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Barbarez-Interview: "Dann ist das Finale drin"

Es ist die Rückkehr des großen alten Mannes an seine alte Wirkungsstätte. Sergej Barbarez trifft mit Bayer Leverkusen im Uefa-Cup-Achtelfinale am Abend auf den HSV, in dessen Diensten er sechs Jahre stand. Auf stern.de blickt er stolz auf seine Karriere zurück, spricht über seine große Liebe und Rafael van der Vaart.

Herr Barbarez, Sie sind hanseatischer Bosnier, mit Wohnsitz und Arbeitsplatz in Leverkusen, ganz schön exotisch, finden Sie nicht?

(Lacht) Der Karriereverlauf lässt sich manchmal nicht planen. Da muss man es so nehmen, wie es kommt. Diese Situation hat sich für mich vor anderthalb Jahren ergeben. Ich habe mich für Bayer Leverkusen entschieden und stehe voll dahinter. Meine Karriere hat mich in viele Städte gebracht, irgendwann wollte ich einen festen Wohnsitz haben, auch wegen der Familie. Da habe ich Hamburg ausgewählt, ich habe hier ja auch sechs Jahre gespielt. Auch nach der Karriere wird das meine Basis sein. Die Stadt passt wunderbar zu einem Weltenbummler wie ich es bin.

Am Mittwoch geht es im Uefa-Cup gegen Ihren alten Verein Hamburger SV. Hand aufs Herz, wie sehr schlägt noch eine Raute in Ihrer Brust?

Die Raute wird immer da sein. Ich bin aber Profi und weiß, was ich zu tun habe. Ich fühle mich sehr wohl in Leverkusen, und es ist meine Aufgabe, hier gute Spiele abzuliefern. Es ist schon das vierte Spiel gegen meinen Ex-Verein in dieser Saison, da ruhen die Emotionen über 90 Minuten. Ich empfinde für den HSV viel, ich spiele aber Fußball für Leverkusen.

Sie sind mittlerweile 36 Jahre alt und werden von der Öffentlichkeit als großer alter Mann des Fußballs geadelt. Ehrt Sie diese Auszeichnung?

Ja, mich macht es schon stolz, dass ich mit 36 noch Leistung bringe, von der Mannschaft gebraucht werde und vom Trainer für gut befunden werde.

Was ist denn wichtiger, jugendliche Spritzigkeit oder die Weisheit des Alters?

Das eine ist schwer mit dem anderen zu vergleichen. Ich glaube aber, wenn man den Kopf benutzt, hat man Vorteile. Das können erfahrene Spieler besser, ein Spiel antizipieren.

Wer ist in der Entwicklung weiter, der HSV oder Leverkusen?

Beide Mannschaften befinden sich auf Augenhöhe. Das sieht man in der Bundesliga und im Uefa-Cup. Auch wenn beide Teams in komplett anderen Systemen spielen, die Trainer andere Stile bevorzugen, haben beide auf ihre Art Erfolg.

Und wer wird Mittwoch die Nase vorne haben?

Es geht um die Tagesform. Nicht nur von der Mannschaft, sondern auch von Einzelspielern, die durch eine Aktion dieses Spiel entscheiden können. Alle Spiele in dieser Saison waren sehr knapp.

Worin unterscheiden sich denn die Spielstile beider Teams?

Der HSV ist sehr auf die Defensive konzentriert. In Leverkusen wird seit Jahren Offensivfußball gespielt. Den Unterschied sieht man auch in der Tabelle, anhand der Tordifferenz. Attraktiver für die Fans ist, glaube ich, unser Fußball. Der HSV spielt aber ein sehr souveränes System. Die schießen wenige Tore und holen viele Punkte.

Sie scheinen in Leverkusen angekommen zu sein. Ist es ein reines Zweckbündnis oder ist auch etwas Emotionales gewachsen?

