Boateng-Interview "Ich putze keinem die Schuhe"


Jerome Boateng gehört zu den letzten Straßenkickern in diesem Land. Im Sommer verließ er im Streit Hertha BSC Berlin. Im stern.de-Interview spricht das Talent über seinen Bruder, den Fußball-Gangsta Kevin-Prince, und den Ärger beim Hauptstadt-Club.

Im Sommer haben einige junge Profis Hertha BSC Berlin verlassen. Für Sie hat sich der Wechsel zum HSV gelohnt, Ihr Bruder Kevin-Prince kommt bei den Tottenham Hotspurs noch nicht zum Zug.
Ich bereue meinen Wechsel kein bisschen. Ich fühle mich super wohl hier in Hamburg und habe auch schon einige Spiele gemacht. Kevin ist natürlich genervt, dass er nicht spielt. Er will in England endlich zeigen, was er kann. Aber ich bin überzeugt, dass er sich durchsetzt.

Sie sind gewechselt, obwohl Ihnen Hertha nach wenigen Bundesligaspielen einen besser dotierten Vertrag als Profi angeboten hat. Mit angeblich 400 000 Euro Jahresgehalt.
Ich möchte nicht über Geld reden. Nur soviel: Die Zahlen, die genannt worden sind, stimmen nicht. Das war weniger. Hätten sie mir ein gutes Angebot nach meinem ersten Bundesligaeinsatz gemacht, hätte ich wahrscheinlich sofort den Vertrag unterschrieben.

Sie fühlten sich hingehalten?


Die wollten nicht mehr für mich ausgeben, obwohl ich seit der C-Jugend im Verein war. Auf der anderen Seite kommen Spieler von außerhalb ins Internat und kriegen gleich Profiverträge.

Die eigenen Jugendspieler haben keinen bekommen.


Ja, ich fühlte mich da ungerecht behandelt. Ashkan Dejagah ging es noch viel schlechter, den haben sie richtig fertig gemacht. Der hatte gar keine Chance und schon gar keine Lust mehr auf Fußball.

Dejagah ist da hingegangen, wo er mehr verdienen kann. Sie auch.


Ich habe Realschule gemacht. Mit Fußball kann ich etwas aus meinem Leben machen. Geld ist schon wichtig, aber nicht das Wichtigste. Ich wäre Hertha finanziell entgegen gekommen. Aber am Ende habe ich mich dort nicht mehr wohl gefühlt, das hatte auch nichts mit Geld zu tun.

Sie waren sauer, weil Trainer Falko Götz Ihre Familie in einem Interview schlecht dargestellt haben soll.
Da wurde behauptet, dass Kevin und ich unterschiedliche Väter hätten. Es ist genau andersherum: Wir haben verschiedene Mütter. Wenn man keine Ahnung von unserer Familie hat, dann soll man nichts erzählen, was nicht stimmt. Wir haben mit der Familie und meinem Berater Karel van Burik (Euro Soccer Advice, Anm. der Redaktion) dann überlegt, was das Beste ist. Aber am Ende habe ich mich für den HSV entschieden.

Es heißt, dass die Boatengs sonst nicht so empfindlich seien.


Das ist egal, wie man sonst ist. Da geht es um die Familie, da ist man empfindlich. Für mich war das auch ein Grund, von Hertha wegzugehen.

Es gab aber auch Ärger innerhalb der Mannschaft?


Es gab immer wieder Reibereien. Das ist normal, aber nicht in der Regelmäßigkeit. Meistens sind die älteren Spieler auf die jüngeren losgegangen.

Ihr Bruder war oft beteiligt an diesen Streitereien.


Er lässt sich nichts gefallen und damit konnten einige nicht umgehen. Es ist nicht immer einfach mit Kevin, aber so ist er eben. Manchmal waren die älteren Spieler auch im Unrecht. Kevin war schnell der Sündenbock. Wenn man verloren hat, war er immer schuld. Immer wurde er angemeckert: Kevin hör auf mit den Tricks.

Ihr Bruder gilt als sehr selbstbewusst und exzentrisch.


Wenn man schnell hoch kommt und alles gut läuft, ist man sehr selbstbewusst. Da muss man aufpassen, dass man nicht abhebt.

Neigt Kevin dazu?


Ja, ein bisschen gehört das bei ihm dazu. Aber er ist kein schlechter Mensch, wie das manchmal dargestellt wird.

Wie ist das bei Ihnen?


Ich kann nicht abheben, es gibt keinen Grund dazu. Ich habe noch gar nichts erreicht.

In England ist es üblich, dass junge Profis den älteren Spielern die Schuhe putzen.


Das würde Kevin auf keinen Fall machen und ich auch nicht. Es reicht, wenn ich die Materialien trage beim Training, aber ich putze keinem Älteren die Schuhe.

Interview: Rainer Schäfer


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