HOME

Bundesliga-Kommentar: Kollektiv schlägt Klasse

Bayern München? Armselig! Schalke 04? Die Psyche! Werder Bremen? Zerfleischt sich selbst! Übrig bleibt? Der VfB Stuttgart! Die Schwaben präsentieren sich mannschaftlich derart geschlossen, dass sie wohl Deutscher Meister werden.

Von Klaus Bellstedt

Ausnahmsweise wollen wir uns an dieser Stelle mal nicht über den FC Bayern auslassen. Auch wenn die nächste Niederlage des deutschen Rekordmeisters und deren Zustandekommen in der Rückschau so einiges an Stoff böte. Nein, wir lassen heute die anderen über den spielerischen Trümmerhaufen von der Isar berichten und widmen uns stattdessen lieber einer Mannschaft, die am Ende der Saison wahrscheinlich nicht nur den gefühlten "Meister-der-Herzen-", sondern auch den echten Titel gewinnen wird. Der VfB Stuttgart.

Frech und unbekümmert spielen die Schwaben jetzt schon seit vielen Wochen auf. Der VfB ist das beste Rückrundenteam, hat zuletzt fünfmal hintereinander drei Punkte einfahren können. Beim knappen 1:0-Duselsieg bei Absteiger Mönchengladbach spielte die Mannschaft schlecht - und gewann. Man könnte auch sagen sie spielte abgezockt. "Wer solche durchwachsenen Spiele gewinnt, "der kann ganz oben landen", sagt Flügelspieler Ludovic Magnin. Der Schweizer weiß, wovon er spricht. Mit Werder holte Magnin in der Saison 2003/2004 völlig überraschend den Titel, auch weil die Bremer - anders als heute - damals kühl bis ans Herz ihren Stiefel runterspielten.

Mannschaft ohne Stars

Das Wort "Meisterschaft" meiden sie weiter in Stuttgart und formulieren es auf ihre Art: "Eine Supersaison wollen wir jetzt krönen. Den einen Platz wollen wir jetzt auch noch höher kommen", so Trainer Armin Veh, der gemeinsam mit Manager Horst Heldt der Baumeister dieses neuen, frischen VfB Stuttgart ist.

Delpierre, Khedira, Hilbert, Pardo - die Schwaben haben keine Stars in ihren Reihen, selbst Nationalspieler wie Timo Hildebrand oder der verletzte Mario Gomez stechen aus dem eingeschworenen Kollektiv nicht hervor. Auch das unterscheidet den Club, der zuletzt vor 15 Jahren unter Trainer Christoph Daum den Titel gewinnen konnte, von der Konkurrenz.

Mit der Zeit immer stabiler

Natürlich verfügen Schalke und Bremen über stärkere Kader als der VfB. Aber was hilft das schon, wenn die Mannschaft als solche nicht funktioniert? Wenn einzelne Schlüssel-Spieler wie bei Werder Frings und Klose sich derart unprofessionell verhalten und ausgerechnet im Saison-Finale lustige Ausflüge nach Turin und Hannover unternehmen, um "Informationsgespräche" mit abwerbenden Clubs zu führen, dann ist längst alles zu spät. Das Kollektiv wird solche grob fahrlässigen Alleingänge niemals verzeihen. Die Folge: Die Mannschaft funktioniert nicht mehr. Der VfB Stuttgart funktioniert. Immer besser.

Während also die Schalker an der Favoritenbürde scheinbar auch psychisch immer mehr zu knabbern haben, und Werder sich selbst zerfleischt, wird Armin Vehs Team, je länger die Saison dauert, ein immer stabileres Gesamtkunstwerk. Genau darin liegt die Gefahr für die Konkurrenz.

Wissenscommunity