Bundesliga-Ruhestätte Friedhof der Kuttenträger


Ausgerechnet am Tag des Friedhofs hat der HSV mit einem zünftigen "Leichenschmaus" als erster Bundesligist den Grundstein für ein Gräberfeld gelegt. Die Treusten der Treuen finden hier ihre letzte Ruhestätte. Besonders beliebt: der Sarg mit Vereins-Logo.
Von Martin Sonnleitner

Herr Schmidt sieht traurig aus. Der 81-Jährige steht auf einer sattgrünen Lichtung auf dem riesigen Areal des Altonaer Friedhofes und wartet. Der Fußballverein Hamburger SV lässt hier auf 2.500 Quadratmetern Fläche den ersten offiziellen Bundesliga-Friedhof anlegen. Gleich wird Vorstand Christian Reichert an diesem herrlichen Spätsommertag den Grundstein für das neue Gräberfeld legen. Ziemlich einmalig für die deutsche Fußballszene, dass Fans des HSV fortan ihre letzte Ruhestätte mit ihrer großen Liebe und Leidenschaft verbinden können.

“Wir sehen das Ganze nicht kommerziell“, betont Reichert. “Die Einnahmen stecken wir ausschließlich in die Gestaltung und in die Pflege.“ Der Verein dient beim Verkauf der Gräber lediglich als Vermittler, Lizenzverträge für die Organisation und Abwicklung werden an Beerdigungsunternehmen und Steinmetze vergeben. Dennoch ist das gesamte Gelände exklusiv für HSVer reserviert.

Auch Ernst Schmidt überlegt, ein Grab zu nehmen. “Meine Frau liegt seit vier Jahren auf diesem Friedhof“, erzählt der Rentner. Sein Blick schweift über das von Eckfahnen stilistisch abgegrenzte HSV-Gelände. Dann beichtet er: “Ich habe zwar ein Doppelgrab gekauft, überlege trotzdem, ob ich mir hier mein Grab nehme.“ Natürlich will Schmidt dies mit seinen Kindern beraten. Der rüstige Rentner weiter: “Ich bin seit 57 Jahren dabei und zu 150 Prozent HSV-Fan.“

Modellgrab in den Vereinsfarben

Die Phantasie der Grabgestaltung bleibt den Käufern selber überlassen. “Wer sich nur in einer schlichten Urne begraben lassen will, kann das machen“, so Reichert. Schließlich könne sich ja auch ein Frankfurter Fan in Hessen in einem HSV-Sarg beerdigen lassen. “Alles zusammen ist nur hier möglich“, frohlockt Reichert.

Hier, unter Eichelbäumen, keine 50 Meter hinter der riesigen Nordbank-Arena, Eingang Süd-West des Stellinger Ovals, liegt das vor zwei Jahren freigewordene Gräbergrundstück. “Unter 50.000 Mitgliedern gibt es bestimmt Anhänger, die das nutzen wollen“, ist sich Reichert sicher. 15 konkrete Anfragen liegen bereits vor.

Auch Carsten ist darunter. Der 30-jährige HSV-Fan posiert gerade stolz für ein RTL2-Team und zeigt seine frischen Tattoos mit HSV-Raute. Er steht vor einem Modellgrab. Ein in den Vereinsfarben Schwarz-Weiß-Blau angelegtes Blumenbeet säumt den Grabstein, in den kunstvoll ebenfalls das traditionelle HSV-Farbmuster vom Steinmetz eingearbeitet wurde. Schwarze Heuchera und Blühheide bilden im Beet die Raute ab, wobei die blaue Blühheide eingefärbt wurde.

Erste Schippe in das Loch mit der Kiste

Es wird Ernst, gleich soll der Grundstein gelegt werden und das ausgerechnet am “Tag des Friedhofes“. In eine Silberkiste wurden die HSV-Zeitungsartikel vom Wochenende gepackt, ein kleines Loch dient als letzte Herberge. Reichert hält noch eine Rede über die deutsche Grabstättenverordnung. Fans traten immer wieder mit skurrilen bis hin zu morbiden Wünschen an den Verein heran. “Kann ich mich im Stadion bestatten lassen? Kann ich meine Asche über das Spielfeld streuen lassen? Kann ich meine Urne unter den Elfmeterpunkt setzen lassen?“, lauteten die Anfragen. So wurden beim englischen Erstligaklub FC Everton bereits Urnen am Spielfeldrand versenkt. “Das ist in Deutschland nicht möglich“, klärt Reichert auf.

Kurz erwähnt er noch, dass ein Tor am Eingang zwecks doppelter Symbolik aufgestellt wird, “auch der Schritt durchs Tor am Ende des Lebens hat eine gewisse Bedeutung“. Dann schüttet Reichert die erste Schippe in das Loch mit der Kiste. Kurz darauf ist der Grabstein gelegt, der erste Bundesliga-Friedhof offiziell eingeweiht.

Auch an kreative Elemente ist gedacht worden. “Wir werden drei Grabreihen in Halbmonden anlegen“, erklärt Lars Rehder, von der Friedhofsgärtner-Genossenschaft, der 2005 mit der Idee an den HSV rangetreten ist. “Der Höhenabstand beträgt jeweils einen halben Meter, so dass es tribünenartig aussieht.“ Auch wenn die Gesamtfläche nur rund ein Drittel eines reellen Spielfeldes ausmacht, wird an Heimspieltagen Stadionatmosphäre aufkommen. “Zumindest hört man, was los ist“, schmunzelt Reichert.

"Keine knallbunten Grabsteine"

Der HSV beteiligt sich nur indirekt an dem Projekt. Über seinen offiziellen Fanklub “Supporters Club“ wurden 20.000 Euro investiert, für den Rest der Kosten, zwischen 50 und 100.000 Euro kommt der Bezirk Altona auf. Bis zu 500 Fans sollen dafür ihre letzte Ruhestätte erhalten können.

Am Ende der Veranstaltung wird bei Kaffee und Butterkuchen der traditionelle norddeutsche Leichenschmaus verköstigt. “Ich hoffe, alle HSVer werden ewig leben“, posaunt Reichert noch heraus. Auch die Laune von Herrn Schmidt hat sich aufgehellt. Reichert rundet den pietätvollen Nachmittag ab: “Es wird keine knallbunten Grabsteine geben.“


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