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Formel-1-Kolumne: "Hamilton, du weinerlicher Schwindler"

Der Doppelerfolg von Ferrari in einem mäßigen Rennen sorgt für viel Dampf in der Weltmeisterschaft. Alle vier Spitzenfahrer haben noch Chancen auf den Titel. Wie vergiftet die Atmosphäre bei McLaren-Mercedes ist, machten nicht nur Alonso-Fans deutlich.

Von Elmar Brümmer, Istanbul

Die Luft war raus aus dem rechten Vorderreifen von Lewis Hamilton, und plötzlich ist über die In-Team-Feindschaft bei McLaren-Mercedes hinaus fünf Rennen vor Saisonende wieder Dampf in der Formel-1-Weltmeisterschaft. Beim Ferrari-Doppelerfolg durch Felipe Massa und Kimi Räikkönen war Fernando Alonso ein lachender Dritter. Aber im modernen Vierkampf wird es jetzt erst richtig ernst.

Lewis Hamilton, der sich im Istanbul Park als Fünfter ins Ziel schleppen konnte, hätte auch nicht mehr als Dritter werden können - jetzt fehlen ihm zwei Pünktchen. Und die könnten am Ende entscheidend sein. Fernando Alonso, der Profiteur, ahnt schon jetzt: "Die Chance für alle vier ist noch da. Der Glücklichere wird gewinnen." Hamilton führt in diesem Auto-Quartett mit 84 Zählern vor Alonso (79), Massa (69) und Räikkönen (68). Die Handbewegungen auf dem Siegerpodest waren sehr typisch: Massa hob die Faust, Räikkönen die Hand, Alonso den Daumen. Hamilton dürfte die Hände nur vors Gesicht geschlagen haben...

"Hamilton, Du weinerlicher Schwindler"

Wie vergiftet die Atmosphäre bei McLaren-Mercedes ist, dokumentierten in der Öde der türkischen Rennstrecke die spanischen Plakatmaler auf der Tribüne. Sie wollen nicht wahrhaben, dass ihr Idol Alonso mit seinen verbalen Hinterhalten gegen den Kollegen Hamilton und vor allem gegen das Team auf dem besten Weg ist, sich in der Silberpfeil-Fraktion die letzten Sympathien zu verscherzen. Sie titelten mit der Heftigkeit von User-Kommentaren: "Du hast Ihnen zum Siegen verholfen, sie lassen Dich verlieren!" - "Wer Krähen züchtet, dem werden die Augen ausgehackt" - "Ron, wo bleibt die Gerechtigkeit?" - "Hamilton, Du weinerlicher Schwindler, Du wirst Dein Leben lang ein Verlierer bleiben." - "Massa, steh dem Champion nicht im Weg!"

Nicht alle Verfluchungen trafen an diesem heißen Nachmittag ein, Alonso ging wie benebelt in die erste Kurve - und eigentlich war sein Rennen schon vorbei, als er hinter beide BMW zurückfiel. Die fing er bei den Boxenstopps ein, und hängte sich hinter Hamilton. Allerdings mit dem gebührenden Abstand von 20 Sekunden. Sie konnten sich eigentlich nicht in die Quere kommen, bis Hamilton in der 43. von 58 Runden der Reifen explodierte.

Alonso hat keinen Frieden mit den Briten geschlossen

Der schiefe Haussegen bei McLaren-Mercedes kann den Ausschlag im enger gewordenen Titelrennen geben - genau darauf kann Ferrari die größten Hoffnungen setzen. Symptomatisch ist die Szene nach der Siegerehrung, als McLaren-Teamchef Ron Dennis Alonso die Hand schütteln will, und sein Chauffeur sich schnell wieder wegdreht. Zu mehr als einem Schulterklopfen reicht es nicht. Alonso hat also immer noch keinen Frieden mit den Briten geschlossen, er fordert für seine Arbeit neben den angeblich 20 Millionen Euro Jahressalär eine bessere Behandlung. In der derzeitigen WM-Situation wird ihm diese sicher nicht gewährt - Hamilton hat mindestens so gute Chancen. Bei Ferrari, wo jahrelang die Nummer eins festgeschrieben war, ist ebenfalls noch keine Stallorder zu erwarten. Dass Räikkönen den führenden Massa in Istanbul mehrfach auf der Piste angreifen durfte (ohne eine echte Überholchance zu haben), spricht für den Kampf mit offenem Visier. Solche Aktionen tun auch bitter Not. Sonst droht dem Publikum nicht nur die Überhitzung wie in der Türkei, sondern eher das Einschlafen. Und das jetzt, wo es so richtig spannend zu werden verspricht. Bei noch maximal 50 zu vergebenden Zählern heißt es: Rechenschieber rausholen! Auch wenn der Druck nicht so kalkulierbar ist wie die WM-Punkte.

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