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Formel 1: Liebe auf den ersten Dollar

Die Formel 1 feiert am Wochenende Premiere: Das unter Flutlicht ausgetragene Nachtrennen von Singapur elektrisiert eine ganze Szene. Und alle profitieren sie von der unwirklichen Spätvorstellung: Piloten, die Glamour-Girls der Fahrer und sogar Begleitservice-Agenturen.

Von Elmar Brümmer, Singapur

Und die im Dunkeln, die sieht man... doch. Mit Brecht braucht man bei der ersten Nachtschicht der Formel-1-Weltmeisterschaft an diesem Wochenende in Singapur gar nicht kommen: 3000 Lux Lichtleistung, viermal so hell wie herkömmliches Fußball-Flutlicht, sorgen für die Erleuchtung beim Großen Preis. Die Stromrechnung spielt keine Rolle, Singapur ist voller Energie, bei der doppelten Premiere in der Stadt und in der Nacht. 100 Millionen Euro haben - pünktlich zum 800. Grand Prix der Renngeschichte - aus der verrückten Idee vom Mai 2007 bis zu diesem Wochenende einen von Rennwagen prinzipiell befahrbaren Asphaltdschungel im Stadtstaat schaffen.

"Es gibt so viele Kurven, die scheinen gar nicht mehr aufzuhören", sagt BMW-Pilot Nick Heidfeld nach der mitternächtlichen Begehung der fast genau fünf Kilometer langen schiefen Acht in Downtown Singapur. Zum Kampf mit der inneren Uhr bei sechs Stunden Zeitverschiebung gesellt sich das Fahren gegen den Uhrzeigersinn. Der eigene Bioryhthmus muss besiegt sein, wenn die Qualifikation am Samstag um 22 Uhr Ortszeit und das Rennen am Sonntag um 21 Uhr gestartet wird. Alle versuchen sich möglichst lange wachzuhalten, Formel-1-Veteran David Coulthard kommentiert das auf gewohnte Art: "Ich habe meine Freundin dabei, ich nutze die Zeit im Schlafzimmer..." Hallo, Nachtarbeiter! Den Kopf in den Nacken gelegt und gen Nachthimmel gerichtet, die Augen zusammengekniffen, als sie die grellen Flutlichter erfassen - so steht Bernie Ecclestone ganz allein auf der Start- und Zielgeraden. Das Kunstlich verleiht dem silbernen Haarschopf des Grand-Prix-Zampanos eine glänzende Aura. Glänzende Geschäfte mit dem ersten Nachtrennen in der Formel-1-Geschichte hat der Brite ohnehin schon gemacht. Jetzt macht er selbst die Nacht zum Tage, und überprüft die Inszenierung. Die erste Nacht ist, wie im richtigen Leben, immer eine Prestigeangelegenheit. Dann geht plötzlich das Licht aus, aber nirgends bricht Hektik aus: Der zehnminütige Blackout ist Teil der Generalprobe. Nur die Bombendrohung in der BMW-Garage war echt, aber harmlos.

Wenn man sich in Singapur auf etwas verlassen kann, dann ist es die Kulisse. Wo Nachtclubs unter dem Motto "Klinik" die Gäste in Rollstühle setzen und mit Blutbeuteln versorgen, nebenan Weihnachtsschmuck im Erzgebirgehaus zu erwerben ist und nur eine Tür weiter die "Verbotene Stadt" aufgebaut ist, muss auch das Rennspektakel stimmen. Vielleicht denkt die Bevölkerung auch, dass der Grand Prix in der Sonntagnacht nur eine einzige große Videosimulation ist. Europa bekommt Plastikspielzeuge aus Fernost, Asien dafür den rasenden Exportartikel Formel 1. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Die Nachtsafari im Asphaltdschungel mit ihren 23 Kurven wurde dementsprechend die "Runde der Götter" getauft. Bei der strahlenden Premiere, die Singapurs Image einer langweiligen Finanz- und Flughafenstadt aufpolieren soll, ist nichts so, wie die Formel 1 es gewohnt ist. Von den vier Millionen Einwohnern interessiert sich die Mehrheit nicht für das PS-Spektakel, nur die Nachtbaustellen über den ganzen Sommer hinweg waren auffällig - da wurde der Kurs, der über zwei Brücken, unter der Haupttribüne und einer Shopping Mall hindurch führt, frisch geteert. Normalerweise reist die Formel-1-Gemeinde mit leicht spöttischer Herablassung an einen neuen Austragungsort (Singapur ist der 66. neue Grand Prix in 58 Jahren) und erntet Staunen - diesmal aber scheint sich das umzudrehen.

Innerhalb von anderthalb Jahren wurde rund um das höchste Riesenrad der Welt eine einzigartige City-Piste geschaffen. Dunkelheit und Wolkenkratzerkulisse verstärken die Wirkung noch, und das ist auch der tiefere Sinn der Veranstaltung: Die Übertragungen zur besten Prime-Time-Zeit in Asien und zur gewohnten Sonntagmittagsstunde in Europa sollen eine Art Dauerwerbesendung für die Attraktivität des Stadtstaates sein. 50 Millionen Euro Umsatz sollen am Wochenende mit der Formel-1-Gemeinde gemacht werden. Das funktioniert natürlich nur, wenn alles gut geht. Die Unwägbarkeiten kennt vor dem ersten Training am Freitagabend in der Dämmerung niemand - ob tatsächlich mehr überholt wird wie kürzlich beim ebenso spektakulär angekündigten Hafenstadt-Rennen in Valencia, und ob alles so glatt läuft wie in Spanien, das ist bisher nur eine Hoffnung. Die Veranstalter glänzen damit, dass der Raffles Boulevard so gut ausgeleuchtet sei, das ein A 380 von Singapore Airlines dort landen könne. Und wirklich: von oben betrachtet erinnert das leuchtende Geschlängel entlang der Marina Bay an den Taxiweg eines Flughafens. Wenn schon Spektakel, dann richtig. In einer Stadt, die sich auf ein Fabelwesen - den Meer-Löwen - gründet, ist keine Idee zur Unterhaltung zu verrückt. Das ist Singapur-Mentaliät, das ist Formel-1-Charakter - und deshalb verstehen sich die neuen Partner auch auf Anhieb so blendend: Es war Liebe auf den ersten Dollar.

Und alle profitieren sie von der ebenso unwirklichen wie unheimlich faszinierenden Spätvorstellung:

Singapurs Hoteliers haben die bisher bekannten Schamgrenzen freundlich lächelnd überschritten, die Begleitservice-Agenturen rufen Stundenpreise zum Basistarif von 750 Euro auf, die Riesenradfahrt am Renntag kostet - samt Champagner - 250 Euro, und in den Bäckereien gibt es Ferrari-Croissants mit Schokoladen-Reifchen. Wachstum, Wachstum, bis man sich selbst überholt. Ideen kommen den Geschäftsleuten der Finanzmetropole im Formel-1-Tempo, und das Prinzip des Fahrerlagers haben auch alle verinnerlicht: Was teuer ist, muss gut sein. Neuwagen werden in Singapur grundsätzlich mit 127 Prozent Steuer belegt. Dagegen ist die Formel 1 doch ein Schnäppchen. Beinahe.

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