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Schumi-Finale: Vier gewinnt

Michael Schumacher hat nach seinem letzten Formel-1-Rennen seinen Seelenfrieden gefunden - auch wegen eines dramatischen Überholmanövers. Ein Schlüsselerlebnis mit bleibendem Charakter. Nicht nur für ihn, sondern für die ganze Branche.

Von Elmar Brümmer

Eigentlich hätte Fernando Alonso allen Grund, nach diesem Finale seine Formel-1-Karriere zu beenden: Er ist der jüngste Titelverteidiger der Formel-1-Geschichte, und das, was ihm mit seinem zweiten WM-Sieg in Folge gelungen ist, lässt sich nicht mehr wiederholen: Ein Erfolg über Michael Schumacher.

Umgekehrt fragen sich nach der grandiosen Abschiedsvorstellung Schumachers in Brasilien nicht nur Experten wie Hans-Joachim Stuck: Kann man wirklich glauben, dass so einer aufhören wird - so wie der Mann in seinem 250. Grand Prix gefahren ist? Muss man wohl. Wohl? Eher übel. Der vierte Platz in Interlagos mag in der von Rekorden nur so strotzenden persönlichen Erfolgsstatistik nachgeordnet sein. Und trotzdem zeigt er das, was Manager Willi Weber formuliert: "Michael hat gezeigt, dass er der Größte ist. Dazu musste er gar nicht gewinnen."

Volles Risiko bis zur letzten Kurve

Vor allem das Manöver zwei Runden vor Schluss ist die Versöhnung mit allem technischen Pech, das den sonst so zuverlässigen Ferrari ausgerechnet in den beiden entscheidenden Läufen um den achten Titel verfolgt hat. Nach dem frühen Reifenplatzer vom letzten Platz aus wieder ins Rennen gegangen multipliziert sich der Schumi-Faktor ein letztes Mal während einer bravourösen Aufholjagd, kämpft sich der angehende Formel-1-Rentner auf den fünften Rang vor, macht 70 Sekunden gut. Fürs Podium wird es nicht mehr reichen, das weiß er. Er selbst könnte zwar noch ewig so weiterfahren, aber in zwei Minuten wird das Finale abgewunken, Felipe Massa und Fernando Alonso sind längst über alle Berge. Direkt vor ihm liegt jetzt Kimi Räikkönen, und für Gastgeschenke ist der Finne nicht bekannt. Zumal es ein Zweikampf mit Prestigecharakter ist: Räikkönen wird im kommenden Jahr das von Schumacher verlassene Cockpit bei Ferrari übernehmen. Auch wenn es rasend zugeht, ist die Symbolik klar. Vor allem Schumacher. Ein letztes Mal riskiert er alles, findet einen Weg am Silberpfeil vorbei, wo es eigentlich keinen gibt. Der düpierte McLaren-Pilot versucht später zu relativieren, dass ihn Schumacher vor den Augen von 14,8 Millionen deutschen Fernsehzuschauern versohlt hat: "Ich wünsche ihm ein glückliches Leben…".

Schlüsselerlebnis mit bleibendem Charakter

Die Bedeutung des dramatischen Überholmanövers wird erst unter Einbeziehung der Rennfahrer-Psyche richtig klar. Auf der Strecke hat Michael Schumacher mit diesem Akt seinen Seelenfrieden gefunden: Der Mann, der seit Sonntagabend Formel-1-Vergangenheit ist, konnte auf den letzten Drücker nicht nur seinen Ehrgeiz befriedigen - er hat nebenbei auch noch die Zukunft besiegt. Ein Schlüsselerlebnis mit bleibendem Charakter nicht nur für ihn, sondern für die ganze Branche. Michael Schumacher hat mit aller Kraft einen roten Schlusspunkt hinter eine einzigartige Karriere gesetzt. Ach was, ein Ausrufezeichen. Vier gewinnt.

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