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Spionage-Tribunal: Das Rennen um den guten Ruf

Eine Eins mit acht Nullen, das ist selbst in einer vom Mammon getriebenen Sportart wie der Formel 1 eine auf Anhieb nur schwer vorstellbare Summe. Selbst wenn es mit McLaren-Mercedes keinen Armen trifft: Das Urteil in der Spionage-Affäre ist ein Schlag ins Kontor des Motorsports.

Von Elmar Brümmer, Spa-Francorchamps

Es war mit Abstand das längste Rennen der Saison, es wurde am Grünen Tisch ausgetragen - und der große Verlierer sind die Silberpfeile. Der Motorsportweltrat des Automobilweltverbandes FIA hat am Donnerstagabend nach einer zehnstündigen Sitzung am Place de la Concorde in Paris den britisch-schwäbischen Rennstall im Prozess um die Nutzung von Ferrari-Geheiminformationen für schuldig befunden. Das Urteil: 100 Millionen Dollar Geldstrafe, Aberkennung aller Punkte in der Konstrukteurspunkte. Teamchef Ron Dennis bestreitet die aktive Spionage weiterhin.

Beinahe trotzig trugen am Morgen danach die Teammitglieder ihre einheitlich weißen T-Shirts beim ersten Training zum Großen Preis von Belgien. Von einem "Schock für alle" hatte Mercedes-Sportchef Norbert Haug in einer ersten Stellungnahme gesprochen. Ob es sich tatsächlich um ein "Skandalurteil" handelt, lässt sich erst bewerten, wenn im Laufe des Freitags die Urteilsbegründung veröffentlich wird. Die Verlierer der Anhörungsrunde bleiben bei ihrer Auffassung, dass kein Ideengut der Italiener benutzt wurde.

Die sportliche Strafe erscheint nicht minder heftig: In der laufenden Saison verliert der WM-Tabellenführer alle Punkte in der Konstrukteurs-Wertung. Der Verlust dieses McLaren fast sicher gewesenen Titels ist für die Ehre des Teams und des Motorenpartners Mercedes zwar bitter, aber diese Wertung wird für gewöhnlich von der Öffentlichkeit nur dann wahr genommen, wenn die Automobilhersteller die entsprechende Werbung schalten. In einer Hinsicht aber ist die Markenmeisterschaft wirklich wichtig: Anhand ihrer Rangfolge werden am Saisonende prozentual die Vermarktungseinnahmen der Formel 1 ausgeschüttet. Der erste Platz dürfte gut 50 Millionen Dollar und mehr wert sein. Die FIA-Räte geben deshalb einen indirekten Rabatt auf das Strafmaß: Von den dramatischen 100 Millionen werden die Provisionsgelder abgezogen, die McLaren-Mercedes für die bisher 166 gewonnenen WM-Punkte der Saison erhalten hätte. Für alle anderen zehn Rennställe bedeutet es aber, dass sie in der Endabrechnung einen Platz und mehrere Millionen hochrücken. Ferrari, dem mehr oder weniger stillen Ankläger in der Affäre, ist der Markentitel kaum noch zu nehmen, BMW wäre zum Vize-Weltmeister h.c. ernannt.

FIA lebt von und mit der Formel 1

Ob dem Team auch für 2008 eine Strafe auferlegt wird, entscheidet der Weltmotorsportrat erst im Dezember, wenn ihm Pläne für den neuen Silberpfeil vorgelegt werden müssen. Offiziell eine Überprüfung, ob Ferrari-Informationen in die Konstruktion für das kommende Jahr geflossen sind, hauptsächlich aber eine weitere Demütigung - wie das ausdrückliche Verbot, im Erfolgsfall bei den noch ausstehenden vier Rennen der Saison einen Teamvertreter aufs Podium zu schicken.

Ungeachtet aller Merkwürdigkeiten, die den Fall schon seit seinem Bekanntwerden Anfang Juli begleiten, bleibt für jeden Betrachter eine große Merkwürdigkeit: Wenn McLaren-Mercedes Autos einsetzt, die nach der Rechtssprechung nicht legal sind - warum dürfen dann die beiden Titelkandidaten Lewis Hamilton und Fernando Alonso weiterhin um die WM fahren? Ganz einfach: Weil mit einem Komplett-Ausschluss sonst die ganze Formel 1 zur Farce geworden wäre, weit über diese Saison hinaus. In einem Verfahren, über dessen Ablauf man vorher und nachher nicht viel erfuhr, reicht als Begründung dazu offenbar die Tatsache, dass die Piloten über ihre Verwicklung ausgesagt haben - und dass ihnen dafür vorher schon Amnestie zugesagt worden war. Ein klassischer Deal, wie ihn sonst Staatsanwälte in amerikanischen Kriminalfilmen machen. Auch die FIA lebt von und mit der Formel 1.

Nachspiele vor Gericht vorprogrammiert

Die 26 FIA-Funktionäre, meist Präsidenten nationaler Automobilklubs wie ADAC-Mann Hermann Tomczyk, wussten um die schwierige Gleichung, die sie bei der Anhörung zu erfüllen hatten: Jeder der Beteiligten sollte sein Gesicht behalten können, gleichzeitig musste der Gerechtigkeit und den empörten Ferraristi Genüge getan werden, aber auch den Millionen Zuschauern, zu deren Unterhaltung die McLaren-Fahrer im Rennen bleiben mussten. Ein juristischer Kompromiss, vor allem aber ein politischer. Das ursprüngliche Strafmaß war weit höher angesetzt: Ausschluss für 2007 und 2008.

100 Millionen Dollar Strafe kann man sich vielleicht noch leisten, aber einen Ruf, wie ihn der Radsport durch seinen zögerlichen Umgang mit der Doping-Problematik bekommen hat, nicht. Deshalb das - zumindest nach außen - abschreckende Urteil. Doch Nachspiele vor Gericht werden kaum zu vermeiden sein, schon im Rahmen seiner Verteidigungsstrategie hatte McLaren Dokumente vorgelegt, nach denen der Renault-Rennstall der Nutzung von McLaren-Ideen schuldig gesprochen werden müsste. Für das Klima des Neides und des Misstrauens, dass die sportlich spannendste Saison überschattet, liefert der Urteilsspruch neue Nahrung. Das Rennen um den guten Ruf der Sportart hat erst begonnen.

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