Formel-1-Sieger Vettel Der Regentänzer mit dem Weltmeister-Gen


Mit einem Auto ohne Doppel-Diffusor ist das deutsche Männlein-Wunder Sebastian Vettel in Shanghai unter grenzwertigen Bedingungen zum Sieg gerast. Der sensationelle Fahrstil begeistert die ganze Formel 1, der Vettel-Faktor ist an allen Ecken und Enden zu spüren.
Von Elmar Brümmer, Shanghai

Zwei Deutsche bestimmten den dritten Grand Prix der Saison, den zweiten hintereinander, der ins Wasser gefallen ist: Zunächst Safety-Car-Pilot Bernd Mayländer, der wegen des schmutzigen Regens von Shanghai die ersten neun Runden das Starterfeld an der Nase herumführte - und anschließend unter kaum besseren Sichtverhältnissen Sebastian Vettel. Der Heppenheimer fuhr seinen zweiten Formel-1-Sieg, den ersten für Red Bull Racing so ein, wie er im letzten Jahr in Monza sein Debüt auf dem Podium gefeiert hatte: Mit einem einzigartigen Regentanz von der Pole-Position aus. Übrigens mit einem Auto ganz ohne Doppel-Diffusor und KERS. Dafür mit einem Piloten, dessen Wille, Weltmeister zu werden, mit der Stärke des Energiedrinks zu vergleichen ist, für den er Werbung fährt.

Eine rasende Emanzipation, die der Spaßvogel der Boxengasse ("Gegen Größenwahn bin ich immun mit meinen 1,74 Metern") in dem ihm eigenen Tempo auf dem rutschigen Parkett des Shanghai International Circuits hingelegt hat. Beinahe fröhlich kommentierte er vom ersten Startplatz aus den Blick in die Gischt: "Das geht doch ganz gut... " Auch eine Art trockener Humor. Vergessen, dass kann der 21-Jährige beinahe noch schneller als Rennfahren. Zum Beispiel die Umstände vom Samstag vor dem Großen Preis von China, als morgens eine gebrochene Antriebswelle am blau-rot-gelben Renner von Vettel festgestellt wird. Für die Ermittlung der Startaufstellung ist Schonung angesagt, in jedem Abschnitt fährt Vettel nur für eine schnelle Runde aus, und das immer kurz bevor die Zeit abläuft. Reine Nervensache, unheimliche Effizienz: Am Ende steht er vor Alonso und seinem Teamkollegen Mark Webber. Und hat nur die Hoffnung: Hält der Bolide - und wie lange?

Adrian Newey bastelt schon am Doppel-Decker

Die Sorgen schwimmen schnell davon, das neue deutsche Männleinwunder in der Formel 1 führt unter den grenzwertigen Bedingungen vor, was Umsicht bei Nicht-Sicht heißt: In Manier der bisher so überlegenen Brawn-Mercedes steuert er um Pfützen und Gegner herum, und schafft es auch ganz elegant an WM-Tabellenführer Jenson Button vorbei, als dieser sich nach einem Boxenstoppreigen vorübergehend mal den Platz ganz vorn gesichert hatte. Vor zwei Jahren hatte Vettel an gleicher Stelle unter nicht ganz so dramatischen Witterungsbedingungen zum ersten Mal das ganze Formel-1-Establishment aufgemischt, als er mit dem Toro Rosso von Rang 17 auf vier vorgefahren war. In der 300. Formel-1-Sendung von RTL zog den besonderen Umständen entsprechend Grantler Niki Lauda freundlich sein Kapperl: "Der Vettel ist noch lange nicht am Limit, der wird noch besser. Er entwickelt sich fast selbständig weiter. Das macht ihn so stark." Vettels Telefonkumpel Michael Schumacher reichte ein Wort als Lobeshymne: "Grandios!"

Der Mann, den Vettel seinen optimal abgestimmten Boliden zu verdanken hatte, der etwas schrullige, aber geniale englische Rennwagen-Konstrukteur Adrian Newey erlebte die Erfüllung seines Traums zuhause in England, wo er am antiquierten Zeichenbrett bereits den kompletten Umbau des RB 5 in Angriff nimmt, und Vettel möglichst schnell mit dem wundersamen Doppel-Decker am Heck ausstatten will. Der hat schließlich Morgenluft gewittert jetzt, wie der ganze Rennstall mit der Dose. Red-Bull-Teamchef Christian Horner ist nicht nur über den ersten Sieg in der vierjährigen Teamgeschichte oder über den sensationellen Fahrstil seines Neuzugangs begeistert, er spürt den Vettel-Faktor an allen Ecken und Enden: "Sein Enthusiasmus und seine Arbeitsauffassung haben das ganze Team beflügelt. Und er holt auch das beste aus Mark Webber raus." Stimmt, der wurde Zweiter. Das ist auch die Position, die der Rennstall jetzt einnimmt. Unter diesen Umständen dürfen auch Rennfahrer mal Kusshändchen vom Podium aus werfen, oder ihren Dienstwagen zärtlich streicheln... Sie bleiben dabei Männer. Regen-Männer.


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