Bundesliga-Kommentar Das Post-Klinsmann-Syndrom


Die Branchenführer in der Bundesliga kränkeln vor sich hin. Bayern, Werder und auch der HSV "überzeugten" am Wochenende mit seltsam blutleeren Auftritten. Jetzt ist der Seelenklempner gefordert.
Von Klaus Bellstedt

Ist das nicht schön? Die Bayern verlieren in Bielefeld, Werder verspielt im Weser-Stadion eine sichere Führung und vergeigt gegen die "Übermannschaft" vom VfB Stuttgart. Der vierte Spieltag der Fußball-Bundesliga war reich an, sagen wir mal, interessanten Ergebnissen. Die Niederlagen der Branchenführenden schlugen dabei zweifellos die höchsten Wellen.

Arminia Bielefeld war seit März in der Liga sieglos. Gegen die Bayern reichte den Ostwestfalen eine engagierte kämpferische Leistung, um den Gegner in die Knie zu zwingen. Der hatte nur vier Tage zuvor in der Champions League noch leicht und locker Spartak Moskau mit 4:0 aus der Allianz-Arena gefegt. Ein Sieg, der bei den Münchnern vieles kaschiert hat. Ein Abstiegskandidat als Kontrahent reichte aus, um das zu beweisen.

WM-Helden außer Form

Der Double-Sieger ist auf keinem guten Weg. Vor der Saison hatte Trainer Felix Magath noch angekündigt, sich im August "durchwurschteln" zu wollen, um im Folgemonat wieder voll angreifen zu können. Nun ist der September auch schon fast rum. An der Säbener Straße dürfte es langsam ungemütlich werden - auch für Felix Magath. Der hatte sich nach der Blamage damit begnügt, schlaff anzumerken, so eine Niederlage käme "halt mal vor, wenn man unter der Woche Champions League spielt und sich die andere Mannschaft ganz auf die Bundesliga konzentrieren kann".

Mit der stumpfen Ausrede lieferte der Trainer nur ein feines Alibi für eine Mannschaft, die der Bielefelder Leidenschaft nichts entgegenzusetzen hatte. Die Aussage ihres Coaches dürfte besonders die Herrn Schweinsteiger und Podolski (beide Kicker-Note 5) erfreut haben. Weil die in Wirklichkeit (genauso wie Teamkollege Philipp Lahm) ganz andere Problemen mit sich herum schleppen. Und da schließt sich der Kreis. Denn auch die Bremer Nationalspieler stehen sinnbildlich für die Krise an der Weser. Die grün-weißen WM-Helden laufen ihrer Form hinterher (Frings, Borowski) oder sind verletzt (Klose).

"Morbus Söldneritis"

Wenn Sie mich fragen, ein klassischer Fall für die Couch. Alle Genannten haben nach dem WM-Rausch ganz offensichtlich ein gehöriges Motivationsproblem. Sie konnten bisher den Schalter nicht umlegen und scheiterten am tristen Alltagsgeschäft Fußball-Bundesliga. Vielleicht sogar ein bisschen nachvollziehbar. Wer die ersten Sequenzen von Sönke Wortmanns WM-Film "Deutschland. Ein Sommermärchen" gesehen hat, dem wird schnell klar, wie die Krankheit unserer wie Popstars gefeierten Nationalspieler nur heißen kann. Es ist das Post-Klinsmann-Syndrom.

Die Kunst des Therapeuten wird darin bestehen, die Patienten möglichst schnell zu heilen. Denn der heiße Herbst steht bevor und Fußball-Kenner wissen: Wenn die Blätter fallen, entscheiden sich Schlachten. Anders ausgedrückt: Bayern hat Aachen und Inter Mailand vor der Brust, Werder den HSV und Barcelona. Es gibt leichtere Gegner. Schnell noch ein Wort zum HSV: Beim dritten Champions-League-Teilnehmer aus der Bundesliga kennt man das Post-Klinsmann-Syndrom mangels eigener deutscher Nationalspieler nicht. Und trotzdem trägt die Mannschaft von Thomas Doll einen hochinfektiösen Virus in sich. Name: "Morbus Söldneritis". Die Hamburger präsentieren sich als zusammengewürfelter Haufen, aus dem im Zwei-Wochen-Rhythmus Einzelne ausscheren. Eine brandgefährliche Situation, weswegen auch für die Rothosen gilt: "Doc, übernehmen Sie!"


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