Natürlich wächst so etwas. Ich habe immer an diese Geschichte geglaubt, ebenso wie mein Trainer, Verein und die Mitspieler. Wir spielen erfolgreich, was will man mehr? Ich habe auch schon während meiner HSV-Zeit gerne nach Leverkusen geschielt. Nicht, weil ich wechseln wollte, sondern weil hier schöner Fußball gespielt wird.

Wie steht es um Ihre Vertragsverlängerung, ein weiteres Jahr ist geplant?

Beide Seiten wollen unter bestimmten Bedingungen verlängern. Wunsch des Vereins ist die Qualifikation für das internationale Geschäft, davon könnte es abhängen.

Was sind Ihre Pläne nach der Karriere?

Ich bin ein Mensch, der versucht, das Heute zu genießen und nicht alles im Voraus zu planen. Meine aktive Laufbahn macht mir noch viel Spaß, da würde es nur schaden, wenn ich mir zu viele Gedanken über die Zukunft machen würde. Ich werde mit dem Fußball in Verbindung bleiben.

Sehen wir Sie eventuell noch einmal in der bosnischen Nationalmannschaft, Sie liebäugeln ja mit einer Rückkehr, nachdem Sie 2006 wegen Unzufriedenheit mit dem Funktionärswesen dort zurückgetreten sind?

Ja, das Angebot steht. Der Nationaltrainer hat mich angesprochen, ob ich wieder spielen kann. Mit 36 Jahren kann man zwar keine große Länderspielkarriere mehr starten, es ehrt mich aber.

Nochmals zum HSV: Sie sind eine der HSV-Ikonen dieses Jahrzehnts. Macht Sie das stolz?

Die Fans klatschen und jubeln immer noch, wenn ich einlaufe. Das macht mich sehr stolz. Wenn ich meine freien Tage in Hamburg verbringe, stoße ich nur auf positive Reaktionen, das ist toll. Ich verbringe ja jede Woche ungefähr zwei Tage an der Elbe, das ist mit Leverkusen so abgesprochen.

Tut es da nicht weh, dass Ihre alte Liebe kurz vor Torschluss nun wieder alles verspielen könnte und Sie daran mit Schuld wären?

Das hängt nicht von einem Spiel ab. Es geht um die Weiterentwicklung, auch international. Natürlich ist es schade, dass eine deutsche Mannschaft nun aus dem Uefa-Cup rausfliegt. Ich stehe aber im Dienst von Bayer Leverkusen und werde schauen, dass wir durchkommen. Wenn wir den HSV schlagen, ist auch das Finale drin.

Was ist denn das Erfolgsgeheimnis der jüngsten Leverkusener Erfolge?

Wir haben die Konstanz gefunden, guten Fußball zu spielen. Man sieht, wie sich die Mannschaft über den Zeitraum eines Jahres entwickelt hat, sieben, acht junge Spieler haben einen Riesensprung gemacht. Ich bin da gerne Ratgeber. Wenn wir das Niveau über einen längeren Zeitraum halten, können wir auch in der Bundesliga bald oben angreifen.

Apropos, Ihr Torkonto steht in der Liga bei 95, wann sind die 100 fällig?

(Lacht) Das ist für dieses Jahr vorgesehen, da muss ich aber Gas geben.

Eine letzte Sache noch: Würden Sie dem HSV-Star Rafael van der Vaart einen Wechsel im Sommer zu einem europäischen Topverein empfehlen?

Natürlich wäre es schade für Hamburg, wenn so ein Spieler ginge, aber vielleicht braucht er den großen Sprung, um sich weiterzuentwickeln. Der Verein würde ja finanziell profitieren.

Sie wären ja ein gutes Gegenbeispiel dafür, dass man Karriere machen kann, ohne je bei einem europäischen Topklub gewesen zu sein.

Ich bin zufrieden mit meiner Karriere. Ich wollte mich immer nur finden, das ist mir in Hamburg gelungen, auch außerhalb des Fußballs. Deswegen liebe ich diese Stadt.

Interview: Martin Sonnleitner

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