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Bundesliga im Check: Borussia Mönchengladbach: In aller Ruhe zu neuer Kraft

Bei Borussia Mönchengladbach ist Ruhe erste Fußballerpflicht. Nach Jahren voller hektischer Trainer- und Spielerwechsel hat es der Traditionsverein vom Niederrhein zuletzt geschafft, eine gefahrlose und solide Saison zu spielen. Klappt das nochmal?

Von Dieter Hoß

Was ist neu?
Das Neue bei Borussia Mönchengladbach ist, dass es nicht allzu viel Neues gibt. Wurde in den vergangenen Jahren meist recht kopflos der halbe Kader ausgewechselt, hält man inzwischen eisern am neuen Prinzip fest, das Team langfristig aufzubauen und gezielt zu verstärken. Eine solche gezielte Verstärkung soll der Vier Millionen-Euro-Einkauf Igor de Camargo sein. Der Brasil-Belgier kommt von Standard Lüttich und soll als spielstarker Offensivmann nicht nur selber Tore machen, sondern auch seinen Nebenleuten Raul Bobadilla, Marco Reus oder Karim Matmour Räume und Chancen eröffnen. Ob Mo Idrissou aber in das Offensivkonzept der Gladbacher passt? Der Ex-Freiburger und WM-Teilnehmer für Kamerun soll den zu Hertha BSC abgewanderten Rob Friend ersetzen, gilt aber als schwierig.

Die übrigen Neuen sind eher Perspektivspieler. Wohl am nächsten an der ersten Elf ist Innenverteidiger Bamba Anderson. Er spielte bei Fortuna Düsseldorf eine herausragende Zweitliga-Saison, hat nun aber das starke Duo Dante/Roel Brouwers vor sich.

Was ist gut?
Sportdirektor Max Eberl und Trainer Michael Frontzeck haben es geschafft, die Geister der Vergangenheit endlich zu vertreiben. Statt immer wieder längst vergangenen, glorreichen Tagen nachzutrauern, spielt die aktuelle Mannschaft endlich im Hier und Jetzt - akzeptiert auch vom Umfeld und den Fans. Das hat schon erste Früchte getragen: Die im Gros junge Mannschaft hat Zeit und Ruhe, sich zu entwickeln. Da es kaum Veränderungen gibt, ist das Team eingespielt. Vor allem zum Saisonstart sollte das ein Vorteil sein, der frühzeitig Punkte sichert. Im heimischen Nordpark ist die Borussia eine Macht. Selbst die Topteams der Liga müssen hier häufig die Segel streichen oder lassen zumindest Punkte liegen.

Das Potenzial des Kaders ist längst nicht ausgeschöpft. Die beiden Südamerikaner Raul Bobadilla und Juan Arango - in der vergangenen Saison schon einer der Top-Vorbereiter der Liga – können sich in ihrem zweiten Bundesligajahr steigern. Shooting-Star Marco Reus ist ein Kandidat für Nationaltrainer Jogi Löw und mit Michael Bradley (starke WM für die USA), Dante oder Eigengewächs Tobias Levels verfügt die Mannschaft über Charaktere, die ein Team auch einmal mitreißen können. Kommen die Gladbacher in Fahrt, haben sie auch spielerisch einiges drauf. Umgekehrt hat das Team schon bewiesen, dass es auch bei einer Niederlagenserie nicht auseinanderbricht.

Was ist schlecht?
So stark die Gladbacher zuhause sind, so erfolglos spielen sie in der Fremde - und das schon seit Jahren. Spieler und Trainer kamen und gingen, doch der unerklärliche Auswärtsfluch blieb. Das war auch vergangene Saison nicht anders. Ein bemerkenswerter Sieg beim HSV, ein Erfolg in Frankfurt - das war's auch schon fast. Am Saisonende stand Gladbach ganz unten in der Auswärtstabelle. Lässt sich das nicht abstellen, steht man in den Heimspielen ständig unter Druck. Eine Schwächephase kann dann schon fatale Auswirkungen haben. Und: Ohne Auswärtspunkte bleiben die Plätze in der ersten Tabellenhälfte logischerweise unerreichbar.

Ein weiteres Manko: Es lohnt sich, gegen die Borussia einfach mal draufzuhalten. Kein Team der Liga kassierte zuletzt so viele Weitschusstore wie Gladbach. Das wird gerne als Schwäche des ansonsten starken Torwarts Logan Bailly gesehen. Doch in Wahrheit trifft der Vorwurf die gesamte Defensive. Die lässt die Schützen des Gegners zu oft gewähren.

Auch ganz vorne gibt es seit einiger Zeit eine Baustelle. Der letzte echte Knipser der Borussia war Arie van Lent; Rob Friend traf nur in der 2. Liga erstklassig. Die beiden Top-Torjäger der vergangenen Saison waren Youngster Reus und Verteidiger Brouwers - dass es beide wieder auf je acht Tore bringen, ist eher unwahrscheinlich. Kann Bobadilla seine Konzentrationsschwäche vor dem Tor nicht ablegen und erweist sich de Camargo nicht als der große Goalgetter hat die Borussia ein Sturmproblem. Statistisch gesehen ist Idrissou Gladbachs treffsicherster Angreifer, aber der ist als eher "ungeplanter" Neuling (er kam nur aufgrund Friends Abgang nach Berlin) alles andere als im Team.

Was ist möglich?
Gladbach bewegt sich nach wie vor auf dünnem Eis. Der logische nächste Schritt im behutsamen Aufbau wäre, den 9. Platz anzustreben. Den kann Borussia schaffen, aber nur, wenn alles optimal läuft und der Auswärtsfluch endlich besiegt wird. Deshalb will Coach Frontzeck dieses Ziel so deutlich auch nicht formulieren. Das mag realistisch sein, wirkt aber auch ein wenig zögerlich. Borussia sucht in der Ruhe die Kraft, könnte aber auch das Phlegma finden. Wahrscheinlich ist am Ende wieder ein Tabellenplatz zwischen 10 und 12. Doch sollte es - anders als im vergangenen Jahr - unvorhersehbare Schwierigkeiten oder anhaltendes Verletzungspech geben, dann könnte es im Nordpark auch rasch wieder ums blanke Überleben gehen.

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