wanderreise. Sie hatten die Welt schon gesehen, waren in Bulgarien gewandert und in fünftausend Meter Höhe in Ecuador, sie hatten Namibia und Südafrika bereist, aber ein so exotisches Reiseziel wie die Eifel galt es noch zu entdecken. Das andere Reisemotiv war die sportliche Herausforderung.

"Wir führen doch das schlechteste Hotel der Welt"

Es gab Teilnehmer, die regelrecht wandern "lernen" wollten, andere hatten vor abzunehmen. Ich ahnte, dass das schiefgehen könnte, denn Wandern ist kalorientechnisch ein Nullsummenspiel: Was man verbraucht, kommt bei der Einkehr und spätestens am Abend wieder drauf. Von Daun ging es auf dem Lieserpfad, den ich in meinem Buch "Du musst wandern" als schönsten Wanderweg der Welt gepriesen habe, in südlicher Richtung nach Manderscheid. Die Gruppe wurde einem ersten Härtetest unterworfen, als es anfing zu regnen. Das heißt, erst regnete es, dann schüttete es. Ich bedauerte die Jeansträger, die nun total durchnässt durch die Wälder liefen. Ab der Üdersdorfer Mühle wurde es trockener, und alle hielten durch bis Manderscheid. Im Hotel wurden abends die ersten Duzangebote unterbreitet, und ich hörte öfter den Satz: "Wie bitte, du bist erst 42 Jahre alt? Da bist du ja jünger als meine Kinder." Um es deutlich zu sagen: Anette, die Reisebegleiterin des Veranstalters, und ich senkten den Altersschnitt der Gruppe gewaltig.

Der Besitzer des Hotels machte sich am nächsten Morgen keine Illusionen über die Qualitäten seines Etablissements. Als ich von einer erholsamen Nacht berichtete, fragte er erstaunt: "Gut geschlafen, in UNSEREM Hotel??? Bei uns sind die Wanderer meistens froh, um 5.30 Uhr wieder weitergehen zu können, wir führen doch das schlechteste Hotel der Welt." Ich hatte allen Teilnehmern vor der zweiten Tagesetappe von Manderscheid nach Wittlich ordentlich Angst gemacht: Brutale Steigungen würden sie erwarten, vor ihnen lägen 21 Kilometer fernab der Zivilisation. Und ich hatte vor aggressiven Mountainbikern gewarnt, die uns dann auch prompt nach drei Kilometern auf dem schmalen Pfad überholen wollten. Doch die meisten meiner Wanderschüler hatten ihre Lektion gelernt, die ich ihnen eingebläut hatte: Bloß nicht zur Seite gehen, wenn Mountainbiker kommen! Die älteste Teilnehmerin, Rita, beschimpfte überdies die Wald-Hooligans auf zwei Rädern aufs Übelste.

Der Wanderführer lief sich vier Blasen

Als die Mountainbiker weg waren, strahlte sie mich an: "Habe ich das nicht gut gemacht?" Sehr stolz waren meine Schützlinge, als sie hörten, was der Wirt der "Alten Pleiner Mühle" erzählte. Dank meiner Werbung für den Lieserpfad habe sich sein Umsatz erhöht. Vor allem die Tomatensuppe, die als "die berühmte Tomatensuppe" in der Speisekarte steht, finde reißenden Absatz, seit ich sie erwähnt hätte. Leider würden sich aber auch die Fälle von Wanderern häufen, die sich über- und den Weg unterschätzt hätten. Sie kämen ausgelaugt, dehydriert, teilweise mit vierjährigen, überstrapazierten Kindern in der Mühle an. Und nicht nur einmal habe er einen Krankenwagen holen müssen. Was hatte ich nur angerichtet! Andererseits, wenn Reinhold Messner die Schönheiten des Himalaya literarisch beschreibt, sollte man sich nicht direkt zu einer Mount-Everest-Besteigung aufmachen. Es braucht eben auch für den Lieserpfad im Herzen der Vulkaneifel eine gewisse Übung und Fitness.

Am Abend zählte ich am linken Fuß drei Blasen, am rechten eine. Peinlich, der Wanderführer lief sich vier Blasen. Ich beschloss, der Truppe nichts davon zu sagen. Ich hatte von einem Mitreisenden die Geschichte gehört, wie er einmal eine Segeltour als Kapitän angeführt hatte. Als sich herumsprach, dass sogar er als Kapitän bei schwerem Seegang anfing zu kotzen, ging es allen direkt doppelt so schlecht. Nein, wenn ich weiter meine Wanderführerautorität behalten wollte, musste ich weiterhin den starken Mann markieren. Denn man fühlte sich sehr sicher unter meiner Obhut, auch wenn ich nicht wie ein klassischer Reiseleiter aus dem Stegreif das Alter und die Geschichte jeder Kirche und jeder Burg kannte, an der wir vorbeigingen. Am dritten Tag verlangten einige plötzlich nach Wanderliedern. Man habe in den ersten beiden Tagen ja gar nicht gesungen. Kein Problem! Vor allem Rita beschallte kunstfertig mit perfekter Altstimme den Wald.

Das letzte große Abenteuer der Menschheit

Ihr Gesang ging Alexander dem Großen gewaltig an die Nerven – so hatten wir ihn genannt, um ihn von Alexander, dem Zahnarzt, zu unterscheiden. Er stürmte immer voran, um Rita nicht hören zu müssen. Auch vor Edith flüchtete er, weil die ihn so neckisch in die Wange kniff. Nach drei Tagen traten eben die kleinen Macken der Wanderer deutlich zutage. Eine organisierte Wanderreise ist ein bisschen wie das Wandern mit Kindern – ständig wird man gefragt, wie weit es noch ist und wie lange man noch bis zur nächsten Rast gehen muss. Dabei ist es ratsam, mit den Angaben über die Restwegeslänge maßlos zu übertreiben, da anschließend alle denken, ach, war doch gar nicht so schlimm. Das Problem des vierten Tages war, dass ich untertrieben hatte. Die Wanderstrecke entlang dem Elzbach war länger als vom Eifelverein angegeben und überdies viel anspruchsvoller, als ich es in Erinnerung gehabt hatte. Außerdem war das Kartenmaterial veraltet, und ich musste alle Scouting-Künste anwenden, um die Gruppe durch den Wald zu lotsen.

Vor allem zog sich jetzt das Teilnehmerfeld wie bei einer Bergetappe der Tour de France sehr auseinander. Vorn führte ich die Spitzengruppe und ließ mich immer wieder zu den Verfolgergrüppchen zurückfallen. Hinten kümmerte sich Anette als Krankenschwester um die Nachzügler. Schließlich schaffte es die gesamte Gruppe in fünf Stunden, an der Pyrmonter Mühle anzukommen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Und da ich froh darüber war, dass alle den strapaziösen Weg überstanden hatten, spendierte ich die Getränke der nachmittäglichen Einkehr. Ich hatte nicht gewusst, wie viel achtzehn Personen in einer Stunde trinken können! Spätestens, als sich wie eine großartige Fata Morgana die Burg Eltz (das ist die vom alten Fünfhundertmarkschein) vor uns majestätisch erhob, war die Qual vergessen. Alle waren nur glücklich. Und ich war froh, dass sich meine Befürchtungen über eine Wandergruppenreise nicht bestätigt hatten. Ich hatte viele interessante Gespräche geführt und viel gelernt. Und alle waren erfreut, das letzte große Abenteuer der Menschheit mit Begeisterung erlebt zu haben: eine Wanderung durch die Eifel.

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