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Bundesliga-Kommentar: Geprügelte Hunde und Zaubermäuse

International hechelt der deutsche Fußball Manchester, Milan oder Barcelona hinterher. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt: Eine ausgestorbene Spezies macht sich in der Bundesliga wieder breit - und versetzt den Fan in Ekstase.

Von Klaus Bellstedt

Der deutsche Fußball ist international nur zweitklassig, der deutsche Fußball hinkt im Vergleich mit der englischen, italienischen und spanischen Liga wie ein geprügelter Hund hinterher. Jüngstes Beispiel: Der FC Bayern München, das Flaggschiff des deutschen Vereinsfußballs, kam auch diese Saison in der Champions League nicht über das Viertelfinale hinaus. Immerhin: Mit Werder Bremen hat wenigstens ein Bundesliga-Team noch die Chance auf einen europäischen Titel. So durchwachsen sich die Bilanz auf internationalem Parkett auch liest, national macht Fußballgucken wieder richtig Spaß.

Das liegt in erster Linie an den beiden Topfavoriten auf den Titel, Schalke und Bremen. Beide Teams haben auf der Zielgeraden einer langen Saison rechtzeitig zu ihrer Topform zurückgefunden und marschieren im Gleichschritt vorneweg. Verdient hätten beide Mannschaften den Titel, weil sowohl Spitzenreiter S04 als auch Werder ihrem Offensivstil stets treu geblieben sind - und weil sie über die überragenden Einzelspieler in ihren Reihen verfügen.

Der Schuss Genialität

Denken wir nur an den Brasilianer Lincoln: Auf welche Art und Weise das Schalker Mittelfeld-Ass das 3:0 gegen Mainz erzielte, verdient das Prädikat "Weltklasse". Aus vollem Lauf und aus 25 Metern einen Lupfer im Tor unterzubringen, das können nicht viele auf diesem Fußballplaneten. Oder Werders Diego: Gegen Dortmund "streichelte" die Bremer Zaubermaus einen Freistoß über die Mauer in den Winkel, wahrlich zum Zunge schnalzen.

In diesen Momenten schlägt das Herz der Fußballästheten, es hüpft geradezu vor Freude. Lincoln und Diego, zwei Brasilianer die der deutschen Bundesliga gut tun, weil sie der Liga den so bitter nötigen Schuss Genialität verleihen - gerade auch im Vergleich mit dem Ausland, wo Superstars wie Cristiano Ronaldo, Ronaldinho oder Totti fast wöchentlich ähnliche Geniestreiche vollbringen.

Stark bleiben!

Aus Gründen der internationalen Konkurrenzfähigkeit ist es, und da schließt sich der Kreis, umso wichtiger, Ausnahmespieler dieser Klasse langfristig an ihre Klubs zu binden. Natürlich gibt es Anfragen für Lincoln und Diego, beide würden ja auf Anhieb auch jede Mannschaft der Welt verstärken. Wenn also die Berlusconis oder Abramowichs ihre prall gefüllten Schatullen öffnen, dann heißt es für die Bundesliga-Manager stark bleiben. Lieber mal ein Gehalts-Scheinchen oben drauf packen, als dem ewigen Lockruf des Geldes zu verfallen. Denn was wären schon Klose und Kuranyi ohne ihre kongenialen Partner Diego und Lincoln? Vielleicht keine geprügelten, aber doch lahmende Hunde.

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