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Behinderter 400-Meter-Läufer Pistorius: Der "Blade Runner" geht an den Start

Oscar Pistorius läuft mit Prothesen - und hat sich dennoch das Recht erstritten, bei der Leichtathletik-WM in zu starten. Die einen halten das für eine Errungenschaft, andere für Verrat am Sport.

Von Susanne Rohlfing, Daegu

Der Andrang ist bei beiden ähnlich, aber unterschiedlicher könnten die zwei Männer, um die es geht, kaum sein. Usain Bolt arbeitet daran, eine Legende zu werden. Oscar Pistorius, der Südafrikaner, will einfach nur Athlet sein. Bolt weiß, was passiert, wenn er irgendwo auftritt. Pistorius kennt seine eigene Wirkung noch nicht. Bolt tanzt und singt, wenn Kameras auf ihn gerichtet werden. Pistorius lächelt etwas schüchtern in das Blitzlichtgewitter. Bolt ist der schnellste Sprinter der Welt. Pistorius ist der erste Mann ohne Beine, der sich über die Stadionrunde mit den Besten der Welt messen darf.

"Ich kann es immer noch nicht glauben"

Für Usain Bolt, den Weltrekordhalter über 100 und 200 Meter, war kurz vor dem Start der Leichtathletik-Weltmeisterschaften im südkoreanischen Daegu von seinem Sponsor ein Theatersaal gemietet worden. Dort hielt er Hof und sagte selbstbewusst in die Mikrophone, dass er jetzt bei der WM gewinnen wolle und nächstes Jahr bei den Olympischen Spielen. Seiner Ansicht nach sei er erst dann eine Legende.

Auch Oscar Pistorius, der Gewinner von vier paralympischen Goldmedaillen, hat einen namhaften Ausrüster. Der jedoch verkalkulierte sich mächtig, als er für die Vorstellung Pistorius' lediglich einen kleinen Hotel-Konferenzsaal anmietete. Dieser war sehr schnell sehr voll, so dass die emsigen Helfer bald die Türen schlossen. Die Sicherheitsauflagen würden verletzt, sagten sie. So herrschte draußen Entrüstung und drinnen Gedränge. Pistorius bahnte sich mit beschwingten Prothesen-Schritten einen Weg auf das Podium. Er machte große Augen und sagte: "Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich teilnehmen darf."

"Dann zählt nur noch der Wille"

Dann erzählt er, was ein Spitzensportler vor einem großen Wettkampf eben so erzählt. Das Training sei hart gewesen, die richtige Ernährung wichtig, Konzentration die größte Herausforderung. Und er spricht über seinen ersten WM-Start am Sonntag, darüber, wie nach 300 Metern alle kaputt sein werden. "Dann zählt nur noch der Wille." So sieht es Pistorius. Er ist einer von vielen 400-Meter-Läufern. Er trainiert wie sie, er isst wie sie, er leidet wie sie. Tatsächlich aber ist Oscar Pistorius nun mal der erste 400-Meter-Läufer, der trotz Prothesen mit der Weltelite mithalten kann. Er läuft auf zwei federartigen Carbon-Stelzen mit Namen "Cheetah", dem englischen Wort für Gepard. Das macht seinen Fall so speziell. Und so umstritten.

Oscar Pistorius wurde mit durch einen Gendefekt deformierten Unterschenkeln und Füßen geboren. Sie wurden ihm amputiert, er wuchs mit Prothesen auf. Für ihn war es völlig normal, damit Sport zu treiben. Fußball, Rugby, alles Mögliche. Schließlich wurde er Leichtathlet. Und irgendwann war er schnell genug, um von den Olympischen Spielen in Peking zu träumen. Den echten, nicht den nebenbei auch noch stattfindenden mit einem "para" davor.

Startrecht per Gerichtsbeschluss

Doch der Leichtathletik-Weltverband IAAF vermutete, dass er durch seine Prothesen einen unfairen Vorteil gegenüber den Athleten mit zwei natürlichen Beinen haben könnte. Also musste Pistorius seine Geparden-Beine testen lassen. Der Kölner Biomechaniker Gert-Peter Brüggemann bestätigte die Vermutung der IAAF. Die Carbon-Prothesen des "Blade-Runners", wie Pistorius sich selbst nennt, hätten einen geringeren Energieverlust als der menschliche Fuß, Pistorius ermüde durch die deutlich geringere Muskelmasse weniger schnell und habe einen geringeren Sauerstoffverbrauch, erklärte Brüggemann. Dadurch könne er auf den letzten 100 Metern schneller laufen als alle anderen. Womit ihn hier nicht nur sein Wille, sondern auch seine Prothesen nach vorn katapultierten.

Pistorius zog weitere Gutachter hinzu, die zu anderen Ergebnissen kamen und ging vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS. Dort kam man zu dem Schluss, dass die Vorteile durch Nachteile wie einen langsameren Start, eine sehr windanfällige Balance und große Rutschgefahr bei Regen nicht aufgewogen werden könnten. Die Richter beschlossen, dass Pistorius bei den Nichtbehinderten starten darf. Bis heute steht die Frage im Raum, ob das Gericht tatsächlich den Regeln entsprechend oder aus Angst, einen Behinderten zu benachteiligen, entschieden hat.

Symbolfigur des Behindertensports

Zunächst war das egal. Denn der Südafrikaner qualifizierte sich weder für Olympia 2008 noch für die WM 2009. Erst vor wenigen Wochen steigerte er sich auf 45,07 Sekunden und knackte die Norm für Daegu. Jetzt kocht die Diskussion wieder hoch. Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), sagt: "Bei aller Wertschätzung für Pistorius, aber durch seinen Start verliert die Leichtathletik ihre Identität. Leistung ist nicht mehr die Summe aus Talent und Training." Weil Technik ins Spiel kommt. Pistorius will den Gutachtern glauben, deren Testergebnisse in seinem Sinne waren. "Für mich war es wichtig, sicherzustellen, dass ich keinen Vorteil habe", sagt er. Und: "Was ich auf der Laufbahn erreiche, sind keine Resultate der Technik, ich weiß, wie hart ich dafür arbeite." Usain Bolt will mehr als ein Athlet sein, er will eine Legende werden. Oscar Pistorius ist längst viel mehr als ein einfacher Sportler. Er gilt als Symbolfigur des Behindertensports. So richtig geheuer ist ihm das nicht. Er wünscht sich einen unbeschwerteren Umgang mit behinderten Menschen, das ja. Er will nicht, dass sie gefragt werden, ob sie Hunger haben, nur weil sie im Rollstuhl sitzen. "Man sollte nicht zu schüchtern sein, um über Behinderung zu reden", sagt er. Und spricht selbst doch viel lieber über seinen Sport. Er will laufen. Jetzt in Daegu. Und nächstes Jahr in London. Das zumindest hat er mit Usain Bolt gemeinsam.

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