FORMEL 1 »Mit Temperament und Tränen«


Giovanni Trapattoni, der Deutschen liebster Italiener, über den angesehensten Deutschen in Italien

Der Volksmund in meiner Heimat sagt: »Die Italiener achten die Deutschen, aber sie lieben sie nicht; die Deutschen dagegen lieben die Italiener, aber achten sie nicht.« Zu Beginn der Zusammenarbeit zwischen Ferrari und Michael Schumacher bekam dieses Klischee neue Nahrung. Weil Schumacher uns nicht hätte deutscher erscheinen können; und weil Ferrari nicht italienischer sein könnte. Aber längst hat dieser außergewöhnliche Sportler auch die Sympathien der Italiener gewonnen. Sein zweiter WM-Titel mit Ferrari bestätigt nur das, was viele Tifosi im vergangenen Jahr schon dachten: »Maikel«, wie wir ihn hier aussprechen, kann nicht nur der kühle Erfolgsstreber sein, sondern auch all?italiana fahren und feiern: mit Temperament und Tränen.

Den Ritterschlag hat er eh schon erhalten.

Hinter Ferrari steht die Familie Agnelli. Sie ist so etwas wie Italiens Ersatzmonarchie. Und was Fiat-Patriarch Gianni Agnelli sagt, wiegt schwerer als jedes andere Wort. Er hat mir anvertraut, was er über seinen wichtigsten Angestellten bei Ferrari denkt: »Er ist ein großer Fahrer und ein sehr intelligenter Junge.«

Dennoch begegnen einige in unserem Land

Schumacher gegenüber nach wie vor skeptisch. Da wäre zum Beispiel die Sache mit den Hymnen. Das Lied der Deutschen hört sich Schumacher meist mit geschlossenen Augen an. Wenn hingegen »Fratelli d?Italia« erklingt, reißt er schon mal die Augen auf und dirigiert etwas linkisch seine Mechaniker und die Zuschauer. Nach dem WM-Sieg im vergangenen Jahr in Suzuka waren einige meiner Landsleute darüber höchst empört und fragten: »Wie kann er unsere Hymne so behandeln? Sie ist doch keine Operette!« Und der frühere Staatspräsident Francesco Cossiga polterte: »Der Titel für Schumacher bedeutet mir gar nichts. Ich denke, dass das ruhmreiche Ferrari-Team den Titel gewonnen hat und nicht ein unverschämt überbezahlter kleiner Junge.«

Das ist Polemik.

Nicht jeder meiner Spieler singt die Hymne mit, einige kennen nicht mal den Text. Sie werden dafür kritisiert - aber trotzdem von den Fans geliebt. Und Schumacher hat sich die Schelte zu Herzen genommen. Als in Budapest unsere Hymne gespielt wurde, hörte er fast andächtig zu. Was sich die Italiener wirklich von Schumacher noch wünschen: Er möge unsere Sprache lernen. Selbst wenn er nur einige Sätze auf Italienisch spricht, rührt das meine Landsleute ungemein. Weil es ihnen den Eindruck vermittelt: Schumacher bewegt sich noch weiter auf sie zu. Ich weiß, wie schwer das ist. Mein Gott, was habe ich mir damals beim FC Bayern München für Mühe gegeben, aber diese verflixten deutschen Verben...

An seiner Klasse als Fahrer gab es bei Schumacher nie Zweifel

. Er ist einer der größten Champions im Sport. Ferrari ist der bedeutendste Rennstall der Welt. Und wer auch immer diesen Wagen erfolgreich fährt, wird verehrt wie ein Gott. Zumindest in Italien. Das liegt an der Kraft dessen, was wir hier Mysterium nennen, den Mythos der roten Flitzer. Für die Deutschen ist die Ferrari-Leidenschaft der Italiener kaum nachvollziehbar. Ich gebe zu, dass unsere Verehrung auch etwas Irrationales hat.

Und selbstverständlich gehöre auch ich zu den Ferraristi.

Ich schaue mir die Rennen an und schätze Michael Schumacher sehr. Als Mensch, als Fahrer sowieso - und auch als Fußballer. Ich habe ihn bei zahlreichen Benefizspielen kennen gelernt. Mal spielen wir zusammen in einer Mannschaft, mal gegeneinander, mal bin ich sein Trainer. Wenn wir uns sehen, unterhalten wir uns ein wenig auf Deutsch, ein wenig auf Italienisch. Ein sehr lustiger Sprachenmix.

Er liebt den Fußball, diese etwas pathetische Bemerkung

sei mir gestattet. Neben Giancarlo Fisichella ist Schumacher der beste Spieler in der Formel-1-Szene. »Maikel« ist schnell, er hat auch einen guten Torinstinkt. Und kann ein Spiel interpretieren, die nächsten Züge erahnen.Er ist beim Fußball immer motiviert. Ein Musterprofi auf der ganzen Linie. Und auch deshalb bin ich mir sicher, was die nächste Formel-1-Saison betrifft: Maikel hat noch lange nicht fertig.


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